SAQ: Lauschangriff auf 17,2 kHz
Gute Geschichten im Amateurfunk beginnen oft mit einer Einladung zu einer Uhrzeit, zu der ich am Wochenende noch genüsslich an meinen Morgenkaffe schlürfe. So auch diese: Am 5. Juli 2026, pünktlich um 8:00 Uhr UTC (10 Uhr Küchenzeit), hatte OM Andreas (DK5ASO) den OV S51 zu einer kleinen Expedition gerufen. Treffpunkt war ein beschauliches Plätzchen in der Nähe von Syrau – bewusst ein Stück weg von der Zivilisation, denn wo keine Menschen sind, sind auch keine Schaltnetzteile, LED-Lampen und sonstige Störquellen, die uns Funkern das Leben schwer machen.
Das Ziel unserer kleinen Abenteuerreise: dem schwedischen Längstwellensender SAQ auf 17,2 kHz zu lauschen. Und das ist tatsächlich etwas Besonderes, denn dieser Sender im schwedischen Grimeton lässt sich nur zu ganz bestimmten Anlässen blicken – etwa am Alexanderson-Tag oder zu Heiligabend. Den Rest des Jahres herrscht dort Funkstille. Wer SAQ hören will, muss also den Kalender im Auge behalten.
Fernab von QRM und Zivilisationsrauschen war der Empfang dann erstaunlich gut – immerhin hatte das Signal rund 730 km Luftlinie aus Schweden bis zu uns ins Vogtland hinter sich. Wir konnten dem Sender folgen und die Morsezeichen mitlesen – zumindest theoretisch, denn für mich war das Tempo dann doch eine Spur zu flott. Aber gut, ich bin ja bekanntermaßen der Universaldilettant, und Morsen gehört (noch) nicht zu meinen Kernkompetenzen.
Weniger ist mehr
Für mich als – nennen wir es freundlich – gestandenen Funkamateur-Neuling war vor allem eines verblüffend: mit welch einfachen Mitteln so ein Empfang überhaupt möglich ist. DK5ASO hatte eine Eigenbauantenne dabei, im Kern eine mit Ferrit gefüllte Spule, dazu einen simplen Antennenvorverstärker, das Ganze angeschlossen an einen Malahit. Das Signal war damit erstaunlich sauber zu hören.
Und dann kam der Moment, der mich endgültig überzeugt hat: Selbst als die Antenne einfach direkt in die Soundkarte des Laptops gestöpselt wurde, war das Signal da. Kein Wunder eigentlich – bei 17,2 kHz liegt man ja fast schon im für uns Menschen hörbaren Bereich. Da braucht es dann nicht mehr viel als ein paar Windungen Draht und ein bisschen Neugier.
Amateurfunk ist eben nicht immer Technikschlacht und High-Tech-Wettrüsten. Manchmal ist es gerade die Einfachheit und der Minimalismus, der begeistert. Und für mich als Neuling wird durch so ein Erlebnis die Technik dahinter plötzlich greifbar und anschaulich – man versteht ein Prinzip nicht durch dickes Datenblatt-Studium, sondern weil man den Draht in der Hand hält und es einfach funktioniert.
Und wer mehr wissen will …
So ein Sender, der seit über hundert Jahren mit einem rotierenden Maschinensender Radiowellen in den Äther schickt, hat natürlich noch eine ganze Menge mehr zu erzählen, als in so einen kleinen Ausflugsbericht passt. Warum SAQ überhaupt existiert, was ein Alexanderson-Alternator ist und weshalb dieses technische Denkmal heute zum UNESCO-Welterbe gehört – das habe ich in einer ausführlichen Abhandlung zum SAQ für euch aufgeschrieben. Wer jetzt Blut geleckt hat, liest dort weiter.
1 SAQ

1.1 Das letzte Einhorn der Funktechnik
Wenn du dich fragst, was von der großen Ära der elektromechanischen Wunderwerke übrig geblieben ist, dann landest du zwangsläufig an der schwedischen Westküste in der Provinz Halland. Hier, in der Nähe von Varberg, steht der Längstwellensender Grimeton, der unter dem Rufzeichen SAQ bekannt ist und als der weltweit einzige noch funktionsfähige Maschinensender seiner Art gilt. Während wir uns heute über ein schwaches WLAN-Signal im Keller beschweren, haben die Ingenieure damals mit tonnenschweren Stahlkolossen hantiert, um Nachrichten über den Ozean zu prügeln.

Dieser Sender ist kein verstaubtes Exponat, das man nur durch eine dicke Glasscheibe bewundern darf. Er ist eine lebendige Maschine, die auch heute noch – über hundert Jahre nach ihrer ersten Inbetriebnahme – tadellos funktioniert. Es ist schon ein wenig ironisch, dass wir in einer Zeit der Quantencomputer und Satelliten immer noch fasziniert vor einem Gerät stehen, das seine Energie aus purer Rotation und gewaltigen Kupferwicklungen bezieht. Wenn SAQ seine Frequenz von 17,2 kHz in den Äther drückt, dann ist das jedes Mal ein kleiner, aber lautstarker Sieg der Mechanik über die moderne Mikroelektronik.

In den folgenden Kapiteln nehmen wir diesen stählernen Dinosaurier gemeinsam auseinander: seine Geschichte, seine (durchaus eigenwillige) Technik, das reichlich abenteuerliche Anlassritual – und natürlich die Frage, wie du das gute Stück mit erstaunlich wenig Aufwand selbst hören kannst.
2 Von der Reichstags-Idee zum Weltkulturerbe
Damit du nicht das Gefühl hast, in einer staubigen Vorlesung zu sitzen, tauchen wir jetzt so in die Geschichtsbücher dieses stählernen Patienten ab, dass du zwischendurch auch mal schmunzeln kannst – auch wenn die Geschichte von SAQ eigentlich eine ziemlich ernste und beeindruckende Angelegenheit ist.

2.1 Der Plan: Ein schwedischer Blitz über den Atlantik
Stell dir vor, es ist das Jahr 1920 und du willst eine Nachricht nach Amerika schicken. Das war damals etwa so nervenaufreibend wie heute ein Software-Update bei schlechtem Netz, nur viel langsamer, da die transatlantischen Seekabel oft beschädigt oder hoffnungslos überlastet waren. Der schwedische Reichstag hatte schließlich die Nase voll und beschloss den Bau einer eigenen Großfunkstation für den Telegrammverkehr.
Bei der Suche nach dem perfekten Standort bewiesen die Planer echtes Fingerspitzengefühl:
- Die Wahl fiel auf Grimeton, etwa 10 km östlich von Varberg an der schwedischen Südwestküste – also genau an dem Punkt Schwedens, der Nordamerika am nächsten liegt.
- Die Landschaft dort ist herrlich flach, sodass die Funkwellen freie Bahn über den Nordatlantik Richtung Westen hatten.
- Zielpunkt war die Empfangsstation „Radio Central“ auf Long Island bei New York – das amerikanische Gegenstück im geplanten Funknetz.
2.2 Der geniale Kopf hinter der Maschine
Ohne den schwedischen Ingenieur Ernst Fredrik Werner Alexanderson wäre die Halle in Grimeton heute wohl nur ein sehr schickes, leeres Gebäude. Alexanderson war so etwas wie der Star-Ingenieur seiner Zeit und hat im Laufe seines Lebens stolze 344 Patente im Bereich der Elektrotechnik angehäuft.
- Er war ein schwedischer Ingenieur, der unter anderem in Berlin studierte, bevor er 1901 in die USA auswanderte.
- Dort arbeitete er bei General Electric und wurde später Chefingenieur der Radio Corporation of America (RCA).
- Sein Herzstück, der Hochfrequenz-Alternator, machte Funkverbindungen auf Längstwelle erst so richtig stabil und zuverlässig – die Grundlage für drahtlose Telegrafie über weite Distanzen.
Ursprünglich war Grimeton übrigens kein Einzelkind, sondern Teil eines ehrgeizigen globalen Netzwerks von 17 baugleichen Sendern mit 200-kW-Alexanderson-Alternatoren, die die Welt vernetzen sollten. Geplant waren sogar noch mehr, doch am Ende gingen nur neun Stationen wirklich in Betrieb – in den USA, auf Hawaii, in Wales, in Polen und in Schweden. Dass ausgerechnet unser SAQ heute das weltweit letzte funktionsfähige Exemplar ist, macht die Sache nur noch legendärer. Alle anderen wurden längst zu Rasierklingen oder Autoteilen umgeschmolzen, während SAQ hier konsequent den Ruhestand verweigert.
2.3 Der große Tag und die Bewährungsprobe im Krieg
Der Bau der Anlage zog sich von 1922 bis 1924, wobei es am Ende noch mal spannend wurde, weil ein Streik in den schwedischen Eisenwerken die Fertigstellung der massiven Antennenmasten verzögerte. Aber am 1. Dezember 1924 war es endlich so weit: Die Großfunkstation Grimeton nahm mit dem Rufzeichen SAQ den kommerziellen Betrieb auf. Gesendet wurde zunächst auf rund 16,7 kHz (Wellenlänge etwa 18.000 Meter), später wurde die Frequenz dann auf die heute berühmten 17,2 kHz angehoben.
Die offizielle Eröffnung am 2. Juli 1925 war dann das gesellschaftliche Ereignis des Jahres:
- König Gustav V. reiste höchstpersönlich an, um die Anlage zusammen mit dem Konstrukteur Ernst Alexanderson feierlich einzuweihen.
- In den folgenden Jahren wurde ein großer Teil des Telegrammverkehrs von Schweden nach Nordamerika über diese Maschinen abgewickelt.
- Während des Zweiten Weltkriegs wurde SAQ zum echten Lebensretter für die schwedische Kommunikation, da viele Seekabel zerstört waren und der Sender zeitweise eine der wenigen verbliebenen Verbindungen zum Ausland darstellte.
- Sogar die Marine nutzte den Sender, um Nachrichten an getauchte U-Boote zu schicken, weil diese speziellen Wellen tief in das Salzwasser eindringen können.
2.4 Vom drohenden Schrotthaufen zum Weltkulturerbe
Wie das bei jeder Technik ist – irgendwann kommt das Neue und das Alte sieht plötzlich alt aus. Ab Ende der 1930er-Jahre lief die Kurzwellentechnik mit ihren Elektronenröhren dem massiven Maschinensender den Rang ab. Später wurde sogar einer der beiden ursprünglich installierten Alternatoren verschrottet, um Platz für modernere Technik zu schaffen – was man sich aus heutiger Sicht kaum noch vorstellen mag.

1995 entschied das Militär endgültig, dass man den Sender nicht mehr brauche, und die Anlage wurde offiziell stillgelegt. Doch zum Glück gab es den Verein Alexander, eine Gruppe von Enthusiasten und ehemaligen Mitarbeitern, die sich weigerten, dieses Wunderwerk dem Rost zu überlassen. Dank ihrer Hartnäckigkeit wurde der Sender:
- 1996 gesetzlich zum nationalen schwedischen Industriemonument erklärt, wodurch die Finanzierung der Erhaltung auf unbegrenzte Zeit gesichert ist.
- Am 2. Juli 2004 schließlich von der UNESCO zum Weltkulturerbe geadelt – als 13. Welterbestätte Schwedens.
Die Begründung der Experten war dabei fast so feierlich wie die Maschine selbst: Die Anlage sei ein einzigartiges Monument, das den rasanten Entwicklungsprozess der Kommunikationstechnologie in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg repräsentiere. Zudem ist Grimeton ein Ankerpunkt der Europäischen Route der Industriekultur. Heute ist die Anlage ein lebendiges Denkmal, das bei besonderen Anlässen immer noch seine charakteristischen Morsezeichen in die Welt schickt, als wäre die Zeit einfach stehen geblieben.
3 Ein Blick ins Innenleben des Stahlkolosses
Nachdem wir die Geschichte abgehakt haben, schauen wir uns jetzt das Innenleben dieses stählernen Patienten an. Wenn du dachtest, dass moderne Technik kompliziert ist, weil die Chips so winzig sind, dann wird dir bei SAQ der Kiefer runterklappen – denn hier ist alles so gewaltig, dass du eine Leiter brauchst, um die Details zu sehen. Das ganze Sendeaggregat ist ein echter Brocken von etwa 50 Tonnen, der auf einem massiven Stahlfundament ruht und im Grunde aus einem Antriebsmotor, einem Getriebe und dem eigentlichen Hochfrequenzgenerator besteht.

Hier ist die technische Aufschlüsselung, damit du beim nächsten Stammtisch mit unnützem, aber extrem coolem Wissen glänzen kannst.
3.1 Der Antrieb: Muskeln und Soda-Mix
Der Motor, der die ganze Show am Laufen hält, ist ein asynchroner 500-PS-Motor, was ungefähr 370 kW entspricht. Das kuriose Teil wird mit einer Spannung von nominal 2.200 V betrieben und hat eine zweiphasige Wicklung – heute so selten wie ein funktionierender Drucker, wenn man ihn mal braucht. Damit am Ende die richtige Frequenz aus dem Sender purzelt, muss dieser Motor mit exakt 711,3 Umdrehungen pro Minute rotieren.
Die Steuerung der Drehzahl ist dabei ein echtes Highlight für Freunde gepflegter Alchemie:
- Zur Regelung von Anlaufwiderstand und Geschwindigkeit werden zwei Meter hohe Behälter genutzt, die sogenannten Flüssigkeitswiderstände.
- Diese sind mit einer Mischung aus Wasser und Natriumkarbonat, also ganz normalem Waschsoda, gefüllt.
- Über motorbetriebene Dammlucken wird das Flüssigkeitsniveau und damit der Widerstand verändert, um das Drehmoment des Motors genau anzupassen.
- Ein Widerstand ist für die Grundgeschwindigkeit zuständig, während ein zweiter parallel geschaltet wird, sobald die Morsetaste gedrückt wird, um den Lastabfall abzufangen.
3.2 Das Herzstück: Der Alexanderson-Alternator
Vom Motor geht die Kraft über ein Getriebe, das die Drehzahl von 711,3 auf stolze 2.115 Umdrehungen pro Minute hochschraubt, direkt zum Generator. Dieser Generator ist das eigentliche Wunderwerk, denn er muss eine Frequenz von 17.200 Hz erzeugen, was für rotierende Maschinen extrem hoch ist.
Die Konstruktion ist deshalb alles andere als gewöhnlich:
- Der Rotor ist eine massive Stahlscheibe mit einem Durchmesser von 1,6 Metern und wiegt alleine schon rund 1.500 kg.
- Am Rand dieser Scheibe sind 488 Schlitze eingefräst, die mit Messing – einem unmagnetischen Material – aufgefüllt wurden, um dem Rotor eine glatte Oberfläche zu geben und den Luftwiderstand zu bändigen.
- Der Stator besteht aus hauchdünnem, ausgewalztem Eisen, um die Verluste so gering wie möglich zu halten.
- Ein Magnetfeld wird durch eine Feldwicklung am Stator erzeugt und durch die rotierende Scheibe ständig unterbrochen und wieder verstärkt, wenn Stahl und Messing abwechselnd am nur rund 1 mm breiten Luftspalt vorbeirasen.
- Insgesamt 64 Ankerwicklungen fangen diese magnetischen Schwankungen auf und wandeln sie in elektrische Energie um.
Das Prinzip ist elegant simpel: 488 Schlitze mal 2.115 Umdrehungen pro Minute ergeben genau die gewünschten 17.200 Schwingungen pro Sekunde. Kein Chip, keine Röhre, kein Transistor – nur Stahl, Messing und ordentlich Drehzahl.
Wer die Konstruktion bis auf die letzte Nachkommastelle nachvollziehen will, findet die offizielle technische Beschreibung des Alexanderson-Senders beim Verein Alexander sowie eine sehr gründliche deutsche Aufbereitung bei DL9CM.
3.3 Modulation und Leistung: Funkenfreies Morsen
Früher hat man die 200 kW Leistung des Senders voll ausgenutzt, um bis nach Amerika zu kommen, aber heute ist man etwas vorsichtiger und betreibt das Ganze bei Vorführungen nur noch mit deutlich reduzierter Leistung, oft um die 80 kW. Du kannst dir sicher vorstellen, dass man so eine gewaltige Leistung nicht einfach mit einem Lichtschalter an- und ausschaltet, außer man möchte ein hübsches Feuerwerk aus Lichtbögen sehen.
Stattdessen nutzt SAQ einen cleveren Trick mit Magnetverstärkern, auch Transduktoren genannt:
- Der Sendevorgang wird gesteuert, indem der Antennenschwingkreis im Rhythmus der Morsezeichen verstimmt wird.
- Ist die Morsetaste offen, sorgt der Magnetverstärker dafür, dass der Schwingkreis so gestört wird, dass kaum noch Strom zur Antenne fließt.
- Nur bei gedrückter Taste wird der Kreis perfekt abgestimmt und die volle Energie geht raus in die Welt.
3.4 Die Multipelantenne: Ein Gigant aus Draht
Das Signal muss natürlich auch irgendwo raus, und dafür hat man in Grimeton nicht einfach einen Stab in den Boden gesteckt. Die Antennenanlage ist ein echtes Monster und besteht aus sechs Türmen, die jeweils 127 Meter in den Himmel ragen.

Hier sind die harten Fakten für den Größenvergleich:
- Jeder Turm trägt 46 Meter breite Querarme, an denen die Antennenleiter hängen.
- Die gesamte Antenne erstreckt sich über eine Länge von 2,2 Kilometern.
- Es gibt acht (ursprünglich zwölf) Kupferleiter, die den Strom zu den vertikalen Strahlern an jedem Turm führen.
- Unter der Erde liegt ein gewaltiges Erdnetz aus Kupferdrähten mit einer Gesamtlänge von rund 180 Kilometern, damit die Wellen auch ordentlich abgestrahlt werden können.
Das Ganze ist also weniger ein Radio und mehr ein Kraftwerk, das zufällig Morsezeichen verschickt. Man merkt der Technik an, dass sie aus einer Zeit stammt, in der man Probleme noch mit mehr Eisen und mehr Strom gelöst hat – was die Sache heute nur noch faszinierender macht.
4 Wie man einen 50-Tonnen-Sender weckt
Wenn du denkst, dass das Hochfahren deines Computers am Montagmorgen lange dauert, dann hast du noch nicht gesehen, was für ein Zirkus veranstaltet werden muss, um SAQ aus dem Tiefschlaf zu wecken. Hier drückt man nicht einfach auf einen glänzenden Power-Button und wartet auf das Windows-Logo, sondern man begibt sich auf eine handfeste mechanische Expedition, bei der Öl, Wasser und eine ordentliche Portion Geduld die Hauptrollen spielen. Bevor die alte Dame auch nur ein einziges Morsezeichen von sich gibt, muss ein ganzes Team ran, um sicherzustellen, dass die über hundert Jahre alte Technik nicht vor lauter Schreck über den plötzlichen Tatendrang in ihre Einzelteile zerfällt.

4.1 Die Vorbereitung: Wo Schmierung noch echte Handarbeit ist
Der erste Schritt ist eher etwas für Leute, die keine Angst vor schmutzigen Händen haben, denn bevor der Strom fließt, muss die Mechanik kontrolliert werden. Da die Maschine keine modernen Kugellager besitzt, sondern auf klassischen Gleitlagern ruht, ist die Schmierung absolut überlebenswichtig. Das Team prüft also akribisch den Ölstand in allen Lagern, denn ohne den richtigen Schmierfilm würde die 50 Tonnen schwere Konstruktion schneller festfressen, als du „UNESCO-Weltkulturerbe“ sagen kannst. Erst wenn alles geschmeidig läuft und die Station mit dem externen Transformator im Feld verbunden ist, darf der erste elektrische Impuls gewagt werden.
4.2 Die Hilfsmaschinen und das Soda-Gebräu
Sobald die mechanischen Checks durch sind, geht es an die Inbetriebnahme der Hilfssysteme, die fast schon eine eigene kleine Fabrik bilden. Es beginnt mit einem lauten Klingeln der Alarmglocken, das erst verstummt, wenn die Wasserpumpen und der Öldruck im System stabil sind.
- Die Kühlung wird über Zentrifugalpumpen sichergestellt, die das Wasser durch das System treiben, wobei man penibel darauf achten muss, Luftblasen aus dem Gehäuse zu entlüften.
- Das Kühlwasser fließt dabei nicht nur zum Generator, sondern auch zu den legendären Flüssigkeitswiderständen und den Magnetverstärkern.
- Diese Flüssigkeitswiderstände sind im Grunde riesige, zwei Meter hohe Behälter, die mit einer Mischung aus Wasser und Natriumkarbonat gefüllt sind, um die richtige Leitfähigkeit für den Motorstart zu erreichen.
- Interessanterweise muss man manchmal sogar Wasser nachgießen, weil das Zeug bei der Arbeit so heiß wird, dass es schlichtweg verdampft.
Bevor der Hauptmotor angeworfen wird, müssen die Zirkulationspumpen in diesen Soda-Behältern gestartet werden, was oft noch manuell über offene Kontakte geschieht, bei denen man besser dicke Schutzhandschuhe trägt. Ohne diese Pumpen würde die Flüssigkeit beim Anlauf des Motors sofort anfangen zu kochen, was die ganze Prozedur in eine recht feuchte Angelegenheit verwandeln würde.
4.3 Der eigentliche Start: Wenn die Erde bebt
Jetzt wird es ernst, denn der 500-PS-Asynchronmotor wird mit satten 2.200 Volt befeuert. Dabei wird ein Ölschalter verwendet, um gefährliche Lichtbögen direkt im Keim zu ersticken. Man kann am Amperemeter genau beobachten, wie der Startstrom auf etwa 145 Ampere hochschnellt, während die massive 1,5 Tonnen schwere Rotorscheibe langsam, aber gewaltig an Fahrt gewinnt.
- Zuerst übernimmt eine Hilfsölpumpe die Schmierung, bis die interne Ölpumpe des Alternators bei ausreichender Drehzahl übernimmt und den Alarm endlich zum Schweigen bringt.
- Dann werden die Gleichrichter zugeschaltet, um den Motor und das magnetische Feld des Generators mit Gleichstrom zu versorgen.
- Der Motor jault auf, während er sich mühsam auf die Zieldrehzahl von über 700 Umdrehungen pro Minute hochkämpft, was man an den zitternden Zeigern der Instrumente verfolgen kann.
4.4 Die Feinabstimmung und der Funkenschutz
Wenn die Maschine erst mal auf Touren ist, beginnt für den Operator die eigentliche Kunst: die Punktlandung auf der Frequenz. Über die Flüssigkeitswiderstände wird das Niveau der Soda-Lösung so fein reguliert, dass die Frequenz am Zähler exakt bei 17.200 Hertz einrastet. Das Ganze muss sich erst einmal stabilisieren, bevor man den Generator überhaupt mit der Antenne verbinden darf.

Bevor aber das erste „Dah-Dit“ rausgehen kann, müssen noch die Kühlgebläse für die Relais gestartet werden. Diese pusten Druckluft auf die Kontakte im Relais-Korridor, um Lichtbögen wegzublasen und die Hitze abzuführen, die beim Schalten der gewaltigen Leistung entsteht. Erst wenn diese künstliche Brise weht, legt der Operator den motorbetriebenen Schalter um, der den Hochfrequenzgenerator endgültig mit dem Antennensystem verheiratet. Wenn dann der Lochstreifenleser anfängt zu rattern und die charakteristischen Morsesignale von SAQ in den Äther schickt, weiß man, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hat und die alte Dame wieder einmal bewiesen hat, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehört.
5 Längstwellen – Funk in einer anderen Dimension
Nachdem wir uns durch tonnenweise Stahl und Soda-Cocktails gewühlt haben, kommen wir zu dem Teil, der erklärt, warum dieser ganze Aufwand überhaupt getrieben wird. Wir reden hier über Längstwellen, im Fachjargon auch VLF (Very Low Frequency) genannt – und das ist Funk in einer ganz anderen Dimension, wo die Wellenlängen so lang sind, dass deine normale Zimmerantenne dagegen aussieht wie ein Zahnstocher.

5.1 Die Physik der Giganten: Was sind eigentlich Längstwellen?
Wenn wir von Längstwellen sprechen, bewegen wir uns in einem Frequenzbereich zwischen 3 und 30 kHz. Unser Freund SAQ sendet, wie du ja inzwischen weißt, auf 17,2 kHz. Um dir mal eine Vorstellung von den Dimensionen zu geben: Als der Sender 1924 startete, lag die Wellenlänge bei rund 18.000 Metern. Bei der heutigen Frequenz von 17,2 kHz ist eine einzige Welle immer noch über 17 Kilometer lang. Das ist Physik zum Anfassen – oder zumindest zum Staunen, wenn man bedenkt, dass wir heute mit Gigahertz-Frequenzen hantieren, deren Wellen so winzig sind, dass sie kaum durch eine Handfläche kommen.
Längstwellen haben ein paar ziemlich abgefahrene Eigenschaften, die sie für das Militär und die weltweite Kommunikation so wertvoll gemacht haben:
- Sie breiten sich im sogenannten Erde-Ionosphäre-Wellenleiter aus, werden also zwischen Erdoberfläche und Ionosphäre hin- und hergeworfen, was ihnen eine enorme Reichweite verschafft.
- Sie können problemlos den Atlantik überqueren und Amerika erreichen, weshalb Grimeton ja überhaupt erst gebaut wurde.
- Die faszinierendste Eigenschaft ist aber ihre Fähigkeit, in Salzwasser einzudringen. Während dein Handy schon in einer Pfütze den Geist aufgibt, dringen diese Wellen einige Meter tief ins Meer vor, was sie perfekt für die Kommunikation mit getauchten U-Booten macht.
Wer tiefer in die Wellenausbreitung und das Funkwetter einsteigen will, findet in meinem Funkwetter-Beitrag mehr dazu.
5.2 Dein Weg zum Längstwellen-Hörer: Die Technik für zu Hause
Jetzt denkst du wahrscheinlich, du bräuchtest für den Empfang dieser Signale selbst eine halbe Fabrikhalle und ein Team von Ingenieuren. Weit gefehlt! Das Schöne am modernen Computer-Zeitalter ist, dass du SAQ mit Dingen empfangen kannst, die vermutlich sowieso schon unter deinem Schreibtisch stehen.
Für den Empfang brauchst du heute keinen speziellen Empfänger mehr, sondern eigentlich nur:
- Einen PC oder Laptop mit einer halbwegs vernünftigen Soundkarte.
- Eine Soundkarte mit einer Abtastfrequenz von 48 kHz reicht völlig aus, um Signale bis 24 kHz zu verarbeiten – da passt unsere 17,2 kHz locker rein.
- Wenn du eine 192-kHz-Soundkarte hast, kannst du sogar noch höher hinaus und auch Zeitzeichensender wie den deutschen DCF77 bei 77,5 kHz einfangen.
- Als „Gehirn“ nutzt du eine SDR-Software (Software Defined Radio) wie zum Beispiel SDR#, die dir das Spektrum schön bunt auf dem Bildschirm anzeigt und das Signal hörbar macht.
Eine wirklich gute deutschsprachige Schritt-für-Schritt-Anleitung für genau dieses Setup gibt es bei Amateurfunk Bruchsal.
5.3 Die Antenne und das Problem mit dem „Elektrosmog“
Der schwierigste Teil an der ganzen Sache ist die Antenne. Da eine „echte“ Antenne für 17,2 kHz mehrere Kilometer lang sein müsste, greifen wir Hobby-Funker zu einem Trick: Aktivantennen. Die bekannteste ist die Mini-Whip (nach PA0RDT), die winzig klein ist, aber erstaunlich gute Ergebnisse liefert.
Aber Achtung, hier kommt der Haken: Unsere modernen Häuser sind vollgestopft mit Schaltnetzteilen, LED-Lampen und anderem Elektronik-Kram, der im Längstwellenbereich einen Höllenlärm verursacht. Wenn du die Antenne im Wohnzimmer neben deinen Router stellst, wirst du außer Rauschen gar nichts hören.
- Die Antenne muss unbedingt nach draußen, weg vom Haus.
- Ein temporärer Aufbau im Garten oder auf dem Balkon ist oft die einzige Chance, das Signal von SAQ sauber einzufangen.
- Um zu testen, ob dein Setup überhaupt funktioniert, kannst du nach den russischen Alpha-Funknavigationssignalen Ausschau halten (z. B. bei 11,9 kHz oder 14,88 kHz) – wenn du die siehst, bist du bereit für Grimeton.
Und ja, ich spreche aus frisch erworbener Erfahrung: Genau dieses Störnebel-Problem war ja der Grund, warum wir zum Lauschen erst mal raus aufs Feld bei Syrau gefahren sind.
Antennenbau ist ohnehin ein Kapitel für sich – wer sich für kompakte Selbstbau-Lösungen interessiert, findet bei mir eigene Erfahrungen mit Magnetic-Loop-Antennen, unter anderem mit der MC-20.
5.4 Belohnung für die Mühe: Die QSL-Karte
Wenn du es dann tatsächlich schaffst, am Alexanderson Day oder an Heiligabend die Morsesignale von SAQ aus dem Rauschen zu fischen (das ist übrigens reines CW, also Telegrafie ganz ohne Sprache), dann kannst du einen Empfangsbericht an die Betreiber in Schweden schicken. Das geht ganz bequem über ein Online-Formular auf der Website des Vereins Alexander, und wenn deine Angaben stimmen, bekommst du eine schicke, elektronische QSL-Karte als Bestätigung – quasi das Autogramm des Senders.

Das Team in Grimeton freut sich riesig über Rückmeldungen aus der ganzen Welt. Die Berichte kommen mittlerweile aus allen Ecken der Erde, sogar aus Südafrika oder aus New Hampshire in den USA. Man schätzt, dass regelmäßig zwischen 200 und 300 Leute einen Bericht abgeben – die Dunkelziffer derer, die einfach nur andächtig lauschen, dürfte aber deutlich höher liegen. Es ist schon ein tolles Gefühl, wenn man mit einem simplen Computer-Setup ein Signal einfängt, das von einer 100 Jahre alten 50-Tonnen-Maschine erzeugt wurde.
6 SAQ heute: Rockstar im Ruhestand
Zum krönenden Abschluss unserer Technik-Exkursion kommen wir zu dem Teil, der zeigt, dass die alte Dame SAQ noch lange nicht zum alten Eisen gehört, auch wenn sie manchmal so aussieht. Hier erfährst du, wie der Sender heute als lebendiges Denkmal gefeiert wird und wie du selbst Teil dieser schrägen, aber liebenswerten Community werden kannst.

6.1 Die großen Auftritte: Wenn die Maschine zum Rockstar wird
Man könnte meinen, ein 100 Jahre alter Sender würde seinen Ruhestand in einer dunklen Ecke genießen, aber SAQ hat einen Terminkalender, um den ihn so mancher Influencer beneiden würde. Die absoluten Highlights im Jahr sind die regelmäßigen Aussendungen, die fast schon rituellen Charakter haben:
- Der Alexanderson Day: Er findet traditionell entweder am letzten Sonntag im Juni oder am ersten Sonntag im Juli statt. Das ist ein riesiger Tag der offenen Tür für die ganze Familie, an dem der Sender meistens gleich mehrmals angefahren wird, um Botschaften in die Welt zu schicken.
- Heiligabend: Während andere noch panisch Geschenke einpacken oder den Braten wenden, versammeln sich die Techniker in Grimeton am frühen Morgen des 24. Dezembers, um Weihnachtsgrüße in Morsetelegrafie zu versenden.
- Besondere Anlässe: Ab und zu gibt es Sonderauftritte, etwa am UN-Tag im Oktober, an dem Friedensbotschaften über die 2,2 Kilometer lange Antenne gejagt werden. Auch Testsendungen kommen vor – die sind dann aber oft unangekündigt, quasi die „Secret Gigs“ der Funkwelt.
Die genauen Sendetermine findest du rechtzeitig beim FUNKAMATEUR – und wer nicht selbst empfangen kann, verfolgt die Aussendungen live auf dem offiziellen YouTube-Kanal.
6.2 Sightseeing für Tech-Nerds: Das Erlebnis vor Ort (und vom Sofa)
Grimeton ist heute ein echtes Ausflugsziel geworden, das weit mehr bietet als nur einen großen grauen Kasten in einer Halle. Wenn du es tatsächlich nach Schweden schaffst, erwartet dich ein komplettes Besucherzentrum.
Dort gibt es nicht nur die beeindruckende Senderhalle im schicken neoklassizistischen Stil zu bewundern, sondern auch einige Kuriositäten aus der Anfangszeit. Du kannst zum Beispiel das alte Stationsauto bestaunen, einen auf Hochglanz polierten Chevrolet von 1931, und eine uralte Gulf-Zapfsäule, die dort immer noch herumsteht. Dazu kommen ein Shop, ein Café und geführte Touren, bei denen dir die Geschichte der Anlage noch einmal hautnah verklickert wird.
Solltest du gerade keine Zeit für einen Trip nach Schweden haben (oder dein Budget nach dem Kauf der ganzen Funktechnik erschöpft sein), kannst du auch einen virtuellen Besuch abstatten. Auf der Website gibt es 360-Grad-Ansichten von der Senderhalle und dem Kontrollzentrum, und man kann sogar virtuell unter einem der riesigen Antennentürme stehen – ganz ohne sich Sorgen um die 2.200 Volt machen zu müssen.
6.3 Das Funkdorf und die anderen Antennen
Wenn du denkst, in Grimeton gäbe es nur den einen Maschinensender, dann muss ich dich enttäuschen – oder eher überraschen. Das Gelände ist ein richtiger kleiner Mikrokosmos der Funkgeschichte:
- Für die Mitarbeiter wurde damals ein eigenes kleines Dorf mit Wohnhäusern für sieben Familien errichtet, damit der Sender rund um die Uhr betreut werden konnte.
- Neben dem historischen VLF-Sender steht dort auch modernere Technik, etwa ein 1966 errichteter, rund 260 Meter hoher Stahlfachwerkmast, der heute für UKW-Hörfunk und TV-Programme genutzt wird.
- Es gibt sogar log-periodische Kurzwellenantennen, die zeigen, wie sich die Technik nach dem Zweiten Weltkrieg weiterentwickelt hat, als die riesigen Maschinen langsam durch kompaktere Röhrensender ersetzt wurden.
6.4 Die Hüter des Stahls: Der Verein Alexander
Dass dieses ganze mechanische Spektakel überhaupt noch möglich ist, verdanken wir dem Verein Alexander (Föreningen Alexander, offiziell „Grimeton Veteranradios Vänner“). Das ist ein Haufen passionierter Freiwilliger, ehemaliger Mitarbeiter und Funkamateure, die in ihrer Freizeit die Lager ölen, die Pumpen warten und dafür sorgen, dass der Soda-Mix in den Widerständen stimmt.

Diese Leute investieren unzählige Stunden, um das Wissen über den Betrieb dieser einzigartigen Maschine am Leben zu erhalten. Sie betreiben auch die Klubstation SK6SAQ, die oft parallel zu den Sendungen auf den normalen Amateurfunkbändern aktiv ist. Ohne ihren Einsatz wäre Grimeton heute wahrscheinlich nur ein Haufen rostiger Masten – und keine Weltkulturerbestätte, die uns zeigt, dass man für weltweite Kommunikation nicht immer auf Satelliten angewiesen ist, sondern manchmal auch einfach nur ein 50 Tonnen schweres Stahlmonster und eine gute Portion schwedische Gelassenheit braucht. Es ist ein Ort, an dem du, wie es der Verein so schön ausdrückt, die „Flügel der Geschichte“ tatsächlich hören kannst.
7 Fazit: Warum wir dieses Ungetüm lieben
Vielleicht fragst du dich jetzt, ob es den ganzen Aufwand wirklich wert ist, nur um ein paar Morsezeichen in den Äther zu schicken, die man heute mit einem Mausklick erledigen könnte. Aber genau darin liegt der Witz: SAQ ist ein technisches Fossil, das sich weigert, zu versteinern. Es ist eine Hommage an eine Zeit, in der Ingenieurskunst noch etwas mit Muskelkraft, dem Geruch von heißem Öl und dem Dröhnen riesiger Maschinen zu tun hatte. Grimeton ist nicht einfach nur ein Museum, sondern ein lebendiges Zeugnis dafür, wie wir Menschen gelernt haben, den Ozean mit unsichtbaren Wellen zu überbrücken.

Am Ende bleibt SAQ mehr als nur ein Sender. Es ist eine globale Gemeinschaft von Funkfreunden, Technikbegeisterten und Historikern, die alle paar Monate gespannt vor ihren Empfängern sitzen. Wenn die Maschine stoppt und die Ruhe in der Sendehalle einkehrt, bleibt das Wissen, dass wir gerade Zeuge von etwas ganz Besonderem geworden sind. Also, halt die Ohren steif, bau deine Antenne auf und sei beim nächsten Mal dabei, wenn es wieder heißt: „vvv vvv de SAQ SAQ SAQ“. Es lohnt sich, versprochen!