HAMNET – Megabit statt Morsezeichen
Ich gebe es offen zu: Ich bin ein hoffnungsloser Fall, wenn es um Dinge geht, die man selbst bauen, hosten und betreiben kann, statt sie bei einem Konzern zu mieten. Zu Hause summen bei mir Nextcloud, PiHole und ein halbes Rechenzentrum im Schrank vor sich hin, im Shack steht das Funkgerät – und irgendwann war es nur logisch, dass mich ein Netz elektrisiert, das genau beides verbindet: Amateurfunk und Internet-Technik, komplett in Eigenregie, ohne Provider, ohne monatliche Rechnung, im Zweifel sogar ohne öffentliches Stromnetz. Genau das ist HAMNET. Ich bin (noch) kein aktiver Betreiber, sondern neugieriger Chronist – aber je tiefer ich für diesen Artikel gegraben habe, desto mehr habe ich verstanden, warum dieses selbstgebaute Gigahertz-Internet so ein faszinierendes Stück Hobby ist. Was ich dabei gelernt habe, schreibe ich hier auf – für alle, die es genauso wissen wollen wie ich.

1. Einleitung: Wenn Funkamateure das Internet „nachspielen“ (nur besser)
Bevor wir uns in Adressbereiche, Richtfunkspiegel und Paragraphen stürzen, klären wir erst mal das Grundsätzliche: Was ist dieses HAMNET überhaupt, warum haben es sich Funkamateure ausgedacht, und was hat das Ganze mit dem „echten“ Internet zu tun? Dieses Kapitel ist die sanfte Auffahrt auf die Datenautobahn – ohne dass ich dich gleich mit Fachchinesisch erschlage.

1.1 Definition und Begriffsklärung: Das Kind braucht einen (langen) Namen
Willkommen in der Welt von HAMNET, was die extrem sperrige Abkürzung für Highspeed Amateurradio Multimedia NETwork ist – ein Begriff, der so klingt, als hätte man versucht, jedes hippe Technik-Schlagwort der 90er in einen Mixer zu werfen. Im Grunde ist es das, was wir Funkamateure als unser ganz privates „Intranet“ bezeichnen, ein abgeschlossenes Hochgeschwindigkeits-Datennetz, das uns gehört und (hoffentlich) nur von uns bedient wird. Während der normale Bürger bei „Netzwerk“ an Glasfaser und monatliche Rechnungen denkt, bauen wir uns dieses Spielzeug komplett selbst über Richtfunkstrecken im Gigahertz-Bereich auf.
Technisch gesehen ist HAMNET ein IP-Netzwerk, das auf dem guten alten TCP/IP-Protokoll basiert – ja, genau das Zeug, das auch das „echte“ Internet antreibt, nur dass wir uns nicht mit Werbebannern und Katzenvideos herumschlagen müssen. Wir nutzen dafür vor allem die Amateurfunkbänder bei 13 cm (2,3 GHz), 6 cm (5,7 GHz) und gelegentlich 3 cm (10 GHz), was uns spektral gesehen zu Nachbarn von WLAN macht, nur dass wir meistens mehr Leistung und bessere Antennen haben. Um das Ganze abzurunden, besitzen wir sogar einen eigenen, exklusiven IPv4-Adressraum, das sogenannte AMPRNet (Netz 44.0.0.0/8), damit wir uns im digitalen Äther nicht gegenseitig auf die Füße treten.
1.2 Vision und Zielsetzung: Warum wir das alles eigentlich machen
Man könnte sich fragen: Warum der ganze Aufwand, wenn man doch überall LTE hat? Die Antwort ist simpel: Weil wir es können – und weil wir unabhängig sein wollen (ein Gedanke, der mich auch schon bei meinem Blick auf Starlink beschäftigt hat, nur diesmal ganz ohne Satelliten und Abo-Gebühr). Die Vision hinter HAMNET war ursprünglich die sukzessive Ablösung des uralten Packet-Radio-Netzes, das mit seinen 1200 oder 9600 Baud mittlerweile so charmant-langsam war wie ein Modem-Einwahlgeräusch aus den 80ern. Wir wollten weg von der digitalen Steinzeit und hin zu Bitraten von bis zu 200 Mbit/s, was uns erlaubt, Dinge zu tun, von denen unsere Funk-Vorfahren nur träumen konnten.

Die Ziele sind dabei so ambitioniert wie ein Erstsemester-Projekt an der TU:
- Technologieförderung: Wir motivieren uns (und hoffentlich ein paar verirrte Jugendliche) dazu, hocheffiziente Modulationsarten und freie Hard- sowie Software zu entwickeln.
- Wissenstransfer: Wir wollen, dass die „alten Hasen“ den „jungen Hüpfern“ zeigen, wie man Antennen baut, während die Jungen den Alten erklären, wie man eine Routingtabelle unfallfrei konfiguriert.
- Notfunk: Im Falle einer Katastrophe, wenn das kommerzielle Internet und das Stromnetz den Geist aufgeben, soll unser HAMNET dank Batterie- und Solar-Pufferung als autarkes Rückgrat für Einsatzkräfte bereitstehen.
- Experimentierfreude: Es ist ein riesiger digitaler Spielplatz für IT-Grundlagen, Wellenausbreitung und alles, was man mit einem MikroTik-Router und einer Prise Wahnsinn anstellen kann.
Wer sich für die ausführlichere Vision-und-Ziele-Seite interessiert, findet in dieser Einführungspräsentation eines Ortsverbands noch mehr Hintergrund.
1.3 Bedeutung für den modernen Amateurfunk: Mehr als nur alte Männer in Kellern
HAMNET ist die Reinkarnation des Amateurfunks im digitalen Zeitalter. Es beweist, dass wir nicht nur in der Lage sind, in ein Mikrofon zu brüllen, sondern auch komplexe Backbone-Strukturen zu managen, die locker mit regionalen ISPs mithalten könnten – zumindest was den Enthusiasmus angeht. Für die heutige Generation ist die Verbindung von Elektrotechnik und Informatik der „Sweet Spot“, der unser Hobby überhaupt noch relevant hält.
In einer Zeit, in der jeder ein Smartphone in der Tasche hat, zeigt HAMNET, dass wir immer noch Pioniere sein können, indem wir unsere eigene Infrastruktur jenseits von kommerziellen Abhängigkeiten betreiben. Es ist eine Plattform für Innovationen wie WebSDR, digitales Fernsehen (DATV) oder die Vernetzung von weltweiten Relais-Verbünden (DMR, D-Star), die ohne diesen schnellen „Daten-Highway“ im Äther gar nicht möglich wären. Kurz gesagt: HAMNET ist der Beweis, dass Funkamateure auch im 21. Jahrhundert wissen, wo der digitale Hammer hängt.
Ein ehrliches Wort vorab, bevor du mich für einen abgebrühten HAMNET-Veteranen hältst: Ich bin hier der begeisterte Chronist, nicht der zerschundene Praktiker. Meine eigene HAMNET-Karriere beschränkt sich bislang aufs andächtige Bestaunen der Karten in der HamnetDB und aufs Sabbern über NanoStation-Preise – der Mast auf dem Dach ist noch reine Theorie. Was jetzt kommt, ist also Chronistenpflicht mit Universaldilettanten-Siegel: gründlich recherchiert, aber ohne die Schwielen an den Händen, die ein echter Sysop nach der zehnten Dachkletterei hat. Nimm die Praxistipps also als „so läuft das angeblich“ und nicht als „so hab ich’s letzten Samstag gemacht“.
2. Historische Entwicklung und Organisation: Von der digitalen Steinzeit zum Millionen-Deal
Kein Netz fällt vom Himmel – und unseres schon gar nicht. Bevor wir über Megabit reden, lohnt ein Blick zurück: von den piepsenden Anfängen des Packet Radio über einen legendären Adress-Deal mit einem gewissen Online-Versandhaus bis zu den drei Ehrenamtlichen, die den deutschen IP-Laden heute zusammenhalten. Schnall dich an, wir machen Zeitreise.

2.1 Vom Packet Radio zum Breitbandnetz: Ein technischer Rückblick
Um zu verstehen, warum wir heute so stolz auf unsere Richtfunkstrecken sind, müssen wir zurück in die 80er Jahre reisen. Damals, als Vokuhilas noch eine legitime Frisur waren, erfanden Funkamateure das Packet Radio. Es basierte auf dem AX.25-Protokoll – im Grunde eine Art digitaler Morsecode für Fortgeschrittene (wobei das mit dem echten Morsen, das ich mir gerade selbst beibringe, technisch natürlich nichts zu tun hat – nur das Prinzip „mühsam Zeichen für Zeichen“ fühlt sich verwandt an). Die Übertragungsraten von 1200 oder 9600 Baud fühlten sich damals rasend schnell an, aber aus heutiger Sicht war es eher so, als würde man versuchen, einen Roman per berittenem Boten zu verschicken: Man wusste, dass die Nachricht ankommt, man wusste nur nicht, ob man bei der Ankunft noch lebte.
Nach 1997 passierte erst einmal wenig Innovation, während das „echte“ Internet mit Siebenmeilenstiefeln an uns vorbeizog. Um das Jahr 2005 herum hatten unsere Kollegen in Österreich (ÖVSV) dann die Nase voll vom digitalen Schneckentempo und begannen, mit WLAN-Hardware zu experimentieren. Im Jahr 2008 wurde daraus offiziell HAMNET. In Deutschland fiel der Startschuss im Herbst 2009 auf der Fachmesse Interradio in Hannover. Plötzlich war Schluss mit „Piep-Rausch-Warten“; wir wollten Megabit statt Baud.
2.2 Das AMPRNet und der IP-Adressraum 44.0.0.0/8
In der digitalen Frühzeit gab es einen Visionär namens Hank Magnuski (KA6M). Er erkannte schon 1981 – also noch bevor das öffentliche Internet überhaupt richtig laufen lernte –, welches Potenzial TCP/IP für den Amateurfunk hatte, und beantragte bei Jon Postel (damals die wandelnde IANA in Personalunion) einen kompletten Class-A-IP-Adressraum für den Amateurfunkdienst: das Netz 44.0.0.0/8, auch bekannt als AMPRNet. Das sind theoretisch 16,7 Millionen IP-Adressen – genug, um jedem Funkamateur und seinem Goldfisch eine eigene IP zu geben.
Verwaltet wurde dieser Schatz zunächst von einer losen Runde engagierter Funkamateure. Ab Mitte der 80er übernahm dann Brian Kantor (WB6CYT) von San Diego aus die Administration des Netzes – jener Mann, der später (2011) auch bei der Gründung der verwaltenden Stiftung ARDC die Feder führte. Wichtig fürs Angeben am Clubabend: Magnuski hat den Block besorgt, Kantor hat ihn jahrzehntelang gehütet. Wer beide verwechselt, muss die nächste Runde Kaltgetränke zahlen.
Dieses Netz ist unser „Hoheitsgebiet“ im IPv4-Universum. Während der Rest der Welt sich um die letzten freien IPv4-Reste prügelt, haben wir dank dieser Weitsicht unseren eigenen Spielplatz, auf dem wir routen können, wie es uns gefällt, ohne dass uns ein kommerzieller Provider dazwischenquatscht.
2.3 Die Rolle der ARDC und internationale Koordination: Der Tag, an dem wir reich wurden
Die Verwaltung dieses gigantischen Adressschatzes liegt heute bei der ARDC (Amateur Radio Digital Communications) in San Diego. Im Jahr 2019 passierte dann das Undenkbare: Da IPv4-Adressen im Internet mittlerweile so wertvoll sind wie Klopapier während einer Pandemie, verkaufte die ARDC ein Viertel unseres Adressraums (den Bereich 44.192.0.0/10, immerhin rund vier Millionen Adressen) an Amazon.
Der Preis? Schlappe 108 Millionen US-Dollar – das sind etwa 27 Dollar pro Adresse. Ja, du hast richtig gelesen: Wir Funkamateure haben quasi den Jackpot geknackt, indem wir ungenutzte Zahlenreihen verkauft haben. Die ARDC nutzt dieses Geld nun als gemeinnützige Stiftung, um technische Projekte im Amateurfunk weltweit zu fördern (und schüttet dafür jährlich mehrere Millionen an Fördermitteln aus). Der Haken an der Sache: Da im verkauften Bereich auch große Teile des deutschen HAMNET-Adressraums lagen, mussten wir viele unserer Adressen in eine gigantische Umschreibungsaktion in den behaltenen Bereich (44.128.0.0/10) umziehen. Manches blieb zwar verschont – der Packet-Radio-Klassiker 44.130.0.0/16 zum Beispiel liegt seit jeher im sicheren Hafen –, aber wer heute noch eine „alte“ 44.224er-Adresse in freier Wildbahn sieht, schaut quasi in ein digitales Museumsstück, das jetzt eigentlich Jeff Bezos gehört.

2.4 Die DL-IP-Koordination: Die drei Musketiere des deutschen Netzes
Damit in Deutschland nicht jeder wild drauflos konfiguriert, gibt es die DL-IP-Koordination. Seit 2003 kümmert sich dieses Team um die Vergabe von Adressen, und seit 2009 auch um die Zuweisung von Autonomen Systemen (AS) und AS-Nummern für das BGP-Routing.
Aktuell besteht das Team aus drei ehrenamtlichen Experten:
- Egbert Zimmermann (DD9QP): Zuständig für den Bereich West.
- Jann Traschewski (DG8NGN): Zuständig für Nord und Süd (und so ziemlich alles, was mit Hardware zu tun hat).
- Thomas Osterried (DL9SAU): Der Mann für den Osten und die DNS-Strukturen.
Diese drei Herren sorgen dafür, dass die Regionalkoordinatoren (oft angelehnt an die DARC-Distrikte) ordentlich mit IP-Blöcken versorgt werden. Wenn dein lokaler HAMNET-Knoten also eine saubere IP und eine AS-Nummer hat, dann nur, weil diese drei im Hintergrund die digitalen Fäden ziehen und darauf achten, dass wir uns nicht gegenseitig die Routen „zerschießen“.
3. Technische Grundlagen: Von magischen Wellen und Plastikdosen auf dem Dach
Jetzt wird’s technisch – aber keine Sorge, ich halte die Formeln kurz. In diesem Kapitel schauen wir uns an, warum wir überhaupt in den Gigahertz-Bereich klettern, mit welcher Hardware wir das anstellen und warum ein einzelner Baum zwischen zwei Antennen zum erbittertsten Feind des Funkamateurs werden kann. Willkommen bei der Physik, die bekanntlich nicht mit sich verhandeln lässt.

3.1 Physikalische Übertragung: Willkommen im Gigahertz-Dschungel
Wenn wir über die physikalische Übertragung im HAMNET sprechen, verlassen wir die gemütliche Kurzwelle und begeben uns in den Bereich, in dem Wellenlängen so kurz sind, dass sie fast in eine Espressotasse passen. Wir nutzen hauptsächlich die Bänder bei 13 cm (2,3 GHz), 6 cm (5,7 GHz) und gelegentlich 3 cm (10 GHz).
Das 13-cm-Band ist unser „Brot-und-Butter“-Band für den Benutzereinstieg. Es liegt direkt neben dem kommerziellen 2,4-GHz-WLAN, aber wir haben den Vorteil, dass wir uns nicht mit den Mikrowellenöfen der Nachbarn oder den Babyphonen von gegenüber um die Bandbreite prügeln müssen. Das 6-cm-Band hingegen ist das Arbeitstier für den Backbone, also die Richtfunkstrecken zwischen den großen Knotenpunkten. Hier oben ist die Luft dünner, die Frequenzen höher und die Hardware-Anforderungen werden etwas „zickiger“, da jedes Blatt am Baum plötzlich wie eine Mauer wirkt. Eine gute Übersicht, welche Bänder regional wofür genutzt werden, liefert übrigens der Distrikt Oberbayern in seiner HAMNET-Einführung.
Wer glaubt, wir würden hier mit Kilowatt-Endstufen wie auf der Kurzwelle um uns schießen, irrt gewaltig: Die kleinen Ubiquiti- oder MikroTik-Kästen senden meist nur mit ein paar hundert Milliwatt bis wenigen Watt. Das eigentliche Geheimnis steckt im Antennengewinn – Gitterspiegel mit 23 bis 25 dBi verwandeln das „Taschenlampen-Signal“ in einen gebündelten Laserstrahl. Für automatisch arbeitende Backbone-Linkstrecken hat sich der DARC mit der Bundesnetzagentur sogar auf bis zu 30 dBW ERP geeinigt – das sind satte 1.000 Watt Strahlungsleistung, während für alle anderen Zwecke weiterhin die alte Grenze von 15 W ERP gilt.
3.2 Modulationsverfahren und Bandbreiten: Digitaler Speed-Rausch
Damit wir Datenraten erreichen, bei denen ein altes Packet-Radio-Modem vor Neid erblasst, nutzen wir hocheffiziente Verfahren wie OFDM (Orthogonal Frequency Division Multiplexing). Man kann sich das wie 52 kleine Funkstationen vorstellen, die alle gleichzeitig auf engstem Raum ihre Datenpakete herausschreien, ohne sich gegenseitig zu stören.

Zusätzlich nutzen wir MIMO (Multiple In Multiple Out), was im Grunde bedeutet, dass wir zwei Signale gleichzeitig über dieselbe Frequenz schicken – eines horizontal und eines vertikal polarisiert. Das verdoppelt theoretisch die Datenrate, sofern die Antennen ordentlich ausgerichtet sind. Bei den Bandbreiten sind wir in Deutschland allerdings etwas „eingesperrt“: Während unsere österreichischen Nachbarn im Daten-Schlaraffenland leben, sind wir hierzulande meist auf 5 MHz für Benutzer und 10 MHz für Linkstrecken limitiert. Trotz dieser „digitalen Diät“ schaffen wir es, Geschwindigkeiten von bis zu 200 Mbit/s durch den Äther zu jagen.
3.3 Hardware-Komponenten: Kommerz-Technik im Tarnanzug
Der Clou am HAMNET ist, dass wir keine sündhaft teuren Spezialgeräte aus der Weltraumforschung brauchen. Wir nehmen einfach das, was Profi-Netzwerker für Hotels oder Firmengelände nutzen, und „biegen“ es softwareseitig auf unsere Frequenzen um.
Die zwei Platzhirsche im Ring sind:
- Ubiquiti: Die NanoStation M5 ist quasi der VW Golf des HAMNET-Einstiegs. Sie ist günstig (~80 €), wetterfest und hat die Antenne direkt im Gehäuse.
- MikroTik: Das ist eher die Wahl für Funkamateure, die gerne 500 Schalter im Menü haben und sich nicht scheuen, ein Studium in Netzwerktechnik zu absolvieren, nur um eine statische Route zu setzen.
Betrieben wird der ganze Spaß über PoE (Power over Ethernet). Das bedeutet, wir legen nur ein einziges Netzwerkkabel zum Mast, das sowohl den Strom als auch die Daten transportiert. Das spart Kabelgewirr und sorgt dafür, dass wir die empfindliche Hochfrequenz-Elektronik direkt an der Antenne lassen können, um Leitungsverluste zu vermeiden. Ein ausführlicher Praxisbericht zu genau dieser Hardware-Wahl findet sich bei DF9OM.
3.4 Ausbreitungsbedingungen: Die bittere Wahrheit über Bäume
Jetzt kommt der Teil, der viele Funkamateure zur Verzweiflung treibt: LOS (Line of Sight). In den Gigahertz-Bändern ist „Sichtverbindung“ nicht nur ein gut gemeinter Ratschlag, sondern ein physikalisches Gesetz. Wenn du den Einstiegspunkt nicht mit dem Fernglas sehen kannst, wirst du ihn höchstwahrscheinlich auch nicht pingen können.
Wir müssen uns zudem mit der sogenannten Fresnel-Zone herumschlagen. Das ist ein zigarrenförmiger Bereich um die Sichtlinie, der absolut frei von Hindernissen sein sollte. Ein einsamer Kirschbaum im Weg kann hier schon den Unterschied zwischen „Netflix-Streaming-Speed“ und „Daten-Friedhof“ ausmachen. Die Streckendämpfung bei diesen Frequenzen ist zudem enorm: Während 10 km auf 2 m noch fast jedes Handfunkgerät schafft, verfrühstücken 5,8 GHz auf der gleichen Distanz stolze 127,7 dB. Wer sich für die Physik dahinter noch tiefer interessiert – Ausbreitungsbedingungen, Reflexionen, Dämpfung und Co. habe ich in meiner Funkwetter-Serie ausführlicher aufgedröselt. Aber hey, wer braucht schon Bequemlichkeit, wenn er die Genugtuung haben kann, eine perfekt ausgerichtete Richtfunkstrecke über 150 km stabil zu halten?
4. Netzwerkarchitektur und Management: Wir spielen ISP (und meistens klappt’s)
Willkommen im Maschinenraum. Wenn du dachtest, Amateurfunk bestünde nur daraus, Draht in Bäume zu werfen, dann schnall dich an. Im HAMNET benehmen wir uns wie ein professioneller Internet Service Provider (ISP) – nur ohne die nervige Hotline und die überteuerten Tarife. Wir bauen ein dezentrales, weltumspannendes Netz, das auf den gleichen Protokollen basiert, die auch das „echte“ Internet zusammenhalten, aber wir betreiben es auf unseren eigenen Gipfeln und Kirchtürmen.

4.1 Netztopologie: Von Berggipfeln und der „letzten Meile“
Die Architektur des HAMNETs ist zweigeteilt, wie eine gute Funkstation: Es gibt das Backbone und die Benutzereinstiege.
Das Backbone ist unser digitaler Highway. Es besteht aus permanent installierten Hochgeschwindigkeits-Richtfunkstrecken, die meist von Berggipfel zu Berggipfel (Hilltop-to-Hilltop) springen. Diese Links nutzen vorzugsweise das 6-cm-Band (5,7 GHz), weil dort die Kanäle weniger überlaufen sind als im heimischen WLAN-Sumpf. Mit 10 MHz Bandbreite jagen wir hier Datenmengen durch den Äther, die locker für flüssige Video-Streams und die Fernsteuerung ganzer Relaisstellen ausreichen.
Die Benutzereinstiege (User Access) sind dagegen die „letzte Meile“. Hier strahlen wir meist im 13-cm-Band (2,3 GHz) mit Sektorantennen in die Täler und Städte. Der Clou: Da wir hier außerhalb der normalen WLAN-Frequenzen funken, stört uns das Netflix-Streaming des Nachbarn nicht im Geringsten.
4.2 Routing-Konzepte: BGP oder „Wie finde ich nach Hamburg?“
Damit ein Datenpaket von einem Benutzer in München tatsächlich bei einem Server in Hamburg ankommt, nutzen wir das Border Gateway Protocol (BGP). Im HAMNET ist die Welt (oder zumindest Deutschland) in Autonome Systeme (AS) unterteilt.
Ein AS entspricht meist einer Region oder einem DARC-Distrikt und hat seine eigene, exklusive AS-Nummer. Innerhalb dieser „digitalen Hoheitsgebiete“ (ca. 15 bis 20 Knoten pro AS) können die regionalen Administratoren schalten und walten, wie sie wollen – ob sie nun OSPF (Open Shortest Path First) für das interne Routing nutzen oder lieber bei iBGP bleiben, ist ihre Sache. Aber an den Grenzen der Regionen wird BGP gesprochen. Das ist der Kleber, der die einzelnen „HAMNET-Inseln“ zu einem großen Ganzen verbindet. Es ist ein bisschen wie Diplomatie: Wir tauschen Routen aus und vertrauen darauf, dass das andere AS weiß, was es tut.
4.3 IP-Adressmanagement: Das 44er-Netz ordentlich zerhackt
Erinnerst du dich an den Millionen-Deal mit Amazon aus Kapitel 2? Trotz des Verkaufs haben wir immer noch genug Adressen, um uns nicht gegenseitig auf die Füße zu treten. Die DL-IP-Koordination hat Deutschland in handliche Häppchen unterteilt:
- 44.130.0.0/16: Hier tummeln sich die Klassiker wie Packet Radio und die neuen NPR70-Einstiege.
- 44.148.0.0/16: Das ist das Herzstück für das Backbone und unsere HamCloud-Services (Letztere wohnen präzise im Bereich 44.148.128.0/17).
- 44.149.0.0/16: Der Platz für Benutzer und lokale Dienste.
In der Praxis bekommt ein einzelner Standort (Site) oft ein /27-Subnetz zugewiesen. Das ist groß genug, um es intern weiter zu zerteilen, zum Beispiel in ein /28-Netz für die Benutzer und ein /28-Netz für lokale Dienste wie WebSDR oder Kameras. Das ist nicht nur ordentlich, sondern erlaubt uns auch ein sauberes Firewalling: Dienste dürfen ins Internet (wenn nötig), aber anonyme Benutzer von der Funkseite bleiben schön im 44er-Garten eingesperrt.

4.4 Das Domain Name System (DNS): Namen statt Nummern
Niemand will sich 44.148.228.53 merken, wenn er auch ns.hamnet.cloud tippen kann. Wir haben daher ein eigenes DNS-System aufgebaut, das seit der Umstellung ab 2024 streng nach Verwendungszweck trennt:
*.hamnet.radio: Hier wohnen die echten Funk-Hosts (der große Bereich 44.128.0.0/10 abzüglich HamCloud). Sie sind primär über das HF-Netz erreichbar.*.hamnet.cloud: Das ist die Heimat unserer zentralen Dienste in den Rechenzentren (die HamCloud in 44.148.128.0/17).*.hamnet.network: Die diplomatische Zone. Adressen hier liegen im normalen Internet und dienen zum Beispiel der VPN-Einwahl für Endnutzer.
Die alten ampr.org-Hostnamen gelten übrigens weiterhin, lassen sich aber nicht mehr ändern – ein bisschen wie das alte Festnetztelefon, das noch klingelt, aber keine neuen Nummern mehr lernt.
4.5 Die Hamnet-DB: Der heilige Gral der Planung
Ohne die HamnetDB wären wir aufgeschmissen. Sie ist die zentrale Datenbank für alles: Standorte, IP-Adressen, AS-Nummern und Linkstrecken.
Aber sie ist mehr als nur eine Excel-Tabelle auf Steroiden. Sie bietet uns geniale RF-Tools:
- Link-Profile: Mit Höhendaten der NASA berechnen wir, ob zwischen zwei Bergen tatsächlich freie Sicht herrscht oder ob uns ein lästiger Hügel die Fresnelzone zerhackt.
- Monitoring: Die Datenbank „pingt“ regelmäßig unsere Hosts an. Wenn eine Linkstrecke rot wird, weiß die Community oft schon Bescheid, bevor der Sysop überhaupt seinen Kaffee ausgetrunken hat.
- Visualisierung: Auf einer interaktiven Karte können wir genau sehen, wie unser Netz wächst – ein digitaler Abenteuerspielplatz für Funkamateure.
Kurz gesagt: Die HamnetDB sorgt dafür, dass aus dem dezentralen Chaos ein funktionierendes Netzwerk wird.
5. Dienste und Anwendungen: Was man auf dem digitalen Abenteuerspielplatz alles anstellen kann
Herzlich willkommen im Schlaraffenland des HAMNETs – oder, wie es ein Ortsverband treffend zusammenfasst, es „kann fast alles“. Nachdem wir uns in den vorangegangenen Kapiteln mit dem „Wie“ (Technik) und dem „Wer“ (Organisation) beschäftigt haben, kommen wir nun zum „Was“. Denn seien wir ehrlich: Niemand baut eine 150 km lange Richtfunkstrecke, nur um zu sehen, ob der Ping-Befehl funktioniert – okay, vielleicht doch, aber irgendwann will man auch mal echte Daten sehen. HAMNET ist im Grunde wie das Internet, nur dass wir hier auf TikTok-Tänze und Werbeunterbrechungen verzichten und stattdessen Dinge tun, die nur uns Funkamateure glücklich machen.

5.1 Vernetzung von Relaisstellen: Wenn DMR und D-Star das Laufen lernen
Einer der Hauptgründe für den Erfolg des HAMNETs ist die Vernetzung unserer Relaislandschaft. Früher hingen DMR-Master, D-Star-Reflektoren oder C4FM-Gateways oft am privaten DSL-Anschluss des Relaisverantwortlichen – inklusive der Launen seines Providers.
- Digitale Sprachmodi: Heute werden viele DMR-Relais über HAMNET an Brandmeister-Server angebunden, was weltweite Talkgroups auch dann ermöglicht, wenn das kommerzielle Internet gerade mal wieder Pause macht.
- Ausfallsicherheit: Durch die redundante Anbindung in Rechenzentren (HamCloud) bieten diese Dienste eine Zuverlässigkeit, die fast schon professionell wirkt.
- Analoge Relais: Sogar gute alte FM-Relais werden via VoIP (z. B. SvxLink oder Echolink) gekoppelt, um regionale Verbünde zu schaffen, die ganze Bundesländer abdecken.
5.2 Klassische Dienste in moderner Form: Packet Radio auf Steroiden
Wir Funkamateure werfen ja ungern etwas weg. Deshalb leben die klassischen Dienste aus der Packet-Radio-Ära im HAMNET weiter – nur eben deutlich schneller.
- Mailboxen & Convers: Während man früher bei 1200 Baud noch gemütlich einen Kaffee kochen konnte, während eine Nachricht geladen wurde, poppen die Boxen heute dank IP-Anbindung sofort auf.
- Winlink: Dieses E-Mail-über-Funk-System nutzt HAMNET als schnelles Backbone, um Nachrichten zwischen regionalen Gateways und den zentralen CMS-Servern auszutauschen – ein Segen für den Notfunk.
- DX-Cluster: Wer wissen will, welche seltene Insel gerade auf Kurzwelle aktiv ist, bekommt die Spots im HAMNET in Echtzeit geliefert, ohne dass die Leitung durch Latenzen blockiert wird – ähnlich praktisch wie FT8 auf der digitalen Sprachseite, nur eben für die Häppchen-Info statt für ganze QSOs.
5.3 Multimedia-Anwendungen: Fernsehen und Telefonie (nur für uns!)
Hier zeigt HAMNET seine Muskeln. Wo Packet Radio nur Text konnte, liefert HAMNET flüssige Streams.
- DATV (Digital Amateur Television): Wir übertragen echtes, hochauflösendes Fernsehen über das Netz. Ob Live-Bilder vom nächsten Fieldday oder der Stream eines ATV-Relais – dank Bandbreiten bis zu 200 Mbit/s ruckelt hier (meistens) nichts mehr.
- Webcams: Fast jeder HAMNET-Knoten hat heute eine Kamera, damit man sehen kann, ob auf dem Berg gerade die Sonne scheint oder der Mast im Schneesturm schwankt.
- VoIP & SIP: Wir haben unser eigenes Telefonnetz. Mit einem IP-Telefon auf dem Schreibtisch kann man Kollegen weltweit anrufen – kostenlos und komplett über Funk. Es gibt sogar ein internes Telefonbuch, damit man nicht die Rufzeichen-IPs auswendig lernen muss.

5.4 WebSDR und Remote-Station-Steuerung: Funkgerät per Fernbedienung
Das ist das absolute Highlight für alle, die in der Stadt wohnen und mehr Störungen als Signale empfangen.
- WebSDR: Über das HAMNET kann man auf ferngesteuerte Empfänger zugreifen, die an ruhigen Standorten stehen. Man tuned das Radio einfach im Webbrowser und hört das 80m-Band so sauber wie auf einer einsamen Insel.
- Remote-Betrieb: Wer eine Lizenz der Klasse A (und bald hoffentlich mehr) hat, kann seine eigene Station am Contest-Standort oder im Clubheim komplett aus der Ferne bedienen. Das HAMNET überträgt dabei nicht nur die Audiosignale, sondern auch die Steuerbefehle für den Rotor und den Transceiver fast ohne Verzögerung.
5.5 Informationsgewinnung: Das private Wiki und die eigene Suchmaschine
Da wir ja keinen Zugriff auf Google im HAMNET haben (und Google uns auch nicht findet), haben wir uns unsere eigene Wissenswelt aufgebaut.
- Suchmaschinen: Dienste wie YaCy oder spezialisierte HAMNET-Crawler durchsuchen das Netz nach Inhalten. Wer nach technischen Unterlagen oder Bauanleitungen sucht, wird hier fündig – fernab vom kommerziellen Internet-Rauschen.
- Wikis und Info-Portale: Es gibt regionale Wikis, das zentrale Amateurfunk-Wiki und unzählige private Homepages von OMs, die ihre Projekte dokumentieren.
- DAPNET: Auch der Funkruf (Pager) wird über das HAMNET gesteuert. Wenn du also eine Nachricht auf deinen Skyper bekommst, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie den Weg über eine HAMNET-Linkstrecke gefunden hat.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das HAMNET ist kein Ort für Netflix-Serien, aber der perfekte Ort für alles, was das Technikerherz höher schlagen lässt. Es ist eine Spielwiese, auf der wir moderne IT-Infrastruktur mit den Freiheiten des Amateurfunks kombinieren können.
6. HAMNET in der Praxis: Der Einstieg für Funkamateure (oder: „Wie man lernt, die Sichtverbindung zu lieben“)
Nachdem wir uns nun stundenlang durch die Theorie gequält haben, kommen wir zum spaßigen Teil: Wie kriegt man dieses Internet-für-Funkamateure eigentlich ins heimische Shack? Spoileralarm: Es reicht leider nicht, das WLAN-Passwort vom Nachbarn zu knacken. Der Einstieg ins HAMNET ist ein Mix aus digitaler Schnitzeljagd, Dachkletterei und dem verzweifelten Versuch, an der heimischen FritzBox vorbei zu routen. Und weil ich, wie eingangs gestanden, selbst noch am Fuß des sprichwörtlichen Masts stehe, beschreibe ich hier den Weg, den die Kollegen gehen – so, wie er in den Anleitungen steht, und noch nicht so, wie ich ihn mir samstags die Leiter hochgeflucht habe.

6.1 Rechtliche Voraussetzungen und Lizenzklassen: Wer darf mitspielen?
Bevor du dir voller Tatendrang eine Richtfunkantenne ans Bein bindest, ein kleiner Dämpfer: HAMNET ist kein rechtsfreier Raum für anonyme Internet-Piraten. Da wir auf Amateurfunkfrequenzen unterwegs sind, ist eine Lizenz zwingend erforderlich – wie mühsam der Weg dahin sein kann, weiß ich aus meiner eigenen Odyssee zur Amateurfunklizenz nur zu gut.
Lange Zeit war das HAMNET der exklusive Club für Inhaber der Klasse A. Doch seit der AFuV-Novelle im Juni 2024 dürfen auch Inhaber der Klasse E endlich mitmischen – und zwar nicht nur auf 13 cm und 6 cm, sondern generell auf allen Bändern ab 23 cm aufwärts bis hinauf in den 250-GHz-Bereich, das gelegentlich genutzte 3-cm-Band (10 GHz) eingeschlossen. Der Unterschied zur Klasse A liegt allein in der Leistung: Klasse E darf hier mit maximal 5 W PEP senden, während Klasse A auf denselben Frequenzen deutlich mehr Bums aus der Endstufe holen darf. Die Einsteigerklasse N muss dagegen leider komplett draußen bleiben: Sie hat keinen Zugang zu den Mikrowellenbändern und ist damit vom HF-Einstieg ins HAMNET vollständig ausgeschlossen – erst mal weiter Morsen üben.
Die spannenden rechtlichen Feinheiten – warum wir keine Verschlüsselung nutzen dürfen, wie wir uns trotzdem ordentlich identifizieren und warum die heilige Trennung von Internet und HAMNET so wichtig ist – hebe ich mir für Kapitel 9 auf. Sonst sprengt der Paragraphendschungel diesen Praxisteil.
6.2 Standortanalyse und Hardware-Installation: Plastikdosen auf dem Dach
Der Endgegner beim HAMNET-Einstieg heißt LOS – Line of Sight. Wenn du den Einstiegspunkt nicht sehen kannst, wirst du ihn nicht pingen.
- Standortanalyse: Bevor du Geld ausgibst, konsultiere den heiligen Gral, die HamnetDB. Dort suchst du nach Knoten mit einem „U“ (für User-Access) in deiner Nähe und prüfst mit dem integrierten Link-Tool, ob dir ein Kirschbaum oder ein Kirchturm die Sicht verhagelt.
- Die Wahl der Waffe: Für den preisbewussten Funkamateur ist die Ubiquiti NanoStation M5 das Gerät der Wahl – ein wetterfester Kasten für ca. 80 Euro, der Antenne und Funkgerät in sich vereint. Wer es komplexer mag und gerne Menüs mit 500 Unterpunkten bedient, greift zu MikroTik.
- Montage-Falle: Ein beliebter Anfängerfehler ist es, die Antenne irgendwie „Richtung Berg“ zu drehen. Bei 5 GHz haben diese Antennen einen Öffnungswinkel von wenigen Grad – eine Abweichung von der Breite eines Dackel-Schwanzes kann hier schon den Datenstrom abreißen lassen. Nutze das Web-Interface deines Geräts, um den Pegel millimetergenau zu optimieren. Und vergiss den Compliance Check beim ersten Login nicht, sonst weigert sich das Gerät standhaft, auf unseren exklusiven Frequenzen zu funken.
6.3 Software-Konfiguration: IT-Admin für Fortgeschrittene
Wenn die Hardware hängt und die Sichtverbindung steht, beginnt der Kampf gegen den heimischen Router.
- IP-Zuweisung: Für den reinen Benutzereinstieg ist das erfreulich entspannt: Am Zugangsknoten bekommst du deine 44er-IP meist automatisch per DHCP zugeworfen, ganz ohne Handarbeit. Eine feste IP brauchst du erst dann, wenn du selbst Serverdienste anbieten willst – dann beantragst du bei der DL-IP-Koordination ein eigenes Subnetz mit statischem Routing. Für den Anfang gilt also: einstöpseln, Adresse abholen, fertig.
- Die statische Route: Damit dein PC weiß, dass Anfragen an
44.x.x.xüber die Antenne auf dem Dach und nicht über den Telekom-Anschluss gehen sollen, musst du eine statische Route in deiner FritzBox hinterlegen. Das ist der Moment, in dem die meisten OMs zum ersten Mal die „Experten-Ansicht“ ihres Routers aktivieren – ein Kniff, den ich selbst schon für Freifunk-Zwecke gebraucht habe, das Prinzip ist hier fast identisch. - Trennung der Welten: Ganz wichtig, aber hier nur in Kurzform (das „Warum“ steht in Kapitel 9): Es darf keine Brücke zwischen Internet und HAMNET geben. Bridging ist tabu, dein Router bleibt die strikte Trennlinie zwischen beiden Welten.

6.4 Alternative Zugangswege: HAMNET vom Sofa aus
Du wohnst im Erdgeschoss, im Wald oder in einem tiefen Tal? Keine Panik, du musst nicht umziehen.
- Der VPN-Tunnel: Die Amateurfunkgruppe der RWTH Aachen betreibt einen digitalen Rettungsring. Gegen einen Nachweis deiner Lizenz und eine kleine Spende (ab 5 Euro – also ca. zwei Kaltgetränke auf dem Fieldday) bekommst du einen VPN-Zugang. (Auch die HamCloud selbst bietet inzwischen einen eigenen VPN-Dienst als Einstieg an.) Ähnliche Zugangswege via VPN beschreibt auch die IG Funkamateure Siebengebirge für ihre Region.
- Vor- und Nachteile: Über VPN kannst du bequem alle HAMNET-Dienste wie WebSDR oder Mailboxen nutzen, ohne aufs Dach steigen zu müssen. Der Haken: Es ist technisch gesehen „Sofa-Funk“ über das kommerzielle Internet und damit bei einem echten Blackout so nützlich wie ein Funkgerät ohne Batterien. Aber zum Ausprobieren und Kennenlernen ist es der perfekte Einstieg, um zu sehen, was die Kollegen im digitalen Äther so treiben. (Genau da stehe ich gerade selbst – Zaungast mit VPN-Ticket.)
6.5 Was kostet der Spaß wirklich? Ein Realitätscheck
Bevor du jetzt voller Tatendrang die Kreditkarte zückst, ein ehrlicher Blick auf die Dauerkosten – schließlich will ich dir hier keinen Sand in die Augen streuen. Die Einstiegshardware ist mit 80 bis 150 Euro für NanoStation & Kabelage überschaubar, aber das ist nur die halbe Miete. Dazu kommen: eine wetterfeste Mastmontage (je nach Dach-Gegebenheiten mal eben 50 bis 200 Euro für Halterung und Blitzschutz), die einmalige BNetzA-Gebühr aus Kapitel 9, und nicht zuletzt der Dauerstrom für ein PoE-Gerät, das rund um die Uhr läuft – bei 5 bis 10 Watt Dauerlast reden wir über einen niedrigen zweistelligen Euro-Betrag pro Jahr, verkraftbar, aber eben nicht nichts. Und dann sind da noch die Ausfälle, mit denen jeder Sysop rechnen muss: Stürme, die die Ausrichtung verstellen, Blitzeinschläge in der Nachbarschaft, die die Elektronik grillen, oder schlicht ein Vogel, der sich hartnäckig auf der Antenne niederlässt. Realistisch gerechnet ist HAMNET also kein Wegwerf-Hobby für einen verregneten Nachmittag, sondern eher wie ein Gewächshaus im Garten: günstig in der Anschaffung, aber es will gepflegt werden, sonst verkommt es zum teuren Vogelhaus auf dem Dach.
7. HAMNET im Katastrophenschutz (Notfunk): Wenn das Internet stirbt, fangen wir erst an
Herzlich willkommen in der Abteilung „Prepper-Träume und Funk-Realität“. Wenn du dachtest, wir bauen das HAMNET nur, um uns gegenseitig hochauflösende Bilder von unseren Antennenmasten zu schicken, hast du nur zur Hälfte recht. Die andere Hälfte ist der sogenannte Notfunk. In einer Zeit, in der Menschen bereits Panikattacken bekommen, wenn das heimische WLAN für fünf Minuten ausfällt, sehen wir Funkamateure einem totalen Blackout mit einer fast schon beängstigenden Gelassenheit entgegen. Warum? Weil wir unser eigenes Netz im Äther haben.

7.1 Autarkie vom öffentlichen Internet und Stromnetz: Die Insel der Glückseligen
Der größte Stolz des HAMNETs ist seine totale Isolation vom „echten“ Internet. Es gibt keine physische Schnittstelle, keine Abhängigkeit von den Glasfaserkabeln der Telekom und keine Sorge, dass ein Bagger in der Nachbarstraße unser Netz kappt – eine Unabhängigkeit, die mich schon beim Vergleich mit Satelliteninternet fasziniert hat, nur eben ganz ohne Konzern im Hintergrund. HAMNET ist eine autonome Kommunikationsinfrastruktur, die völlig unabhängig von kommerziellen Strukturen funktioniert.
Damit das Ganze auch dann noch läuft, wenn die Straßenlaternen ausgehen, ist die Vision (und an vielen Standorten bereits Realität), das Netz komplett unabhängig vom Stromnetz zu betreiben. Viele Knotenpunkte verfügen bereits über eine Batterie-Pufferung oder werden sogar direkt durch Photovoltaikanlagen gespeist. Im Falle einer Naturkatastrophe oder eines internationalen Konflikts bleibt das HAMNET also die sprichwörtliche Insel, auf der die Datenpakete noch munter von Gipfel zu Gipfel hüpfen, während der Rest der Welt verzweifelt auf sein Smartphone starrt.
7.2 Bereitstellung hoher Datenkapazitäten für Einsatzkräfte: Megabit statt Morsezeichen
Früher hieß Notfunk: Ein Funkamateur sitzt mit einem Morsegerät im Regen und buchstabiert mühsam Medikamentenlisten. Das ist zwar heldenhaft, aber im 21. Jahrhundert etwas ineffizient. Dank HAMNET können wir Einsatzkräften heute hohe Datenkapazitäten als Backup zu ausgefallenen kommerziellen Netzen anbieten.
Mit Übertragungsraten von 1 bis 200 Mbit/s reden wir hier nicht mehr von kurzen Textnachrichten, sondern von echten Breitband-Anwendungen. Wir können Videostreams von Schadenslagen in Echtzeit übertragen, digitale Lagekarten synchronisieren oder VoIP-Telefonzellen für Hilfsorganisationen einrichten. Das HAMNET dient somit als leistungsfähiges digitales Rückgrat, das im Krisenfall dort einspringt, wo professionelle BOS-Strukturen (Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben) an ihre Grenzen stoßen oder Verstärkung brauchen.
7.3 Mesh-Netzwerke als Ergänzung (AREDN): Der digitale Bienenschwarm
Da das HAMNET mit seinen festen Richtfunkstrecken manchmal etwas unflexibel sein kann (Sichtverbindung, wir erinnern uns!), haben wir noch ein Ass im Ärmel: AREDN (Amateur Radio Emergency Data Network).
AREDN ist ein Mesh-Netzwerk, das sich quasi von selbst verwaltet. Stell dir das wie einen digitalen Bienenschwarm vor: Man wirft ein paar Knoten in ein Krisengebiet, schaltet sie ein, und sie finden sich automatisch, tauschen Routen aus und leiten Nachrichten füreinander weiter. Das ist perfekt für „Pop-up-Netzwerke“ bei Katastrophenübungen oder echten Einsätzen, wo Geschwindigkeit und Flexibilität wichtiger sind als die maximale Backbone-Performance.
Diese Mesh-Knoten bieten RJ45-Anschlüsse für Laptops, IP-Kameras oder VoIP-Telefone und können bei Bedarf einfach an den nächsten HAMNET-Backbone angekoppelt werden. Und für die ganz kleinen Datenhäppchen integrieren wir neuerdings sogar LoRa-Mesh-Netzwerke wie MeshCom oder Meshtastic, um Kurznachrichten und GPS-Positionen von batteriebetriebenen Sensoren über riesige Distanzen zu schicken. Kurz gesagt: Wenn alles zusammenbricht, bauen wir innerhalb von Stunden ein Netz auf, für das ein ISP drei Jahre Planungsvorlauf und fünf Genehmigungsverfahren bräuchte.
8. Zukünftige Entwicklungen und Forschung: Wenn Funkamateure Gott spielen (oder zumindest ISP)
Wir Funkamateure sind ja ein unruhiges Völkchen: Kaum steht die 150-km-Richtfunkstrecke stabil und die Datenpakete flutschen wie geölt durch den Äther, fragen wir uns schon wieder, was wir als Nächstes kaputtbasteln können. Das HAMNET ist kein fertiges Produkt, das man bei Amazon bestellt (auch wenn die einen Teil unserer IPs gekauft haben), sondern eine lebendige Dauerbaustelle. In diesem Kapitel werfen wir einen Blick in die Glaskugel und schauen uns an, womit wir in Zukunft unsere Freizeit und das Budget für die Haushaltskasse vernichten werden. Wer sich vorab schon mal einen guten Überblick über moderne digitale Funktechniken verschaffen will, dem sei dieser englischsprachige Überblicksvortrag ans Herz gelegt.

8.1 New Packet Radio (NPR70): Der heilige Gral für Tallagen
Erinnerst du dich an den Endgegner aus Kapitel 3? Richtig, die Sichtverbindung (LOS). Wer im Tal wohnt oder wessen Nachbar eine Vorliebe für schnellwachsende Mammutbäume hat, schaute bisher in die digitale Röhre. Doch Rettung naht in Form von NPR70 (New Packet Radio auf 70 cm), einer Entwicklung des französischen Funkamateurs F4HDK.
Hierbei handelt es sich um eine Technologie, die Breitband-Datenübertragung ins 70-cm-Band bringt – also dorthin, wo Wellen sich auch mal bequem um einen Hügel beugen oder durch eine Baumkrone schlüpfen, ohne sofort zu verdampfen. Mit einer Bandbreite von bis zu 1 MHz erreichen wir hier Netto-Datenraten von etwa 500 kbit/s. Das klingt für Glasfaser-Verwöhnte nach digitalem Mittelalter, aber im Vergleich zum alten 1k2-Packet-Radio ist das so, als würde man von einer Postkutsche in einen Porsche umsteigen. Es ist die perfekte „Last Mile“-Technologie für alle, die keine Lust auf Bergsteigen mit Richtfunkspiegeln haben.
8.2 WRAN und kognitiver Funk im 6-m-Band: Das „Super-WLAN“
Wenn uns 500 kbit/s nicht reichen, greifen wir zu den richtig schweren Geschützen: WRAN (Wireless Regional Area Network). Dieses Projekt, das vor allem von unseren Kollegen des ÖVSV (angestoßen von Michael, OE1MCU, und ausführlich vorgestellt von Bernhard Isemann, OE3BIA) gemeinsam mit der TU Wien vorangetrieben wird, zielt auf massiven Datendurchsatz über riesige Distanzen – und zwar tief unten im VHF-Bereich.
Technisch basiert das Ganze auf dem Standard IEEE 802.22, auch bekannt als „Cognitive Radio“. Das System ist so schlau, dass es selbstständig erkennt, welche Frequenzen gerade frei sind, und teilt die Ressourcen dynamisch zwischen mehreren Benutzern pro Basisstation auf. Es nutzt OFDMA (Orthogonal Frequency Division Multiple Access) und fühlt sich im Grunde an wie ein privates LTE-Netz für Funkamateure. Damit das im Amateurfunk funktioniert, arbeiten die Tests mit einer befristeten Sondergenehmigung auf einem 2 MHz breiten Bereich bei 52–54 MHz – also direkt oberhalb unseres regulären 6-m-Bandes (50–52 MHz in Region 1). Der Clou: Da wir uns hier im VHF-Bereich bewegen, brauchen wir keine messerscharfe Sichtverbindung. Die Prototypen basieren auf flexiblen Software Defined Radios (SDR) wie dem LimeSDR und Raspberry Pis – wir bauen uns den Standard also buchstäblich aus Code und günstiger Hardware selbst.
8.3 Die HamCloud: Wir spielen jetzt Rechenzentrum
Nachdem wir nun wissen, wie wir die Daten transportieren, stellt sich die Frage: Wohin eigentlich damit? Hier kommt die HamCloud ins Spiel. Die DL-IP-Koordination hat begriffen, dass es wenig Sinn ergibt, wenn jeder seinen eigenen Webserver im feuchten Keller betreibt, der beim ersten Blitzschlag offline geht (ein Problem, das ich mit meinem eigenen Proxmox-Homelab zumindest für Nextcloud & Co. schon selbst gelöst habe – nur eben ohne Funkanbindung).
Die HamCloud besteht aus drei geografisch getrennten, hochverfügbaren Datacentern, die redundant miteinander vernetzt sind. Hier wohnen die „Adeligen“ unter den HAMNET-Diensten:
- Zentrale DNS- und NTP-Server für die Zeitsynchronisation.
- Brandmeister-Master und DMR-Reflektoren für die weltweite Sprachvernetzung.
- Eigene Suchmaschinen (wie YaCy), die das HAMNET nach Inhalten durchforsten, damit wir nicht völlig orientierungslos im Äther umherirren.
Es ist quasi das Amazon Web Services (AWS) des Amateurfunks – nur ohne die monatliche Rechnung und mit deutlich mehr Herzblut.
8.4 LoRa-Integration und MeshCom: Der digitale Piepser 2.0
Zu guter Letzt widmen wir uns den Kleinstgeräten. Während wir mit WRAN ganze Videostreams jagen, gibt es für die Fraktion der Sensoren und Kurzmitteilungen LoRa (Long Range). Projekte wie MeshCom oder Meshtastic integrieren extrem stromsparende Funkmodule ins HAMNET.
Dabei geht es um ein vernetztes Off-Grid-Messaging: Mit winzigen Modulen, die wochenlang mit einer Batterie laufen, schicken wir Textnachrichten, GPS-Positionen oder Wetterdaten über riesige Distanzen. Diese LoRa-Mesh-Netzwerke werden über Gateways direkt an das HAMNET-Backbone angekoppelt. So kannst du theoretisch im tiefsten Wald eine Nachricht über ein LoRa-Modul absetzen, die dann via HAMNET-Richtfunk und HamCloud-Server am anderen Ende von Deutschland auf einem APRS-Gateway oder als E-Mail auftaucht. Es ist die perfekte Verschmelzung von modernster Low-Power-Technik und unserer robusten Infrastruktur. Kurz gesagt: Wir basteln uns das Internet der Dinge (IoT) einfach selbst – weil wir es können.
9. Rechtliche Aspekte und Auflagen: Wie man funkt, ohne dass das SEK die Tür eintritt
Willkommen im Kapitel der „Spielverderber“ – oder wie wir es im Beamtendeutsch nennen: die regulatorischen Rahmenbedingungen. Wenn Funkamateure eines fast so sehr lieben wie das Löten, dann ist es das Wälzen von Gesetzestexten. Schließlich wollen wir unser privates Intranet betreiben, ohne dass die Bundesnetzagentur (BNetzA) mit dem Messwagen vor der Tür steht und uns die Lizenz zum Löten entzieht. Hier erfährst du, warum wir keine Verschlüsselung nutzen (dürfen) und warum Geduld beim Beantragen von Knoten eine Tugend ist.

9.1 Betriebsgenehmigungen für automatische Stationen: Warten als Hobby
Wenn du einen HAMNET-Knoten (also einen Digi oder Backbone-Link) betreiben willst, reicht dein persönliches Rufzeichen leider nicht aus. Du brauchst eine Zulassung für eine automatisch arbeitende Amateurfunkstelle.
- Der Antrag: Das Ganze läuft über die BNetzA. Du füllst Formulare aus, die so kompliziert sind, dass man fast ein Zweitstudium in Verwaltungswissenschaften braucht. Übrigens: Auch Inhaber der Klasse E dürfen (mit ihren Leistungsgrenzen) eine solche Station betreiben.
- Die Wartezeit: Plane Zeit ein. Viel Zeit. Offiziell nennt die BNetzA eine Bearbeitungsdauer von 1 bis 12 Monaten – je nachdem, ob deine Wunschfrequenzen dem Amateurfunk primär oder nur sekundär zugewiesen sind. Bei den GHz-Bändern (sekundär) ist es eher das obere Ende der Skala. Perfekte Gelegenheit, um in den Keller zu gehen und die Antennenhalterung zum zehnten Mal zu polieren.
- Die Kosten: Umsonst ist nur der Tod (und selbst der kostet Gebühren). Eine solche Zulassung schlägt nach der Besonderen Gebührenverordnung der BNetzA aktuell mit rund 37 Euro zu Buche – also überraschend zivil für einen deutschen Verwaltungsakt.
9.2 Leistungsbeschränkungen und Bandbreitenregeln: Die digitale Diät
Im Amateurfunk sind wir zwar die Könige des Spektrums, aber auch wir müssen uns an die Verkehrsregeln halten.
- Die 50-Watt-Grenze: Für automatisch arbeitende und fernbediente Stationen gilt oberhalb von 30 MHz eine maximal zulässige Strahlungsleistung von 50 Watt ERP (aktuelle AFuV-Fassung). Das reicht locker, um einen Digi ordentlich in die Nachbarschaft strahlen zu lassen, ohne dass gleich der ganze Landkreis mitfunkt.
- Das Wunder für Linkstrecken: Für die richtig langen Backbone-Verbindungen im Gigahertz-Bereich gibt es eine Extrawurst: In besonders begründeten Fällen sind hier bis zu 1000 Watt ERP (30 dBW) genehmigungsfähig. Damit können wir Linkstrecken bauen, die so stabil sind, dass selbst ein vorbeiziehender Vogelschwarm das Signal nicht mehr komplett verfrühstückt.
- Bandbreiten-Limbo: Während das kommerzielle WLAN mit 20, 40 oder gar 80 MHz Bandbreite um sich wirft, müssen wir in Deutschland bescheiden bleiben. Wir sind meist auf 5 MHz für Benutzer und 10 MHz für Links beschränkt. Das erfordert spezielle Hardware oder modifizierte Treiber, da Standard-WLAN-Karten bei 5 MHz oft denken, sie seien kaputt.
9.3 Identifizierungspflicht und Verschlüsselungsverbot: Wir haben keine Geheimnisse
Das ist der Teil, der IT-Sicherheitsexperten regelmäßig in den Wahnsinn treibt: Im HAMNET ist Verschlüsselung absolut verboten.
- Offene Sprache: Amateurfunk muss laut Gesetz in „offener Sprache“ abgewickelt werden. Das bedeutet: Alles, was wir senden, muss von jedem mitgelesen werden können. Wir sind also die einzigen Menschen auf der Welt, die im 21. Jahrhundert stolz darauf sind, ihr Passwort (theoretisch) im Klartext zu übertragen. Überleg dir also gut, ob du die Einkaufsliste für den Fieldday wirklich als Broadcast in den Äther jagst.
- Rufzeichen-Nennung: Wir müssen uns identifizieren. Da es unpraktisch ist, alle zehn Minuten ein Morsezeichen in den Datenstrom zu mischen, nutzen wir moderne Tricks:
- MAC-Adress-Kodierung: Man kann das Rufzeichen in die MAC-Adresse des WLAN-Moduls „hineinfummeln“.
- Neighbour Discovery Protocol: Die gängigste Methode ist das Aussenden von Identifikationspaketen im Minutentakt. Dein Router schreit also digital ständig: „Hallo, ich bin DB0HER und ich stehe auf diesem Wasserturm!“.
9.4 Trennung der Welten: Die verbotene Brücke
Ein ganz wichtiger Punkt, der uns rechtlich den Kopf retten kann: HAMNET und das Internet müssen strikt getrennt bleiben.
- Kein Gateway-Betrieb: Es ist verboten, das HAMNET als kostenlosen Internet-Zugang für die Nachbarschaft zu missbrauchen (abgesehen davon, dass die Bandbreite dafür eh zu schade wäre).
- Technischer Schutz: Dein heimischer Router agiert als eiserner Vorhang. Er erlaubt dir zwar, von deinem PC aus auf beide Welten zuzugreifen (via statischer Route), aber er verhindert, dass Datenpakete einfach von der einen Seite zur anderen „durchrutschen“. Wir wollen schließlich nicht, dass die Windows-Updates der halben Republik über unsere 5,7-GHz-Backbone-Links kriechen.
9.5 EMV und das liebe Nachbarschaftsverhältnis: Der Blick über den Gartenzaun
Ein Punkt, der in keiner Anleitung mit dem großen roten Ausrufezeichen versehen ist, aber trotzdem zur Wahrheit gehört: Ein Mast mit Richtfunkantenne auf dem Dach ist für den Nachbarn erst mal ein fremdes Ding, und fremde Dinge machen manchen Menschen Sorgen. Auch wenn unsere Sendeleistungen im HAMNET überschaubar sind und die Richtwirkung der Antennen den Großteil der Energie eng gebündelt in eine einzige Richtung schickt statt in alle Himmelsrichtungen zu strahlen, lohnt es sich, dem Thema EMV (elektromagnetische Verträglichkeit) nicht die kalte Schulter zu zeigen. Ein kurzes, freundliches Gespräch mit dem Nachbarn, bevor der Mast steht, erspart dir später viel Diskussion am Gartenzaun – und ein Standortdatenblatt der Bundesnetzagentur (sofern erforderlich) hast du ohnehin in der Tasche. Die Faustregel unter erfahrenen OMs: Lieber einmal zu viel erklärt, warum das Ding auf dem Dach kein Spionagesatellit ist, als hinterher eine Beschwerde beim Bauamt zu kassieren.
Zusammenfassend: HAMNET-Betrieb ist ein bisschen wie Autofahren auf einer Privatrennstrecke – wir machen die Regeln (fast) selbst, aber wenn wir zu schnell (oder zu verschlüsselt) fahren, kommt die Rennleitung.
10. Fazit und Ausblick: Wo die Reise hingeht (oder: Träumen wir eigentlich schon wieder zu groß?)
Herzlichen Glückwunsch, du hast es bis zum Finale geschafft! Wenn du bis hierhin gelesen hast, bist du entweder ein extrem begeisterungsfähiger Funkamateur oder hast eine beeindruckende Toleranz für technische Fachbegriffe und meinen speziellen Humor. Zeit, den Sack zuzumachen und zu schauen, was unterm Strich bei diesem ganzen Gigahertz-Zirkus herauskommt.

10.1 Zusammenfassung der technologischen Vorteile: Megabit statt digitaler Verstopfung
Blicken wir der Realität ins Auge: HAMNET ist der technologische Befreiungsschlag des Amateurfunks im 21. Jahrhundert. Wir haben den Sprung aus der digitalen Steinzeit (Packet Radio mit 1200 Baud – das war quasi die Trommelsprache der IT) direkt in das Zeitalter der Breitband-Multimedia-Kommunikation geschafft.
Was haben wir jetzt?
- Speed, Baby! Wir reden hier nicht mehr über „Bit pro Sekunde“, sondern über 1 bis 200 Mbit/s. Das ist genug Bandbreite, um WebSDR-Signale, hochauflösendes DATV und VoIP-Telefonate gleichzeitig durch den Äther zu schubsen, ohne dass die Leitung qualmt.
- Totale Anarchie (innerhalb der Gesetze): Wir sind völlig unabhängig von kommerziellen Strukturen. Kein Provider kann uns die Leitung drosseln, weil wir zu viele Linux-ISOs ziehen, und kein Bagger, der ein Glasfaserkabel kappt, kann unser Richtfunknetz in die Knie zwingen.
- Der ultimative Spielplatz: HAMNET ist ein riesiges Labor für IT-Grundlagen, Routing-Konzepte und Hochfrequenztechnik. Wir lernen Dinge über BGP und Antennenausrichtung, für die andere Leute teure Zertifizierungen bezahlen – nur dass wir dabei auf Dächern rumklettern und Spaß haben.
Ein kurzer Ehrlichkeits-Nachtrag, weil IPv4 hier so dominant war: Ja, wir hängen im HAMNET noch mit Inbrunst am guten alten 44er-IPv4-Netz, während der Rest der Welt langsam auf IPv6 umzieht. Aber wenn man einen eigenen Class-A-Adressraum geschenkt bekommen hat, wirft man den nicht so schnell weg – das wäre, als würde man sein Erbhaus abreißen, weil gerade Fertighäuser in Mode sind.
10.2 Die Vision eines weltweiten Amateurfunk-Internets: Weltherrschaft? Vielleicht später.
Wo soll das alles hinführen? Wenn man Jann, DG8NGN, und die anderen Visionäre fragt, dann ist das Ziel klar: Ein weltweites Amateurfunk-Internet auf Basis unseres exklusiven 44er-IP-Adressraums. Wir arbeiten hart daran, die Grenzen der „HAMNET-Inseln“ zu überwinden und ein transnationales Netzwerk zu schaffen, das ganz Europa (und irgendwann die Welt) digital verbindet. Wie so ein europäisches Zusammenspiel aussehen kann, zeigt dieser Vortrag zum europäischen HAMNET sehr anschaulich.
Die Vision ist ein Netz, in dem:
- Jeder Funkamateur seine eigenen Dienste (Webcams, Wikis, Repositories) hostet, die exklusiv für andere OMs erreichbar sind – ein echtes End-to-End-Datennetz, ganz ohne Portweiterleitungs-Hölle und Firewall-Frust.
- Wir mittels HamCloud hochverfügbare Rechenzentren betreiben, die den Amateurfunk krisenfest machen.
- Die Verbindung von modernster Computertechnik mit der klassischen Wellenausbreitung eine neue Generation von Technikern anlockt, die begreifen, dass Funk mehr ist als nur „CQ“ in ein Mikrofon zu brüllen.
Eines müssen wir uns aber eingestehen: Bei all der Begeisterung bleiben wir Funkamateure immer ein bisschen verrückt. Wir bauen Richtfunkstrecken über 150 Kilometer, nur um ein Bild einer Wetterkamera zu sehen, die auf einen leeren Parkplatz zeigt. Wir optimieren Antennen auf den Millimeter, um 2 dB mehr Signal-Rausch-Abstand zu bekommen, den wir eigentlich gar nicht brauchen. Aber genau das ist es ja: Wir machen das nicht, weil es wirtschaftlich sinnvoll ist. Wir machen es, weil wir es können.
In diesem Sinne: Schnapp dir deine NanoStation, such dir einen Berg mit Sichtverbindung und werde Teil des Netzes. Ich selbst arbeite noch daran – aber wir sehen uns im Äther oder in der HamCloud! 73!
11. Anhang: Das Survival-Kit für den digitalen Funk-Dschungel
Herzlichen Glückwunsch! Wenn du hier angekommen bist, hast du entweder alles gelesen oder bist direkt zum Anhang gesprungen, weil du – wie jeder gute Ingenieur – erst die Bedienungsanleitung liest, wenn es raucht. Hier findest du die gesammelten Schätze des Netzes und ein Wörterbuch für all die Begriffe, mit denen du auf dem nächsten Clubabend so richtig Eindruck schinden kannst.
11.1 Linkverzeichnis und Ressourcen: Wo du im Internet (und HAMNET) weitersurfen kannst
Damit du dich nicht im digitalen Äther verläufst, hier die wichtigsten Koordinaten. Beachte: Manche Links funktionieren nur, wenn dein Funkgerät bereits „lebt“ oder du den VPN-Rettungsring nutzt.
- Der Heilige Gral (HamnetDB): hamnetdb.net – Ohne diese Seite bist du blind. Hier findest du Karten, IP-Listen und die magischen Werkzeuge zur Berechnung von Sichtverbindungen.
- Die Kommandozentrale (DL-IP-Koordination): de.ampr.org – Hier sitzen die Hüter der Adressen und AS-Nummern. Pflichtlektüre für angehende Knotenbetreiber.
- Das Sofa-Ticket (VPN RWTH Aachen): afu.rwth-aachen.de – Der offizielle Zugang für alle, die keine Lust auf Dachkletterei haben.
- Das kollektive Gedächtnis (Amateurfunk-Wiki): amateurfunk-wiki.de – Eine riesige Sammlung an Anleitungen und Serviceverzeichnissen.
- Die Wissensdatenbank (AFU-Base): afu-base.de/hamnet – Ein umfassendes Portal mit Tipps zum Einstieg und technischer Dokumentation.
11.2 Glossar technischer Fachbegriffe: IT-Kauderwelsch für OMs
Hier ist die Übersetzungshilfe, falls dich die Informatiker mal wieder mit drei- und vierbuchstabigen Abkürzungen in die Enge treiben wollen.
- AMPRNet: „Amateur Packet Radio Network“. Unser privates IPv4-Adress-Königreich (Netz 44), das Hank Magnuski uns 1981 gesichert und Brian Kantor ab Mitte der 80er verwaltet hat.
- AS (Autonomes System): Ein digitaler Hoheitsbereich (meist ein Distrikt), in dem ein Administrator schalten und walten darf, wie er will – solange er die Nachbarn nicht stört.
- BGP (Border Gateway Protocol): Das diplomatische Protokoll, mit dem die verschiedenen AS miteinander über ihre Wege (Routen) verhandeln. Es hält das Internet und das HAMNET zusammen.
- DHCP: Die Bequemlichkeits-Funktion, bei der dir das Netz automatisch eine IP-Adresse zuwirft, damit du sie nicht mühsam per Hand eintippen musst.
- EMV (Elektromagnetische Verträglichkeit): Das Zusammenspiel zwischen deiner Antenne und dem Rest der Welt – wichtig für Nachbarschaftsfrieden und Fernsehempfang nebenan.
- LOS (Line of Sight): Die bittere physikalische Notwendigkeit, dass sich zwei Antennen im GHz-Bereich „sehen“ müssen. Ohne Sicht kein Ping.
- MIMO (Multiple In Multiple Out): Ein technischer Trick, bei dem man über zwei Antennen gleichzeitig sendet, um die Datenrate zu verdoppeln – ein bisschen wie mit zwei Händen gleichzeitig schreiben.
- OFDM: Ein Verfahren, bei dem die Daten auf viele kleine Träger verteilt werden. Das macht das Signal robust gegen Störungen und sorgt für ordentlich Speed.
- PoE (Power over Ethernet): Strom durch das Netzwerkkabel. Sorgt dafür, dass du nur ein Kabel zum Mast ziehen musst und dein Gerät da oben nicht verhungert.
- SNR (Signal-Noise-Ratio): Das Verhältnis von „Nutzsignal“ zu „Rauschen“. Wenn das zu schlecht ist, versteht dein Router nur noch Bahnhof.
- VPN (Virtual Private Network): Ein sicherer Tunnel durch das „böse“ öffentliche Internet direkt in unser schönes, privates HAMNET.
Damit entlasse ich dich in die Freiheit des Äthers. Möge dein Ping immer unter 20 ms liegen und deine Sichtverbindung niemals durch nachwachsende Tannen getrübt werden. 73!