RTTY – der Opa unter den Digimodes

RTTY ist der Opa unter den Digimodes: zwei Töne, fünf Bits und eine Uhr, gebaut für Maschinen aus Gusseisen und bis heute auf Kurzwelle zu Hause. Ich nehme Funkfernschreiben von Baudot bis Fldigi auseinander, als Vorbereitung auf mein erstes RTTY-QSO im Contest.

(Lesedauer: ca. 60 Minuten)

Angefangen hat es, wie so vieles bei mir, mit einem YouTube-Video, diesmal von F74 über RTTY. Das schaue ich mir mal genauer an, dachte ich. Dann kamen andere Themen dazwischen, die gerade glänzender aussahen, und RTTY rutschte auf meiner Liste wieder nach unten.

Jetzt steht die nächste Contest-Saison vor der Tür. Am 14. und 15. November 2026 läuft der WAE DX RTTY, im Dezember folgt der OK DX RTTY, Anfang Januar die ARRL RTTY Roundup und im Februar der CQ WPX RTTY. Gelegenheiten zum Mitmachen gibt es also genug. Eigentlich wollte ich mich nur kurz einlesen. Ja, ich weiß: Die Sache ist mal wieder eskaliert.

Nach FT8 und SSTV ist RTTY damit die nächste Betriebsart, die ich für mich auseinandernehme. Und es ist eine besondere: RTTY ist der Opa unter den Digimodes. Älter als jede Soundkarte und gebaut für Maschinen aus Gusseisen. Während sein Enkel FT8 Signale weit unter dem Rauschen ausgräbt und dabei im 15-Sekunden-Takt seine Formulare abarbeitet, erzählt der Opa noch frei von der Leber weg, Buchstabe für Buchstabe. Ein eigenes RTTY-QSO habe ich bisher nicht gefahren. Dieser Artikel ist also kein Erfahrungsbericht, sondern meine Vorbereitung, und ich nehme dich mit.

Wir fangen beim Prinzip an: zwei Töne, fünf Bits und eine Uhr. Danach schauen wir in die Geschichte, zerlegen den Baudot-Code und das Bit-Timing und klären, wie die Bits als FSK oder AFSK auf die Antenne kommen und warum die Endstufe dabei ins Schwitzen gerät. Dann geht es an die Station, mit Funkgerät allein oder mit PC, an die Software und an Fldigi. Zum Schluss wird es praktisch: das normale QSO, Contest, DX-Jagd, ein Blick auf Seewetter und Seefunk und eine Fehlersuche für den Fall, dass der Opa bockt.

Wer gezielt springen will:

1. Was ist RTTY?

Zuerst die Grundlagen: was RTTY ist, warum es mit zwei Tönen arbeitet, wie schmal das Signal ist und woran man es auf dem Band erkennt.

1.1. Begriffsklärung

RTTY steht für Radio Teletype, auf Deutsch Funkfernschreiben, im kommerziellen Bereich auch Radiotelex. Es ist die älteste maschinelle digitale Betriebsart der Funkgeschichte.

Streng genommen ist auch CW digital, denn es gibt nur zwei Zustände: Träger an oder aus. Der Decoder sitzt bei CW aber zwischen den Ohren des Funkers, und bei mir herrscht da in Sachen Morsen noch Funkstille. RTTY war das erste Verfahren, das von Anfang an dafür gebaut wurde, Text vollautomatisch von Maschinen erzeugen und ausdrucken zu lassen.

Technisch ist RTTY eine asynchrone, serielle Übertragung von Textzeichen. Früher erledigten das zentnerschwere Fernschreibmaschinen mit Farbband und ratternden Typenhebeln, heute die Soundkarte im PC oder der Signalprozessor im Transceiver. Die Logik dahinter ist dieselbe geblieben.

1.2. Das Zweiton-Prinzip

Warum tastet man den Sender nicht einfach wie bei CW im Takt der Bits an und aus? Weil die Kurzwelle rauscht und knistert. Ein Decoder, der in den Pausen entscheiden muss, ob da „etwas“ oder „nichts“ ist, hält jedes atmosphärische Prasseln für ein Signal.

RTTY verzichtet deshalb auf Amplitudenmodulation. Der Sender strahlt einen durchgehenden Träger ab und springt dabei zwischen zwei festen Frequenzen hin und her. Das Verfahren heißt Frequency Shift Keying (FSK), in der Soundkarten-Variante Audio Frequency Shift Keying (AFSK). Die beiden Zustände tragen traditionelle Namen: Mark steht für die logische Eins und ist zugleich der Ruhezustand, Space steht für die logische Null.

Weil immer einer der beiden Töne anliegt, muss der Demodulator nicht raten. Er vergleicht ständig die Energie im Mark- und im Space-Kanal. Erst wenn Space den Mark-Kanal übersteigt, kippt die Logik auf Null. Das macht RTTY deutlich robuster gegen Rauschen und schwankende Signale.

1.3. Schmalbandigkeit: 170 Hz

Der weltweite Standard auf Kurzwelle liegt bei 45,45 Baud, das sind etwa 60 Wörter pro Minute oder rund 6 Zeichen pro Sekunde. Der Abstand zwischen den beiden Tönen, der Shift, ist im Amateurfunk auf 170 Hz genormt. Auf der HF liegt die Mark-Frequenz immer um den Shift höher als Space, und sie gilt als offizielle Betriebsfrequenz. Ein sauberes RTTY-Signal belegt bei −6 dB nur etwa 250 bis 270 Hz.

In einen SSB-Kanal von 2.700 Hz passen also rund zehn RTTY-Signale nebeneinander. Und weil in einem schmalen Kanal weniger Rauschleistung steckt, kommt man mit 50 bis 100 Watt erstaunlich weit.

Die thermische Falle: RTTY kennt keine Pausen, die Einschaltdauer (Duty Cycle) liegt bei 100 %. Wer aus einem 100-Watt-Transceiver die vollen 100 Watt holt, baut sich ein teures Heizelement. Faustregel: höchstens 50 Watt (Kapitel 7).

1.4. Wie RTTY klingt und aussieht

Akustisch ist RTTY ein schnelles Trillern zweier Töne. Als die ersten Fernschreib-Funker Ende der 1950er-Jahre auf den damals von AM-Telefonie beherrschten Bändern auftauchten, sollen sich die Sprechfunker lautstark über das Gebimmel beschwert und die Teletype-Leute aufgefordert haben, sich ihre „Jingle Bells“ sonst wohin zu stecken. Wer den Klang einmal gehört hat, erkennt ihn wieder.

Im Wasserfall von Fldigi, MMTTY oder einem SDR zeigt sich RTTY als Paar paralleler Linien im Abstand von 170 Hz.

Zum genauen Abstimmen nutzt man traditionell ein XY-Oszilloskop, das Kreuz-Scope. Der Mark-Ton lenkt den Strahl horizontal ab, der Space-Ton vertikal. Sitzt das Signal genau auf den Tonfiltern, entstehen zwei schmale Ellipsen, die im rechten Winkel aufeinanderstehen. Wandert das Signal weg, kippen die Ellipsen oder fallen in sich zusammen. Stehen sie im Kreuz, läuft der Text.

2. Ein bisschen Geschichte

Jeder Opa hat eine Jugend, und die von RTTY roch nach Maschinenöl. Es gab eine Zeit, in der eine Textnachricht per Funk Gehörschutz, zölliges Werkzeug, Schmierfett und eine Kellerdecke mit Reserven voraussetzte. Wir gehen von Baudots fünf Bits über Fernschreiber und Lochstreifen bis zu den ersten Funkamateuren mit RTTY.

2.1. Baudot, Murray und die 5 Bits

In den 1870er-Jahren entwickelte der französische Ingenieur Émile Baudot einen Telegrafencode, der den menschlichen Flaschenhals der Morsetelegrafie umgehen sollte. Statt unterschiedlich langer Zeichen wie beim Morsen setzte er auf ein starres 5-Bit-Raster. Das passte gut zu mechanischen Verteilern, hatte aber einen Haken: 2⁵ = 32. Und 32 Zustände reichen nicht für 26 Buchstaben, 10 Ziffern, Satzzeichen und Steuerbefehle. Der Neuseeländer Donald Murray ordnete den Code um 1901 neu, sodass häufige Buchstaben die Mechanik weniger verschlissen, und führte die Registerumschaltung zwischen Buchstaben und Ziffern ein (LTRS/FIGS, Kapitel 4). Daraus wurde das Internationale Telegrafenalphabet Nr. 2 (ITA2).

JahrWerWas
1870erÉmile Baudot5-Bit-Raster (32 Zustände, Zeittakt-Umlaufverteiler)
1901Donald MurrayMurray-Code, Typenhebeltastatur, LTRS/FIGS-Ebenen
1932CCITTStandardisierung als ITA2 (Baudot-Murray)
–Teletype (USA)60 Wörter pro Minute: 45,45 Baud, 22,0 ms Bitdauer
ab 1946/1958AmateurfunkAusgemusterte Fernschreiber erobern die Kurzwellenbänder

Die krummen 45,45 Baud stammen aus den USA. Die dortigen Fernschreiber waren auf 60 Wörter pro Minute ausgelegt, das entspricht 22,0 ms pro Bit:

$$\frac{1}{0{,}022\,\text{s}} \approx 45{,}45\,\text{Baud}$$

Die amerikanischen Funkamateure übernahmen dieses Tempo, weil ihre ausgemusterten Maschinen nun einmal so getaktet waren.

2.2. Mechanische Fernschreibmaschinen

Wer eine mechanische Gaming-Tastatur laut findet, hat noch nie neben einem laufenden Fernschreiber gestanden. Die Geräte bestanden aus Gusseisen, gehärtetem Stahl, Rutschkupplungen und Fliehkraftreglern. Als jemand, der aus dem Holzhandwerk kommt, habe ich großen Respekt vor solchen Maschinen: Da wurde nichts geklebt, da wurde gefräst, gehärtet und geschmiert.

  • 40-mA-Linienstrom: Die Signale liefen nicht als Spannungspegel, sondern als Strom von 30 bis 40 mA bei Linienspannungen bis 120 Volt. Ein Empfangsmagnet unterschied, ob Strom floss (Mark) oder nicht (Space).
  • Typenhebel: Wählschienen decodierten den 5-Bit-Code rein mechanisch, ein Druckbügel schlug den richtigen Typenhebel durch das Farbband aufs Papier.
  • Keine Rücktaste: Ein Tippfehler blieb für immer auf dem Papier.
  • Grüne Tasten: Viele Fernschreiber hatten dunkelgrüne Tastenkappen. Wenn alte Hasen heute „See you on the green keys“ sagen, meinen sie diese Ära.

Bekannte Modelle waren die britischen Creed 3X und 7B, die US-amerikanischen Teletype Model 19 und Model 28 ASR (eine Schrankwand mit Lochstreifenleser und -stanzer) sowie im deutschsprachigen Raum die Siemens T37, T68 und der elektronische T1000 aus den späten 1970ern.

2.3. Der Lochstreifen: das Makro der Fünfzigerjahre

Ein Fernschreiber hatte keinen Zwischenspeicher. Wer live sendete, musste gleichmäßig im 45,45-Baud-Takt tippen, sonst hing der Sender mitten im Wort. Die Rettung war der 5-Kanal-Lochstreifen:

Ein Loch bedeutet Mark (1), kein Loch Space (0). Man stanzte seinen Text in Ruhe vor und ließ ihn dann vom Leser senden. Besonders beliebt war das Brag Tape (Prahlerband): eine Schleife mit Stationsbeschreibung, Antenne und Wetter, die mit voller Geschwindigkeit durchratterte, während der Operator Kaffee trank. Umlaute und ß gab es nicht, das Eszett schrieb man als SZ.

2.4. Militär und Telex

Bevor Funkamateure Fernschreiber in den Keller wuchteten, gehörte RTTY Militär, Diplomaten und Nachrichtenagenturen. Im Zweiten Weltkrieg verschlüsselten der Lorenz-Schlüsselzusatz SZ40 (in Bletchley Park „Tunny“ genannt, zu seinem Brechen entstand der Rechner Colossus) und der Siemens-Geheimschreiber T52 den Baudot-Bitstrom. Nach 1945 war das Telex-Netz über Jahrzehnte das Rückgrat des internationalen Geschäftsverkehrs, ein eigenes Wählnetz mit rechtsverbindlichen Dokumenten. Anfang 2008 hatten rund 30 Länder, darunter Deutschland, ihren Telexdienst bereits eingestellt.

2.5. Wie RTTY in den Amateurfunk kam

Funkamateure taten, was sie immer tun: Sie stöberten im ausgemusterten Gerät. Anfang der 1950er-Jahre nutzten britische Funkamateure ausgediente Fernschreiber der Post. G2UK und G3CQE gelten als die ersten britischen Funkamateure mit RTTY auf Kurzwelle und gründeten 1959 die British Amateur Radio Teletype Group (BARTG). Aus dieser Zeit sollen auch die „Jingle Bells“-Beschimpfungen stammen.

ZeitSignalketteMerkmale
1960er-JahreCreed-7B-Fernschreiber → 40 mA → Röhrenkonverter DJ6HP → VFO-Shift-Diode100 kg Schrottplatz-Fund, zentnerschwer, ohrenbetäubend laut
1980er-JahreTastatur + Videoterminal → RS-232 → Hardware-TNC → TransceiverErste Bildschirme, lautloser Betrieb, Halbleitertechnik
HeutePC-Software (Fldigi / MMTTY) → USB-Audio / CAT → SDR-TransceiverReine Signalverarbeitung in Software, Klick im Wasserfall

Die schwierigste Stelle war die Schnittstelle zwischen 40-mA-Stromschleife und Sender. In Deutschland wurde die Bauanleitung von Hans-Joachim Pietsch (DJ6HP) für eine ganze Generation zum Standardwerk. Sein Konverter setzte die Stromschleife auf NF-Töne und HF-Tastung um.

Ab Mitte der 1970er-Jahre lasen viele RTTY lautlos auf dem Bildschirm, angetrieben von Terminal Node Controllern (TNCs). In den 1990ern kamen PCs mit Soundkarte, und Programme wie MMTTY von JE3HHT und später Fldigi von W1HKJ ersetzten Filterspulen durch Mathematik. Die Gusseisen-Boliden wanderten ins Museum. Die Sprache, die wir senden, ist aber noch immer die von Baudot.

3. RTTY im modernen Amateurfunk

Wer Außenstehenden erzählt, er schicke freiwillig Text mit 45,45 Baud über die Kurzwelle, erntet mitleidige Blicke. Trotzdem lebt RTTY auf den Bändern, fast schon trotzig. Wir ordnen es zwischen CW, PSK31 und FT8 ein und schauen, was es den anderen voraushat.

3.1. Zwischen Morsetaste und FT8

StufeBetriebsartAblaufMerkmal
1CW („Gehirn-Modem“)Funkamateur-Gehör decodiert Dits und Dahs im KopfHöchste menschliche Handwerkskunst
2RTTY und PSK31 („mechanische Textübertragung“)Mensch an der Tastatur, Rechner erzeugt Töne (AFSK/FSK)Direkter Textfluss, Dialog in Echtzeit
3FT8 / FT4 („synchrones Block-Labor“)Rechner-Soundkarte im 15-s-Raster, mathematische AlgorithmenAutomatisierter Makro-Tausch
  • CW: Der Decoder ist der Mensch. RTTY lagert das an Hard- oder Software aus, teilt mit CW aber das Unmittelbare: Man drückt die Taste, und auf der anderen Seite des Ozeans erscheinen sofort die Buchstaben.
  • PSK31: Die Ende der 1990er von Peter Martinez (G3PLX) entwickelte Betriebsart braucht nur 31,25 Hz Bandbreite und arbeitet mit einem Varicode, bei dem häufige Buchstaben kürzer sind. Dafür verlangt sie saubere Phasenbeziehungen. Die 170-Hz-Umtastung von RTTY steckt Flattern auf Polarwegen mit guten Decodern wie 2Tone besser weg.
  • FT8: Die Leistung von Joe Taylor (K1JT) und Steve Franke (K9AN) ist enorm, FT8 holt Signale weit unter dem Rauschen heraus. Wie das funktioniert, habe ich im FT8-Artikel ausführlich zerlegt. Aber bei FT8 klickt man im Grunde zwei Computern hinterher, die im 15-Sekunden-Takt Standardsequenzen abarbeiten. Ein spontanes „Moment, mein Kaffee kocht über“ passt da nicht hinein. RTTY ist dagegen echter Dialog zwischen Menschen.

3.2. Was RTTY kann

Freies Tippen: RTTY kennt weder Zeitslots noch Zeichenlimits. Man kann ein kurzes Standard-QSO fahren oder sich stundenlang über Antennen unterhalten, das sogenannte Ragchewing. Wer nicht blind tippt, tippt in den Sendepuffer von Fldigi oder MMTTY vor, und die Software schiebt den Text gleichmäßig hinaus.

Keine Decodierverzögerung: FT8 sammelt 12 bis 15 Sekunden Audio, rechnet und gibt das Ergebnis im Block aus. RTTY arbeitet ohne Wartezeit: Jeder Buchstabe steht 165 ms nach seinem Startbit auf dem Bildschirm (Abschnitt 5.1). Man sieht den Text einlaufen, merkt, ob die Verbindung steht, und sieht sogar, wenn der Operator drüben ins Stocken gerät.

Durchsatz bei gutem Signal: RTTY verzichtet auf Fehlerkorrektur, Handshakes und Quittungen. Bei stabilen Signalen ist ein Contest-QSO in fünf bis sechs Sekunden erledigt, da hat FT8 seinen ersten 15-Sekunden-Durchgang noch nicht beendet.

3.3. Contest und DX

Unter der Woche geht es auf den RTTY-Frequenzen beschaulich zu, an großen Contest-Wochenenden brodelt es. Die wichtigsten RTTY-Conteste sind der CQ WW RTTY DX (letztes volles September-Wochenende), der CQ WPX RTTY (Februar), der WAE DX RTTY (November) und der OK DX RTTY (Dezember). Wie man dort besteht, steht in Kapitel 13.

Die zweite Säule ist das DXing, die Jagd nach seltenen Ländern und Inseln. Fast jede größere DXpedition hat RTTY-Zeitfenster im Plan, Treffpunkt ist der Bereich um 14.080 kHz. Pile-ups, Split-Betrieb und die Bakenfalle bei 14.099 kHz behandelt Kapitel 14.

4. Der Baudot-Murray-Code (ITA2)

Auf dem Smartphone erwarten wir UTF-8 mit tanzenden Pinguinen und Schriftzeichen aller Kulturen. Beim Funkfernschreiben regiert digitale Askese: der Baudot-Murray-Code, genormt als ITA2. Er zeigt seit über hundert Jahren, dass man mit fünf Bits Kontinente überbrücken kann, solange man ihm gelegentlichen Unfug verzeiht. Wir schauen uns an, wie er mit 32 Zuständen auskommt, was dabei schiefgehen kann und was er gar nicht kann.

4.1. Das Problem der 32 Zustände

Jedes RTTY-Zeichen besteht aus genau fünf Datenbits, das ergibt 32 Kombinationen. Gebraucht werden aber 26 Buchstaben, 10 Ziffern, Leerzeichen, Satzzeichen und Steuerbefehle wie Zeilenvorschub, zusammen mindestens 45 bis 50 Zeichen. Das geht ohne Trick nicht auf.

4.2. Registerumschaltung: LTRS und FIGS

Ein sechstes Bit hätte 64 Kombinationen gebracht, aber die Übertragung verlängert. Baudot und Murray lösten das wie die Shift-Taste am PC: Der Code ist doppelt belegt. Die Buchstaben-Ebene (LTRS, Letters) enthält die 26 Großbuchstaben, die Ziffern-Ebene (FIGS, Figures) die Ziffern 0 bis 9 und Satzzeichen. Dasselbe Bitmuster bedeutet also je nach Ebene etwas anderes:

BitmusterBuchstaben-Ebene (LTRS)Ziffern-Ebene (FIGS)
10111Q1
10000T5
11000O9

Zwei der 32 Kombinationen sind nicht druckende Umschaltbefehle: FIGS (11011, dezimal 27) schaltet den Empfänger in die Ziffernebene, LTRS (11111, dezimal 31) zurück zu den Buchstaben. Leerzeichen, Wagenrücklauf (CR) und Zeilenvorschub (LF) sind in beiden Ebenen gleich. Die komplette Tabelle steht in Anhang B.

Heutige Software wie Fldigi oder MMTTY fügt die Umschaltzeichen selbst ein, sobald man zwischen Buchstaben und Zahlen wechselt. Davon merkt man nichts, solange alles gut geht.

4.3. Der Shift-Fehler: aus 599 wird TOO

RTTY hat keine Fehlerkorrektur und keine Prüfsumme. Jedes Bit wird geglaubt. Verschluckt ein Knacken in der Atmosphäre ausgerechnet das 22 ms kurze FIGS-Zeichen, bleibt der Empfänger in der Buchstabenebene hängen.

Die 5 hat dasselbe Bitmuster wie das T (10000), die 9 dasselbe wie das O (11000). Statt des Rapports 599 liest der Empfänger TOO. Umgekehrt kann ein verlorenes LTRS dazu führen, dass normaler Text als Ziffern- und Satzzeichensalat erscheint. Generationen von Funkern haben gelernt, solche Verschiebungen im Kopf zurückzuübersetzen.

4.4. Unshift on Space und Rechtsklick

Gegen solche Aussetzer gibt es zwei Hilfen. Die erste heißt Unshift on Space (UOS): Ist diese Funktion aktiv, schaltet der Decoder bei jedem Leerzeichen automatisch zurück in die Buchstabenebene. Ein verlorenes LTRS richtet so höchstens bis zum nächsten Wort Schaden an. In MMTTY und Fldigi ist UOS meist eingeschaltet.

Vorsicht bei Zahlenkolonnen: Steht ein Leerzeichen mitten in einer Zahlengruppe, etwa 001 001, schaltet ein Decoder mit UOS nach dem Leerzeichen auf Buchstaben. Die zweite Gruppe käme dann als Buchstabensalat an. Damit Exchanges wie 599 14 14 trotzdem stimmen, schickt die Sendesoftware nach dem Leerzeichen vor der nächsten Ziffer erneut FIGS. In Fldigi heißt die zugehörige Option „TX – unshift on space“.

Die zweite Hilfe ist der Rechtsklick. Steht trotzdem UR RST TOO auf dem Schirm, klickst du in MMTTY mit der rechten Maustaste auf das verunglückte Wort. Die Software dreht die Ebene um, und aus TOO wird 599.

4.5. Was ITA2 nicht kann

  • Kleinbuchstaben: gibt es nicht, die Software wandelt alles in Versalien um.
  • Umlaute: Ä, Ö, Ü schreibt man als AE, OE, UE, das ß als SZ.
  • Sonderzeichen: In der Ziffernebene stehen nur Bindestrich, Klammern, Dollarzeichen, Ausrufezeichen, Schrägstrich, Doppelpunkt, Fragezeichen, Punkt und ein paar weitere. @ oder & aus der Tastatur verschluckt die Software oder ersetzt sie.

Versuche, 7- oder 8-Bit-ASCII auf Kurzwelle zu etablieren, setzten sich im RTTY-Betrieb nie durch. Mehr Bits pro Zeichen bedeuten längere Übertragung und mehr Angriffsfläche für Störungen. RTTY bleibt bei fünf Datenbits und verlangt vom Operator, mit 32 Codes die Welt zu erklären.

5. Asynchrone Übertragung und Bit-Timing

Wie erkennt der Empfänger, wo ein Buchstabe anfängt und wo er aufhört? RTTY verlässt sich allein auf die Uhr. Es gibt keinen mitgesendeten Takt, der Empfänger tastet den Datenstrom blind ab. Das nennt man asynchrone serielle Übertragung. Wir bauen ein Zeichen auf, rechnen die Geschwindigkeiten nach und klären, warum RTTY im Leerlauf trotzdem Lärm macht.

5.1. Aufbau eines Zeichens

Ein nacktes 5-Bit-Wort wäre im Rauschen nutzlos, der Empfänger wüsste nicht, wann es beginnt. Deshalb wird jedes Zeichen in einen Rahmen (Frame) eingepackt:

Im Leerlauf liegt dauerhaft Mark an. Das Startbit reißt das Signal für eine Bitlänge auf Space. Für den Empfänger ist dieser Wechsel der Startschuss: Er startet seine interne Uhr und tastet die folgenden Bits jeweils in der Bitmitte ab.

Danach folgen die fünf Datenbits, das niederwertigste Bit zuerst (LSB first), also $b_0$ vorneweg, $b_4$ am Schluss.

Zum Schluss geht das Signal im Stopp-Intervall zurück auf Mark. Es dauert je nach System 1, 1,5 oder 2 Bitlängen, im Amateurfunk üblich sind 1,5. Was heute wie ein Programmierfehler aussieht („ein halbes Bit?“), war für die Mechanik überlebenswichtig: Die Empfangsachse brauchte Zeit, um die Wählschienen abzutasten und vor dem nächsten Startbit in Ruhelage zu kommen.

Findet der Decoder am erwarteten Ende des Zeichens kein Mark, meldet er einen Rahmenfehler (Framing Error), verwirft das Zeichen oder gibt Müll aus und sucht die nächste Flanke.

5.2. Die drei gängigen Geschwindigkeiten

BaudrateBitdauerZeichenlänge (1,5 Stoppbits)TempoTypischer Einsatz
45,45 Baud22,00 ms165,00 ms6,06 Zeichen/s, ~60 WPMStandard im Amateurfunk
50,00 Baud20,00 ms150,00 ms6,67 Zeichen/s, ~67 WPMDWD-Wetter, Europa
75,00 Baud13,33 ms100,00 ms10,0 Zeichen/s, ~100 WPMVHF-DX, Speed-Contest

45,45 Baud ist der weltweite Amateurfunk-Standard auf Kurzwelle. Die Bitdauer ist der Kehrwert der Schrittgeschwindigkeit:

$$\tau = \frac{1}{45{,}45\,\text{s}^{-1}} \approx 22{,}0\,\text{ms}$$

Ein ganzes Zeichen mit 1,5 Stoppbits besteht aus 1 Startbit (22 ms), 5 Datenbits (110 ms) und 1,5 Stoppbits (33 ms), zusammen $22{,}0 + 110{,}0 + 33{,}0 = 165{,}0\,\text{ms}$. Das ergibt rund 6,06 Zeichen pro Sekunde. Mit dem Telegrafie-Standardwort aus fünf Zeichen plus Leerzeichen sind das etwa 60 Wörter pro Minute.

50,0 Baud ist das europäische Gegenstück mit einer Bitdauer von glatten 20 ms. Diesen Wert findet man heute noch bei kommerziellen Diensten wie dem Seewetterdienst des DWD (Kapitel 15).

75 Baud schafft 10 Zeichen pro Sekunde. Der Preis: Die Bandbreite steigt auf etwa 370 Hz, und auf Kurzwelle steigt bei schlechten Bedingungen die Fehlerrate deutlich. Deshalb kommt 75 Baud vor allem auf VHF und in speziellen Contesten vor.

5.3. Diddles: Lärm im Leerlauf

Du drückst auf Senden, hast noch kein Zeichen getippt, und die Station trillert trotzdem los. Kein Defekt: Das sind die Diddles. Die Station summt im Leerlauf vor sich hin, und zwar mit Absicht.

Angenommen, der Sender gibt in Tipp-Pausen einfach Dauer-Mark aus. Der Empfänger wartet auf das nächste Startbit. Trifft dann ein Störimpuls genau das erste Startbit, hält der Decoder eines der folgenden Datenbits für das Startbit und gerät aus dem Takt. Nach den Untersuchungen von Kok Chen (W7AY) liegt die Chance, danach zufällig wieder im richtigen Raster zu landen, bei jedem Schritt nur bei etwa 50 %. Im Mittel produziert der Decoder 3 bis 4 Zeichen Müll, bis er wieder eingerastet ist.

Die Lösung: Der Sender steht im Leerlauf nie still, sondern schickt ununterbrochen das nicht druckende LTRS-Zeichen. Mit Rahmen ergibt das die Folge 0 11111 11. Außer dem Startbit enthält das Zeichen nur Mark. Es gibt also kein weiteres Space-Bit, das der Decoder fälschlich für ein Startbit halten könnte. Verpasst er ein Diddle, rastet er am nächsten Startbit sauber wieder ein. Auf dem Bildschirm sieht man davon nichts, weil LTRS nicht gedruckt wird.

Praxis: In MMTTY und Fldigi gehört die Option „Diddle“ auf LTRS. Wer Diddles abschaltet, ruiniert seine Lesbarkeit bei schlechten Bedingungen.

5.4. Das RYRY-Muster

In alten Mitschriften findet man endlose Ketten wie RYRYRYRYRYRY. Das ist kein stotternder Funker, sondern ein Prüfmuster. Die Datenbits von R (0 1 0 1 0) und Y (1 0 1 0 1) sind genau komplementär. Abwechselnd gesendet, zwingen sie Sender und Empfänger zur höchstmöglichen Umschaltfrequenz zwischen Mark und Space, und beide Zustände halten sich die Waage.

Mit einer RY-Schleife gleicht man Filter und Diskriminatoren ab, und wenn sie fehlerfrei durchläuft, weiß man: Takt, Frequenz und Shift stimmen. Das ASCII-Gegenstück war übrigens U*U*U*.

6. FSK oder AFSK?

Wie kommen die Bits als Hochfrequenz auf die Antenne? Die Puristen schwören auf echtes FSK und verachten jedes Signal, das eine Soundkarte von innen gesehen hat. Die Pragmatiker fahren AFSK und freuen sich, dass es funkt. Sauber eingestellt ist das HF-Signal bei beiden gleich, der Unterschied liegt in den Stolperdrähten im eigenen Shack. Wir schauen uns beide Wege an und dann die vertauschte Polarität, in die fast jeder einmal tappt.

6.1. Echtes FSK

Viele Transceiver haben eine Betriebsart RTTY oder FSK. Darin bekommt der Sender kein Tonsignal, sondern wird direkt umgetastet. An einer FSK-Buchse (oft in der ACC-Buchse untergebracht) liegt eine Gleichspannung, meist 5 Volt. Das Modem, ein TNC oder MMTTY über einen Schalttransistor am COM-Port, zieht diesen Kontakt im Takt der Bits nach Masse oder lässt ihn offen. Der interne Oszillator springt daraufhin um genau 170 Hz hin und her.

Das hat vier Vorteile:

  1. Keine Pegelprobleme: Es gibt keinen Audiopegel, also kann man den Sender auch nicht übersteuern.
  2. Keine Windows-Pannen auf dem Band: Das „Pling“ einer eingehenden Mail landet nicht mit 100 Watt auf 20 Metern, weil der Mikrofonweg stumm ist.
  3. Schmale Filter: In der Betriebsart RTTY erlauben viele Geräte ZF- und DSP-Filter mit 250 oder 500 Hz, die in USB/LSB gesperrt sind.
  4. Ehrliche Anzeige: Das Display zeigt die tatsächliche Mark-Frequenz.

Der Haken: Man braucht ein Kabel mit Schalttransistor oder Optokoppler, und billige USB-Seriell-Adapter können meist kein 5-Bit-Baudot. Wie man das löst, steht in Kapitel 9.

6.2. AFSK: die Soundkarten-Variante

Bei AFSK läuft der Transceiver als ganz normaler SSB-Sender. Die Software erzeugt zwei Sinustöne, die über Kabel oder USB in den Modulator gehen.

Für die Tonhöhen gibt es zwei historische Normen, beide mit 170 Hz Abstand: die High Tones mit 2125 Hz und 2295 Hz, heute der Standard, und die Low Tones mit 1275 Hz und 1445 Hz, eine europäische Variante. Durchgesetzt haben sich die High Tones aus einem handfesten Grund, den Oberwellen. Erzeugt die Soundkarte auch nur leichte Verzerrungen, entsteht die zweite Harmonische. Bei 1275 Hz liegt sie auf 2550 Hz, also noch im 2,7-kHz-Durchlass des SSB-Filters, und wird mitgesendet. Bei 2125 Hz liegt sie auf 4250 Hz, weit außerhalb, und das SSB-Filter dämpft sie weg.

AFSK ist einfach eingerichtet, lädt aber zu zwei Fehlern ein: aktivem Sprachkompressor und zu hohem Audiopegel. Beides erzeugt Splatter und Geistersignale. Wie man den Pegel richtig einstellt, steht in Kapitel 7.

6.3. Die Polaritätsfalle

Das Signal dröhnt laut aus dem Lautsprecher, der Decoder spuckt aber nur Buchstabensalat aus. Häufigste Ursache: Das Signal steht auf dem Kopf, Mark und Space sind vertauscht. Auf der HF gilt eine feste Regel: Mark liegt immer 170 Hz höher als Space, und die Mark-Frequenz ist die offizielle Sendefrequenz.

Bei AFSK hängt die Lage davon ab, welches Seitenband der Transceiver nutzt. Im oberen Seitenband (USB) addiert der Mischer den Ton zur Anzeige:

$$f_{\text{HF}} = f_{\text{Display}} + f_{\text{Audio}}$$

Damit Mark oben liegt, muss auch der Mark-Ton der höhere sein: Space 2125 Hz, Mark 2295 Hz. Fldigi arbeitet standardmäßig in USB. Achtung beim Eintrag ins DX-Cluster: Die echte Mark-Frequenz liegt 2,295 kHz über der Anzeige.

Traditionell wurde RTTY auf Kurzwelle aber im unteren Seitenband (LSB) gefahren. Hier wird der Ton abgezogen:

$$f_{\text{HF}} = f_{\text{Display}} – f_{\text{Audio}}$$

Ein höherer Ton ergibt eine tiefere HF. Deshalb ist die Zuordnung vertauscht: Mark 2125 Hz, Space 2295 Hz. Die Tabelle zeigt beide Fälle für eine Anzeige von 14.090,000 kHz:

ModusNF-Ton (Soundkarte)HF (Antenne) bei Anzeige 14.090,000 kHzErgebnis
USBSpace: 2125 Hz
Mark: 2295 Hz
Space: 14.092,125 kHz
Mark: 14.092,295 kHz
normgerecht, Mark liegt 170 Hz höher
LSBMark: 2125 Hz
Space: 2295 Hz
Mark: 14.087,875 kHz
Space: 14.087,705 kHz
normgerecht, Mark liegt 170 Hz höher

Steht der Transceiver auf USB, während die Software LSB-Töne ausgibt (oder umgekehrt), sendet und empfängt man invertiert. Dafür haben MMTTY, Fldigi und viele Transceiver die Taste REV (Reverse). Ein Klick tauscht Mark und Space, und der Decoder rastet ein. Hört man eine Station verkehrt herum, ist ein freundliches UR POLARITY UPSIDE DOWN PSE REV üblich.

7. Sendeleistung, ALC und Einschaltdauer

Am Funkgerät gibt es einen Knopf mit der Aufschrift RF POWER, und der durchschnittliche Funkamateur verspürt den Drang, ihn bis zum Anschlag aufzudrehen. Für 100 Watt bezahlt, also will man 100 Watt sehen. Bei SSB und CW verzeiht der Transceiver das. Bei RTTY lernt man schnell, wie verbranntes Epoxidharz riecht. In diesem Kapitel geht es darum, warum das so ist, wie viel Leistung vernünftig ist und wie man ein AFSK-Signal sauber aussteuert.

7.1. Warum RTTY die Endstufe so fordert

Die Einschaltdauer beschreibt, wie viel Zeit eines Durchgangs der Sender tatsächlich mit voller Leistung arbeitet.

  • SSB (30 bis 60 %): Sprache schwankt ständig, zwischen den Silben kühlen die Transistoren kurz ab. Die mittlere Leistung liegt weit unter der Spitzenleistung.
  • CW (etwa 50 %): Zwischen Punkten, Strichen und Wörtern liegen Pausen.
  • RTTY (100 %): Keine Pausen, keine Amplitudeneinbrüche. Ob Text, Makro oder Diddles, der Träger steht mit voller Amplitude.

Die Endstufe läuft also keinen Sprint, sondern einen Marathon unter Volllast. Nebenbei tauchen bei RTTY oft erst HF-Einstreuungen in USB-, Maus- oder Tastaturkabel auf, die man bei SSB nie bemerkt hat (Kapitel 9).

7.2. Die 50-%-Regel

Die „100 Watt“ im Prospekt beziehen sich auf SSB oder kurze CW-Durchgänge. Kaum ein Standard-Transceiver hat einen Kühlkörper, der 100 Watt Dauerstrich über Minuten aushält.

Die 50-%-Regel: Bei RTTY mit einem Standard-Transceiver die Leistung auf höchstens die Hälfte der Nennleistung drosseln, also maximal 50 Watt bei einem 100-Watt-Gerät.

Klingt nach Verzicht, ist es aber nicht. Der Unterschied zwischen 100 und 50 Watt beträgt 3 dB, das ist am S-Meter der Gegenstation eine halbe S-Stufe. Niemand hört heraus, ob ein Signal mit S9 oder S8,5 ankommt. Und weil RTTY seine Energie auf 250 Hz konzentriert, hat man mit 50 Watt mehr Durchschlagskraft, als ein SSB-Signal mit der gleichen Leistung je hätte. Mein IC-705 bekommt übrigens keine Sonderbehandlung: Halbe Leistung heißt bei ihm eben 5 statt 10 Watt. QRP-Funker sind Kummer gewohnt.

Mit externer Endstufe gilt Ähnliches: Eine 1.000-Watt-PA betreibt man bei RTTY vernünftigerweise mit 400 bis 500 Watt, wenn sie nicht ausdrücklich für Dauerstrich gebaut ist.

7.3. Die ALC-Falle bei AFSK

Bei echtem FSK muss man sich um Audiopegel nicht kümmern, bei AFSK schon. Hier passiert der häufigste Fehler: Man behandelt die beiden Töne, als würde man bei Sturm ins Mikrofon brüllen. Dann läuft eine Kette ab, an deren Ende die Nachbarn fluchen:

  1. PC-Soundkarte: Lautstärke auf 100 % aufgedreht.
  2. NF-Verstärker: Das Eingangssignal übersteuert die Vorstufe massiv.
  3. ALC des Transceivers: schlägt bis zum Anschlag aus und regelt hektisch gegen.
  4. HF-Endstufe: arbeitet im unlinearen Sättigungsbereich.
  5. Ergebnis auf dem Band: brutale Intermodulation, Splatter und Geistersignale.

Die ALC (Automatic Level Control) soll bei Sprache einzelne Lautstärkespitzen abfangen. Bei einem Dauerton regelt sie ständig hart herunter, und das erzeugt Verzerrungen. Aus dem 250 Hz schmalen Signal werden Intermodulationsprodukte, die sich über mehrere Kilohertz verteilen (Splatter). Die eigene Station taucht dann auf zwei, drei, vier Frequenzen gleichzeitig auf. Die Nachbarn freut das nicht, und die eigene Lesbarkeit sinkt.

Noch schlimmer ist ein eingeschalteter Sprachkompressor. Er ist dafür gebaut, Dynamikunterschiede der Sprache plattzubügeln, und erzeugt mit zwei Sinustönen schon vor der Endstufe Oberwellen und Intermodulation. Bei AFSK muss der Sprachkompressor aus sein, ohne Ausnahme.

7.4. Den AFSK-Pegel richtig einstellen

  1. Vorbereiten: Transceiver an eine Dummy Load (künstliche Antenne), Betriebsart USB (Standard bei Fldigi), Sprachkompressor aus.
  2. Leistung festlegen: RF-Power auf das Ziel einstellen, etwa 50 Watt. Mic-Gain bzw. Audio-Eingangspegel zunächst ganz herunter.
  3. Senden: In der Software auf Senden schalten, sodass Diddles laufen.
  4. Pegel langsam anheben: Die Lautstärke der Soundkarte (Windows-Mixer oder Ausgangsregler in Fldigi) langsam erhöhen und dabei die ALC-Anzeige beobachten.
  5. Umkehrpunkt: Sobald die ALC gerade eben ausschlägt, stoppen und den Pegel einen kleinen Tick zurücknehmen, bis die ALC wieder auf null steht. Viele nehmen danach noch einmal 10 bis 20 % zurück (etwa 1 bis 1,5 dB), um sicher im linearen Bereich zu bleiben.

Steht das Wattmeter ruhig bei 40 bis 50 Watt, bleibt das Gehäuse handwarm und zeigt die ALC nichts an, ist das Signal sauber.

8. RTTY ohne Computer

Bei digitalen Betriebsarten denkt man sofort an drei Monitore, zwei USB-Soundkarten, Kabelsalat mit Ferriten und ein Betriebssystem, das mitten im seltensten QSO ein Update installiert. Es geht auch anders. Der Icom IC-7300 und sein kleiner Bruder IC-705 haben ein RTTY-Modem eingebaut. Damit geht Funkfernschreiben auf der Berghütte oder dem Sofa ganz ohne PC. Für mich ist das der naheliegende Einstieg, denn ein IC-705 steht hier ohnehin. Wir gehen vom Decoder über das Abstimmen und die Filter bis zum Senden.

8.1. Der eingebaute Decoder

Das Gerät greift das Signal intern ab, schickt es durch seine DSP-Filter und zeigt den Text auf dem Display, ganz ohne Soundkarte.

  1. Frequenz wählen: zum Beispiel auf 20 Metern zwischen 14.080 und 14.099 kHz.
  2. Betriebsart RTTY: Durch Antippen der Modusanzeige auf RTTY schalten. Damit arbeitet das Gerät mit echtem FSK.
  3. Decodierfenster öffnen: MENU drücken und DECODE antippen.
  4. Anpassen: Über EX-SET lässt sich das Fenster vergrößern und einstellen.

8.2. Abstimmen: zwei Spitzen auf zwei Striche

Rechts im Decodierfenster zeigt ein kleines FFT-Display zwei feste senkrechte Linien für Mark und Space.

Du drehst langsam am VFO, bis die beiden Signalspitzen genau auf den beiden Linien liegen. Dann füllt sich der Bildschirm mit Text. Drei Tasten helfen dabei:

  • HOLD friert die Anzeige ein, praktisch im Contest, wenn ein Rufzeichen nur einmal kam.
  • CLR löscht den Text.
  • LOG schreibt den decodierten Text auf die SD-Karte.

8.3. Das Twin-Peak-Filter (TPF)

Zwischen und neben den beiden Tönen rauscht es, und das ermüdet. Das Twin-Peak-Filter baut zwei schmale Audio-Durchlassbereiche genau auf Mark und Space und senkt alles dazwischen und daneben ab.

Du aktivierst es im RTTY-Modus, indem du auf den MULTI-Knopf drückst und TPF antippst. Das Rauschen ist dann fast weg, und man hört nur noch die beiden RTTY-Töne.

Das TPF wirkt nur auf der NF-Ebene. Gegen starke Nachbarstationen kombiniert man es mit den schmalen HF-Filtern (FIL1 bis FIL3), die sich im RTTY-Modus auf 250 oder 500 Hz einstellen lassen.

8.4. Die Decodierschwelle (Threshold)

Auf einem scheinbar leeren Band rattert das Decodierfenster voll mit &$%X/!??--. Das ist der berüchtigte Buchstabensalat: Der Decoder versucht, im Rauschen Baudot-Zeichen zu erkennen. Abhilfe schafft der Parameter THRESHOLD. Erhöht man den Wert, braucht ein Signal mehr Abstand zum Rauschen, bevor Text erscheint, und der Bildschirm bleibt ruhig, bis wirklich jemand sendet. Mit DEF kehrt er zum Werkswert zurück.

8.5. Senden ohne PC

Der Transceiver hat acht Textspeicher (RT1 bis RT8, je bis zu 70 Zeichen). Du rufst sie im DECODE-Fenster über TX MEMORY auf, mit EDIT öffnet sich die Touchscreen-Tastatur. Für einen Contest könnte die Belegung so aussehen:

SpeicherInhalt
RT1CQ TEST DL6LG DL6LG CQ
RT2599 14 14
RT3QSL UR 599 14 599 14
RT4TU DL6LG CQ

Ein Fingertipp auf den Speicher genügt: Das Gerät schaltet auf Senden, tastet den Text mit 45,45 Baud aus und fällt danach in den Empfang zurück.

9. PC und Transceiver verbinden

Die übliche Realität im Shack sieht anders aus als im vorigen Kapitel: ein etwas älterer Transceiver, daneben ein Rechner, dazwischen inkompatible Stecker und mögliche Erdschleifen. Beim Interfacing verheiratet man zwei Geräte, die einander misstrauen. Wer sie ohne Verstand zusammensteckt, riskiert eine Endstufe, die nicht mehr aufhört zu senden, oder eine Tastatur, die bei 50 Watt plötzlich selbst Romane schreibt. Wir klären die Audioverbindung, die Tastung von PTT und FSK und zum Schluss die HF-Einstreuung.

9.1. Die Audioverbindung

Neuere Geräte haben einen USB-Codec eingebaut und melden sich am PC als zusätzliche Soundkarte an, meist als USB Audio CODEC. Ein USB-Kabel überträgt Audio und Steuerbefehle, in der Software wählt man dieses Gerät für Empfang und Senden.

Fehlt der Codec, muss das Audio der PC-Soundkarte zum Transceiver. Wer einfach ein Klinkenkabel vom Lautsprecherausgang an die Mikrofonbuchse steckt, baut sich eine Brummschleife: Ein 50-Hz-Brummen liegt auf dem Signal, und das Ganze klingt auf dem Band wie ein Rasenmäher. Abhilfe schaffen NF-Übertrager 1:1 in Sende- und Empfangsleitung (Schaltung in Anhang C) und durchgehend geschirmtes Kabel. Wer nicht löten will, nimmt ein fertiges Interface:

  • Tigertronics SignaLink: eigene USB-Soundkarte, Trennübertrager und eine Audio-VOX, die bei Ton automatisch auf Senden schaltet. Aber nur AFSK, echtes FSK geht damit nicht.
  • West Mountain Radio RIGblaster: Die einfachen Modelle (Nomic, M8) können nur AFSK, RIGblaster Plus und Pro auch FSK und CW-Tastung.
  • MFJ-1279 und RASCAL GLX: ähnliche Schaltungen mit Trennung und Schalttransistoren.

Angeschlossen wird am besten an der DATA- bzw. ACC-Buchse statt an der Mikrofonbuchse. Der rückseitige DATA-Eingang ist bei vielen Geräten etwa 6 dB unempfindlicher als der Mikrofoneingang, man übersteuert also nicht so leicht. Außerdem umgeht er bei vielen Transceivern automatisch den Sprachkompressor, und das Mikrofon muss nicht ständig umgesteckt werden.

9.2. PTT und FSK tasten

Neben dem Ton braucht man die Sendeumschaltung (PTT, Push to Talk), bei echtem FSK zusätzlich die Tastung des Oszillators.

Am einfachsten schaltet die Software den Sender über die Steuerschnittstelle (CAT, bei Icom CI-V) per Befehl auf Senden. Darüber laufen auch Frequenz- und Moduswechsel.

Die Icom-Falle: Ältere Icom-Geräte kennen keinen CI-V-Befehl für Senden, AA5AU schrieb 2006 sogar pauschal, Icom-Geräte könnten PTT nicht per Computer schalten. Neuere Geräte wie der IC-7300 können es. Bei den älteren braucht man eine Hardware-Schaltstufe.

Für die Hardware-Tastung über den COM-Port gilt Vorsicht: Ein echter RS-232-Port schwingt zwischen +12 und −12 Volt. Die PTT- und FSK-Eingänge des Transceivers erwarten dagegen nur, nach Masse gezogen oder offen gelassen zu werden. Wer die Leitungen direkt verbindet, riskiert die Steuerelektronik des Funkgeräts. Die Lösung ist ein einfacher NPN-Transistor (BC547 oder 2N2222) mit 1-kΩ-Basiswiderstand oder, noch sicherer, ein Optokoppler (4N25, PC817), der PC und Funkgerät galvanisch trennt. Am 9-poligen Stecker steuert Pin 3 (TxD) die FSK-Tastung, Pin 7 (RTS) oder Pin 4 (DTR) die PTT, Pin 5 ist Masse. Die Schaltungen stehen in Anhang C.

Bleibt das USB-Seriell-Problem. Echte COM-Ports gibt es an aktuellen PCs kaum noch. Die üblichen USB-Seriell-Adapter (Prolific, FTDI, CH340) sind für 7 oder 8 Bit ab 300 Baud gebaut. Mit 5-Bit-Baudot bei 45,45 Baud können die meisten Treiber nichts anfangen, das FSK kommt verstümmelt oder gar nicht. Moderner Adapterchip und alter Code reden schlicht aneinander vorbei.

WegAblaufErgebnis
Standard-USB-UARTMMTTY will 5-Bit-Baudot (45,45 Bd) senden → Standard-USB-UARTFehler: 5 Bit nicht unterstützt
Bit-BangingMMTTY → EXTFSK.DLL taktet RTS/DTR/TxD per SoftwareSauberes FSK am Funkgerät

Es gibt zwei Auswege. Der erste ist Hardware mit eigenem Prozessor, etwa der microHAM microKEYER, der aus den USB-Daten selbst ein quarzgenaues FSK-Signal erzeugt. Der zweite ist EXTFSK.DLL von JA7UDE für MMTTY. Die Bibliothek schaltet eine Steuerleitung (TxD, RTS oder DTR) per Software im 22-ms-Takt, das sogenannte Bit-Banging. Du kopierst die DLL ins MMTTY-Verzeichnis, wählst unter Options → Setup MMTTY → TX als PTT-Port EXTFSK und legst im Zusatzfenster fest, welche Pins für FSK und PTT dienen. Damit tastet auch ein billiger Adapter sauberes FSK.

9.3. HF-Einstreuung (RFI)

Die Station lief jahrelang mit SSB und CW ohne Probleme. Beim ersten RTTY-Durchgang springt der Mauszeiger, im Sendefeld erscheinen Buchstaben, die niemand getippt hat, die USB-Verbindung bricht mit dem Windows-Abmeldeton ab, und das Wattmeter zappelt, obwohl RTTY eine konstante Leistung liefern müsste. Das ist RFI (Radio Frequency Interference).

Schuld ist der Dauerträger. Statt kurzer HF-Spitzen gibt es bei RTTY ein durchgehendes Feld. Antennen in Shack-Nähe oder Mantelwellen auf dem Koaxkabel tun ein Übriges, und jedes Kabel im Raum wird zur Empfangsantenne.

Das Entstör-Rezept:

  1. Sternförmige Erdung: Transceiver, Netzteil, Endstufe, Tuner und Interface mit kurzen, dicken Massebändern auf eine gemeinsame Erdungsschiene, nicht hintereinander verketten.
  2. Geschirmte Kabel für alle Audio- und FSK-Leitungen.
  3. Ferrite mit Windungen: Gegen Gleichtaktströme helfen Ferritkerne aus einem Material für Kurzwelle, etwa Material 31 oder 73. Ein Kabel nur einmal durchzuführen bringt wenig. Die Impedanz steigt mit dem Quadrat der Windungszahl ($Z \sim n^2$), also das Kabel drei- bis viermal durch den Kern wickeln. Bei Audio- und USB-Kabeln an beiden Enden, bei Tastatur und Maus direkt am PC.
  4. Leistung reduzieren: 40 bis 50 Watt statt 100 halbiert auch das Feld im Raum.
  5. Mithören: Beim Senden mit AFSK die Monitorfunktion des Transceivers einschalten. Klingen die Töne rau oder brummig, koppelt HF in die NF-Leitung zurück, dann braucht es noch einen Ferrit.

10. Die Software im Überblick

Wer glaubt, man lade „irgendein“ Programm herunter und sei fertig, kennt das Kuriositätenkabinett der Amateurfunk-Software noch nicht. Es gibt drei Lager: spezialisierte Decoder, die nur eines können, das aber sehr gut, All-in-One-Programme mit Dutzenden Betriebsarten und Contest-Logger, die mehrere Decoder parallel einspannen. Am Ende des Kapitels steht alles in einer Tabelle.

10.1. Spezialisierte Decoder

MMTTY von Makoto Mori (JE3HHT) ist seit Jahrzehnten der Standard, fast jeder Contest-Logger unterstützt es. Es bietet wählbare FIR- und IIR-Filter, eine automatische Frequenznachführung (AFC), Einstellungen für jede Stoppbit-Variante, ein FFT-Spektrum und das XY-Kreuz-Scope. MMTTY kann AFSK und echtes FSK. Schwach wird es, wenn durch selektiven Schwund (Fading) nur noch einer der beiden Töne ankommt, und bei flatternden Signalen auf Polarwegen.

2Tone von David (G3YYD) entstand, weil MMTTY bei schwierigen Bedingungen an Grenzen stieß. Es hat weniger Menüs, dafür vier umschaltbare Decoder-Profile: Flat für langsamen Schwund, Flutter für schnelle Pegelsprünge, Selective für unabhängig schwankende Mark- und Space-Töne auf 40 und 80 Metern und Spread für spektral verschmierte Signale auf Polarwegen. 2Tone decodiert sogar weiter, wenn ein Ton ganz im Rauschen verschwunden ist.

GRITTY von Alex Shovkoplyas (VE3NEA) rechnet mit Bayes’scher Statistik: Für jedes Bit ermittelt es Wahrscheinlichkeiten und setzt daraus das plausibelste Zeichen zusammen. Weil es typische Rufzeichen- und Rapportmuster kennt, rekonstruiert es Rufzeichen auch aus fehlerhaften Fragmenten. GRITTY ist ein reiner Empfangsdecoder. Im leeren Rauschen zaubert es gelegentlich Phantome wie 599 oder CQ auf den Schirm, eben weil diese Wörter statistisch so häufig sind. Ein Decoder mit Wunschdenken, gewissermaßen.

MMVARI, ebenfalls von JE3HHT, ist eine schlanke Engine für RTTY und PSK, die in N1MM Logger+ mitgeliefert wird. An die Empfindlichkeit von MMTTY und 2Tone kommt sie nicht heran.

10.2. All-in-One-Programme

  • TrueTTY (DXSoft, kommerziell): sieht aus wie Windows 95, war in Messungen von VE3NEA aber rund 3 dB empfindlicher als MMTTY. Einfach einzurichten, ohne Anbindung an Contest-Logger, also etwas für DX und Klön-QSOs.
  • MixW (UT2UZ, kommerziell): deutsche Oberfläche, viele Betriebsarten.
  • MultiPSK (Freeware mit Lizenzoption): Die Oberfläche sieht aus, als hätte jemand die Bedienelemente eines Kraftwerks auf einen Bildschirm gepackt. Dahinter stecken über 40 Betriebsarten und die Fähigkeit, 8 bis 12 RTTY-Signale gleichzeitig zu decodieren.
  • DM780 (Teil von Ham Radio Deluxe): AFSK und FSK, mit dem SuperSweeper, der mehrere Signale im Bandabschnitt gleichzeitig mitliest. Die Einrichtung der Suite braucht Geduld.
  • Fldigi (W1HKJ, Open Source): läuft auf Windows, Linux und macOS und kann fast jeden Digimode. Bei sehr schwachen Signalen bescheinigen erfahrene Contester MMTTY und 2Tone eine etwas höhere Trefferquote. Mehr in Kapitel 11.

10.3. Jenseits von Windows

Für macOS gibt es cocoaModem von Kok Chen (W7AY) mit drei RTTY-Oberflächen (Basic, Dual RTTY, Wideband RTTY). Eine modernisierte Portierung (Version 2.1rc5) läuft als Universal-App auf Intel und Apple Silicon und braucht macOS 15 (Stand: Oktober 2026).

Unter Linux decodiert LinPsk mit grafischer Oberfläche bis zu vier Kanäle. Minimodem ist ein schlankes Kommandozeilen-Modem, das Audio von Soundkarte oder Datei liest und Text auf stdout ausgibt. Das passt gut für Skripte und Bandbeobachtung auf Servern ohne Bildschirm.

10.4. Mehrere Decoder parallel im Contest

Im Contest verlässt sich kaum ein ambitionierter Operator auf ein einziges Decoderfenster. N1MM Logger+, WriteLog und DXLog können dasselbe Audiosignal an zwei oder drei Decoder gleichzeitig geben:

MMTTY liefert das Grundsignal, 2Tone liest weiter, wenn ein Ton wegbricht, GRITTY entscheidet bei Signalen knapp über dem Rauschen. Verschluckt ein Decoder ein Zeichen, klickst du das Rufzeichen eben aus dem Nachbarfenster ins Log. Über 48 Stunden macht das einen messbaren Unterschied.

10.5. Vergleichstabelle

SoftwarePlattform
Lizenz
RTTY-ModusStärkeSchwäche
MMTTYWindows
Freeware
AFSK & FSKStandard, FIR/IIR-Filter, XY-ScopeEin-Ton-Signale, Polarwege
2ToneWindows
Freeware
AFSK & FSK4 adaptive Modi, liest bei Ausfall eines Tonswenige Einstellmöglichkeiten
GRITTYWindows
Freeware
nur RXBayes-Statistik, Rufzeichen aus dem RauschenPhantome bei reinem Rauschen
TrueTTYWindows
kommerziell
AFSK & FSKeinfach, ~3 dB empfindlicher als MMTTYkeine Logger-Anbindung
FldigiWin/Mac/Linux
GPL
AFSKviele Modi, Notfunk (NBEMS), Open Sourceetwas weniger empfindlich als die Spezialisten
MixWWindows
kommerziell
AFSKdeutsche Oberfläche–
MultiPSKWindows
Freeware/Lizenz
AFSK & FSK>40 Modi, 8–12 RTTY-Kanäleüberladene Oberfläche
DM780Windows
kommerziell
AFSK & FSKSuperSweeper, HRD-Integrationaufwendige Einrichtung
cocoaModemmacOS
Freeware
AFSKnative Mac-Lösung, Dual/Widebandlange Entwicklungspause
LinPskLinux
Open Source
AFSKbis zu 4 Kanäle–
MinimodemWin/Mac/Linux
Open Source
AFSKKommandozeile, Skriptekein QSO-Programm

11. Praxis mit Fldigi

Wer ein Digimode-Programm auf einem alten Linux-Laptop, einem Mac oder einem Raspberry Pi einrichten will, landet bei Fldigi. Es kann fast alles und kostet nichts. Dafür muss man bereit sein, tief in die Menüs abzutauchen, bis die Software glaubt, dass am anderen Ende des Kabels ein Funkgerät hängt. Wir gehen von der Einrichtung über das RTTY-Modem bis zur Bedienung, dazu kommen Notfunk und der Raspberry Pi.

11.1. Was Fldigi ist

Fldigi steht für Fast Light Digital. Entwickelt hat es Dave Freese (W1HKJ) mit vielen Mitstreitern, es steht unter der GPL. Fldigi macht aus der Soundkarte ein Software-Modem, ganz ohne TNC oder DSP-Karte, und läuft ohne Internetverbindung.

Neben RTTY beherrscht es PSK31 und PSK63, Olivia, MT63, DominoEX, Hellschreiben, CW und vieles mehr. Diese Vielfalt erschlägt Einsteiger beim ersten Start. Für RTTY ist Fldigi nicht ganz so auf das letzte Dezibel getrimmt wie 2Tone, läuft dafür aber überall.

11.2. Audio einrichten

Unter Configure → Sound Card → Devices setzt du das Häkchen bei PortAudio. Bei Capture (Empfang) und Playback (Senden) wählst du jeweils die Soundkarte, an der das Funkgerät hängt, bei modernen Geräten meist den USB Audio CODEC.

Fldigi geht bei RTTY von USB am Transceiver aus. Wer aus Gewohnheit in LSB bleibt, bekommt Buchstabensalat und wird selbst nicht gelesen, solange er nicht den Knopf Rev drückt (Kapitel 6.3). Den Ausgangspegel stellst du wie in Kapitel 7.4 beschrieben ein, der Sprachkompressor bleibt aus.

11.3. Den Transceiver steuern

Unter Configure → Rig Control gibt es mehrere Wege, damit Fldigi den Sender schalten kann:

  1. Hamlib: der Standardweg. Hersteller, Modell, COM-Port und Baudrate wählen, dann übernimmt Hamlib Frequenzanzeige, Moduswahl und PTT per CAT.
  2. RigCAT: schlanke XML-Dateien pro Gerät, die man von der W1HKJ-Seite lädt.
  3. flrig: ein eigenes Steuerprogramm von W1HKJ, an das Fldigi andockt. Es bildet fast die ganze Frontplatte samt Filter, Leistung und Vorverstärker am Bildschirm ab.
  4. Hardware-PTT: für Interfaces ohne CAT. Man wählt den COM-Port und die Leitung RTS oder DTR.

Die Diagnosefalle: Eine funktionierende Frequenzanzeige heißt nicht, dass auch die PTT funktioniert. Beides läuft oft über verschiedene Befehle oder Schnittstellen und muss getrennt getestet werden.

11.4. Das RTTY-Modem

Mit Version 3.21.67 haben Dave (W1HKJ) und Stefan (DO2SMF) Modulator und Demodulator für RTTY neu geschrieben. Grundlage waren die Arbeiten von Kok Chen (W7AY), dem wir schon bei den Diddles begegnet sind. Der Empfänger mischt Mark und Space ins Basisband und filtert sie mit einem Nyquist-Filter, das per schneller Fourier-Transformation berechnet und bei jeder Baudrate neu aufgebaut wird. Eine automatische Schwellenkorrektur (ATC) passt die Entscheidungsgrenze zwischen Mark und Space laufend an, wenn durch selektiven Schwund einer der Töne einbricht. Auf der Sendeseite erzeugt Fldigi bandbegrenzte Signale. Deshalb verlangt es einen linearen Sender, genau wie bei PSK.

Für normalen Kurzwellenbetrieb wählst du RTTY-45: 45,45 Baud, 170 Hz Shift, 5 Bit Baudot, 1,5 Stoppbits, rund 270 Hz Bandbreite. Für den DWD-Seewetterdienst stellst du RTTY-50 mit 450 Hz Shift ein (Kapitel 15).

11.5. Bedienung: Wasserfall, Digiscope, Makros

Unten liegt der Wasserfall, darüber das Empfangsfenster, darunter das Sendefeld.

Zum Abstimmen klickst du mit der linken Maustaste zwischen die beiden Spuren. Ist die AFC aktiv, rastet der Decoder ein und gleicht Drift aus, am VFO muss niemand kurbeln. Das Digiscope zeigt die beiden Ellipsen wie das Kreuz-Scope aus Kapitel 1.4. Stehen sie im rechten Winkel, stimmt die Abstimmung. Fällt das Signal unter die Squelch-Schwelle, erlischt die Anzeige, und es erscheint kein Buchstabensalat aus dem Rauschen.

Unter Configure → Macros belegst du die Funktionstasten. <TX> schaltet auf Senden, <RX> nach dem letzten Zeichen zurück auf Empfang. Fertige Makros für das Alltags-QSO stehen in Kapitel 12.4.

11.6. Notfunk mit NBEMS

Fldigi ist das Modem im NBEMS (Narrow Band Emergency Messaging System). Fallen bei Hochwasser oder Blackout Mobilfunk und Internet aus, lassen sich damit Lageberichte über Amateurfunkfrequenzen übertragen:

  • flmsg füllt Standardformulare aus, etwa das ICS-213, und packt sie in fehlergeschützte Blöcke.
  • flamp zerlegt Dateien in nummerierte Pakete. Empfänger fordern nur die beschädigten Blöcke nach.
  • flrig steuert den Transceiver.

Über RSID (Reed-Solomon Identifier) erkennt Fldigi eine Betriebsart am Kennsignal und stellt sich selbst darauf ein. So können Leitstellen schnell zwischen RTTY, Olivia oder MT63 wechseln.

11.7. Fldigi auf dem Raspberry Pi

Fldigi braucht wenig Rechenleistung und läuft gut auf einem Raspberry Pi. Mit kleinem Touchscreen und einem QRP-Gerät wie dem IC-705 ergibt das eine Digitalstation für den Rucksack. Auf einem frisch installierten Raspberry Pi OS (Debian Bookworm) gibt es aber oft eine böse Überraschung: Der Mauszeiger kriecht, die Oberfläche reagiert mit Sekunden Verzögerung, Klicks in den Wasserfall gehen daneben.

Schuld ist nicht die Hardware. Fldigi nutzt das Toolkit FLTK, und das verträgt sich schlecht mit dem neuen Display-Server Wayland, den Raspberry Pi OS jetzt standardmäßig verwendet. Abhilfe ist der Rückweg zu X11:

  1. Terminal öffnen, sudo raspi-config starten.
  2. Advanced Options → Wayland wählen.
  3. X11 auswählen und bestätigen.
  4. Neu starten mit sudo reboot.

Danach läuft Fldigi flüssig, der Wasserfall scrollt ohne Ruckeln, und die Prozessorlast bleibt gering.

12. Das klassische RTTY-QSO

Soundkarten sind kalibriert, Kabel entstört, der Decoder justiert. Jetzt kommt der eigentliche Zweck des Ganzen: das QSO, das Gespräch zwischen zwei Menschen. Bei RTTY sitzt du selbst am Steuer. Makros sparen Tipparbeit, aber ob du nur Daten austauschst oder dem Funkfreund am anderen Ende der Welt eine Anekdote erzählst, entscheidest du. Damit das nicht im Chaos endet, folgt das Alltags-QSO, auch Klön-QSO oder Ragchew, ein paar über Jahrzehnte gewachsenen Regeln. Wir gehen sie von der Frequenzprüfung bis zum letzten SK durch.

12.1. Erst hören, dann QRL?

Bevor man sendet, wird gehört. RTTY findet in den Digimode-Bereichen des IARU-Bandplans statt (Übersicht in Anhang A), auf 20 Metern etwa zwischen 14.080 und 14.099 kHz.

Auch eine scheinbar leere Lücke im Wasserfall kann belegt sein. Wegen der toten Zone oder Schwund hört man eine Station, die dort gerade arbeitet, vielleicht gar nicht. Deshalb fragt man vor dem ersten Anruf:

QRL? DE [eigenes Rufzeichen]

  • QRL? mit Fragezeichen heißt: „Ist die Frequenz belegt?“ Ein nacktes ? sagt dagegen nur, dass man irgendetwas fragen will.
  • QRL? K ist unsinnig. K übergibt an eine bestimmte Station, aber an wen, wenn noch niemand da ist?
  • QRL, R oder C kommt zurück, wenn die Frequenz belegt ist. Dann suchst du weiter.
  • QRZ? heißt „Wer ruft mich?“ und hat bei der Frequenzprüfung nichts zu suchen. Wer eine leere Frequenz mit QRZ? betritt, fragt sinngemäß, wer ihn gerufen hat, bevor er das Funkgerät überhaupt eingeschaltet hat.

12.2. Ein QSO in fünf Phasen

Ein vollständiges RTTY-QSO hat fünf Phasen, wie in Telegrafie und Sprechfunk. Im Beispiel trifft DL6LG (Chris aus dem Vogtland) auf G6ABC (John aus London).

Phase 1, der CQ-Ruf:

CQ CQ CQ DE DL6LG DL6LG DL6LG AR

CQ zwei- bis dreimal, dann DE („hier ist“) und das eigene Rufzeichen zwei- bis dreimal. Nichts nervt mehr als 30-mal CQ und am Ende einmal verschämt das Rufzeichen. Wer über das Band dreht, will sofort wissen, wer ruft. Mehrere kurze CQ-Rufe bringen mehr als ein minutenlanger Monolog. Abgeschlossen wird mit AR (Ende der Aussendung). Ein K passt hier nicht, denn man weiß noch nicht, an wen man übergibt.

Phase 2, die Antwort:

DL6LG DE G6ABC G6ABC K

Zuerst das Rufzeichen der gerufenen Station, dann DE und das eigene, bei wackligen Bedingungen doppelt. Jetzt ist der Partner bekannt, also übergibt G6ABC mit K („bitte kommen“).

Phase 3, Rapport, Name und QTH:

G6ABC DE DL6LG TKS FER CALL UR RST 599 599 NAME CHRIS CHRIS QTH JO60 JO60 HW CPI? K
  • TKS FER CALL (danke für den Anruf) gehört zum guten Ton.
  • RST-Rapport: R für Lesbarkeit (1–5), S für Signalstärke (1–9), T für Tonqualität (1–9, bei FSK praktisch immer 9). Meist ist es 599.
  • Doppelt senden: Rapport, Name und Ort schickt man gern zweimal. Kippt ein Zeichen oder schlägt der Shift-Fehler zu (TOO statt 599), rekonstruiert der Partner es aus der zweiten Nennung.
  • HW CPI? fragt, wie man aufgenommen wurde.

G6ABC antwortet spiegelbildlich:

DL6LG DE G6ABC TKS CHRIS UR RST 599 599 NAME JOHN JOHN QTH LONDON HW CPI? K

Phase 4, Station und QSL:

G6ABC DE DL6LG TKS RPRT JOHN STN 50W ANT DIPOLE PSE QSL MY QSL VIA BUREAU 73 ES CUL G6ABC DE DL6LG K

STN 50W ANT DIPOLE reicht als Stationsbeschreibung. PSE QSL bittet um eine Bestätigungskarte, MY QSL VIA BUREAU heißt, dass die eigene Karte über das QSL-Büro des Verbands kommt. 73 sind die Grüße, ES heißt „und“, CUL „auf Wiederhören“.

DL6LG DE G6ABC ALL OK CHRIS RIG 100W ANT YAGI QSL VIA BUREAU 73 ES HPE CUAGN SK

Phase 5, der Abschluss:

G6ABC DE DL6LG TNX FER QSO JOHN 73 SK

SK beendet die Verbindung. Ein zusätzliches AR davor ist doppelt gemoppelt. Wer danach abschaltet, hängt CL an (DL6LG SK CL), dann wissen alle, dass die Frequenz frei ist.

12.3. Bitte kein Brag Tape

Die Prahlerbänder aus der Lochstreifenzeit (Kapitel 2.3) leben heute als überfrachtete Makros weiter. Statt eines Gesprächs gibt es dann einen Vortrag:

Die Anatomie eines nervtötenden Brag Tapes (BITTE VERMEIDEN!):

[AUTOMATISCHES MAKRO STARTET]
"MEIN NAME IST OTTO UND ICH BIN 68 JAHRE ALT. MEIN TRANSCEIVER IST EIN YAESU FT-DX9000MP
MIT SEPARATEM NETZTEIL, 200 WATT PEP. MEIN RECHNER IST EIN INTEL CORE I9 MIT 4.2 GHZ,
64 GB RAM, WINDOWS 11 PRO BUILD 22631. MEIN BILDSCHIRM HAT 34 ZOLL CURVED.
DAS WETTER HIER IN KLEIN-KLECKERSDORF IST BEWÖLKT BEI 14.3 GRAD CELSIUS, LUFTDRUCK 1013 HPA.
DIES IST QSO NUMMER 14.823 IN MEINEM ELEKTRONISCHEN LOGBUCH.
DIE GENAUE UHRZEIT IST 14 UHR 23 MINUTEN UND 12 SEKUNDEN UTC..."
[SENDER GLÜHT BEI 100% DUTY CYCLE SEIT 4 MINUTEN DURCH!]

Die Ethikrichtlinien von IARU und DARC sagen es deutlich: keine überlangen Selbstdarstellungen. Die Taktfrequenz des PCs ändert am 45,45-Baud-Signal kein Bit. Luftdruck und Luftfeuchte sind auf Kurzwelle Ballast. Uhrzeit und QSO-Nummer kennt die Gegenstation selbst. Und jede Minute Monolog ist eine Minute Dauerträger für die eigene Endstufe.

Die Faustregel: STN 50W AND DIPOLE genügt. Alles Weitere erst, wenn der Partner danach fragt.

12.4. Makros für den Alltag

Niemand muss im Zehnfingersystem tippen. In Fldigi oder MMTTY legst du die Bausteine auf die Funktionstasten (Fldigi-Syntax, <CALL> setzt das Rufzeichen des Partners ein):

[F1] CQ-Ruf:
<TX> CQ CQ CQ DE <MYCALL> <MYCALL> <MYCALL> AR <RX>

[F2] Antwort auf CQ:
<TX> <CALL> DE <MYCALL> <MYCALL> K <RX>

[F3] Rapport und Vorstellung:
<TX> <CALL> DE <MYCALL> TNX FER CALL UR RST 599 599
NAME <MYNAME> <MYNAME> QTH <MYQTH> <MYQTH> HW CPI? K <RX>

[F4] Station:
<TX> <CALL> DE <MYCALL> TKS RPRT STN 50W ANT DIPOLE
PSE QSL MY QSL VIA BUREAU <CALL> DE <MYCALL> K <RX>

[F5] Verabschiedung:
<TX> <CALL> DE <MYCALL> TNX FER QSO 73 ES CUL SK <RX>

Der Trick ist der Sendepuffer. Du startest zum Beispiel F3. Während der Sender mit sechs Zeichen pro Sekunde den Rapport hinausschiebt, klickst du ins Sendefeld und tippst in Ruhe eine persönliche Antwort. Die Software hängt sie ohne Lücke an. Am Ende sorgt <RX> (oder die Taste Pause) dafür, dass das Gerät nach dem letzten Zeichen auf Empfang geht.

12.5. Die wichtigsten Abkürzungen

Jedes Zeichen kostet bei RTTY Zeit, deshalb nutzt man die Kürzel aus der Telegrafie:

KürzelHerkunftBedeutungTypische Verwendung
CQSeek youAllgemeiner AnrufCQ CQ DE …
DEfrz. devon, hier istzwischen den Rufzeichen
KComebitte kommen (an eine bestimmte Station)Ende eines Durchgangs
KNGo onlynur du bitte, andere wartenbei Gedränge, Verabredungen
AREnd of messageEnde der Aussendungnach dem CQ-Ruf
SKEnd of workEnde der Verbindungletzter Durchgang
CLClosingStation schaltet abganz am Ende
BKBreakschneller Wechsel ohne Rufzeichenzwischendurch
RSTReadability, Strength, ToneRapportUR RST 599
QTH–StandortOrt oder Locator
QRL?–Ist die Frequenz belegt?vor dem ersten Senden
QRM / QRN–Störungen durch Stationen / durch AtmosphäreBandbedingungen
QSB–SchwundSignalbeschreibung
QSL–Empfang bestätigt / BestätigungskartePSE QSL
QSY–FrequenzwechselQSY 14085
QSX–Ich höre auf …Split-Betrieb
QRZ?–Wer ruft mich?nur wenn man ein Rufzeichen verpasst hat
HW CPI?How copy?Wie hast du mich aufgenommen?vor der Übergabe
AGN? / NR?Again / Numberbitte wiederholen / Nummer bittebei Lücken
TKS / TNXThanksdankeTNX FER CALL
UR, ES, PSE, CULyour, and, please, see you laterdein, und, bitte, auf WiederhörenFüllkürzel
73Best regardsGrüße (immer Einzahl, nie „73s“)Verabschiedung

13. Contestbetrieb

Wer RTTY für die Freizeitbeschäftigung pensionierter Fernmeldebeamter bei Kamillentee hält, sollte einmal ein Contest-Wochenende erleben. Pünktlich um 00:00 UTC trillern Tausende Stationen gleichzeitig, der Wasserfall wird zur Wand, und die Endstufe übernimmt die Rolle des Heizlüfters. Der Opa, der eben noch gemütlich vom Wetter erzählt hat, legt einen Sprint hin. Für mich ist der WAE DX RTTY am 14. und 15. November 2026 die erste Gelegenheit, das live mitzuerleben. Wir klären, warum Höflichkeit hier Punkte kostet, welche Taktiken es gibt, was ausgetauscht wird und wie die Makros aussehen.

13.1. Warum Höflichkeit Punkte kostet

Im Contest zählen Geschwindigkeit, Effizienz und Genauigkeit. Ein freundliches TNX FER QSO ES BEST 73 DR OM kostet bei sechs Zeichen pro Sekunde vier bis fünf Sekunden. Bei 80 bis 120 QSOs pro Stunde summiert sich das über 48 Stunden auf Hunderte verschenkte Verbindungen.

ArtBeispielDauer
Alltags-QSO„Guten Abend lieber Funkfreund, vielen Dank für den netten Anruf, mein Name ist Heinz und mein Standort ist …“3 Minuten
Contest-QSODL6LG 599 14 → TU DL2YMR CQ4 Sekunden

Name, QTH und Wetter entfallen, ebenso DE und PSE. Gesendet wird nur, was die Ausschreibung verlangt.

13.2. RUN oder Search & Pounce

BetriebsartVorgehenErgebnisVoraussetzung
RUN („der Platzhirsch“)eigene feste Frequenz, ruft stur CQ TEST, dominiert das Pile-uphohe QSO-Ratedicke Antennen und Nerven
Search & Pounce („der Heckenschütze“)dreht über das Band, findet CQ-Rufer, ein gezielter Schusssammelt Multiplikatorenideal für Einsteiger, Barfuß-Stationen und QRP

Beim RUN suchst du eine freie Frequenz (mit QRL?) und rufst dort ununterbrochen CQ TEST. Läuft es gut, rufen Dutzende gleichzeitig an, und du arbeitest sie im Akkord ab. Das braucht eine starke Station und Nerven, denn man muss die Frequenz gegen Nachbarn verteidigen, die sich ein paar hundert Hertz daneben einnisten.

Mit 50 Watt am Dipol geht man in einem RUN-Pile-up unter. Dann hilft Search & Pounce (S&P): Du drehst über das Band, wartest bei einer RUN-Station das Ende ihres Durchgangs ab und wirfst nur das eigene Rufzeichen in die Pause. S&P eignet sich auch hervorragend, um Multiplikatoren einzusammeln. Die RUN-Station sitzt auf ihrer Frequenz fest, der S&P-Jäger schnappt sich die seltene Insel drei Kilohertz weiter.

13.3. Der Exchange

Jeder Contest hat seinen eigenen Exchange. Wer hier Falsches ins Log schreibt, kostet sich und den Partner Punkte.

Contest-TypTypischer ExchangeBeispiele
Zonen-Conteste (z. B. CQ WW RTTY, OK DX)RST + CQ-Zone (US/VE mit Bundesstaat/Provinz)CQ WW RTTY (z. B. 599 14)
OK DX RTTY (599 14)
Nummern-Conteste (z. B. CQ WPX, SARTG)RST + fortlaufende Nummer (immer mit führenden Nullen)CQ WPX RTTY (599 001)
WAE DX RTTY (599 001)
Nationale Conteste (z. B. DARC-Veranstaltungen)RST + DOK (Ortsverbandskenner)DARC-Conteste (z. B. 599 H33)

Beim CQ WW RTTY ist der Exchange 599 plus CQ-Zone (Deutschland: Zone 14). Stationen aus den USA und Kanada senden zusätzlich ihr Bundesstaats- oder Provinzkürzel, etwa 599 05 MA. Der Logger muss wissen, ob zwei oder drei Teile kommen. Andere Digimodes als RTTY sind in diesem Contest verboten, ebenso Roboter: Anrufen, Frequenzwechsel und Loggen muss ein Mensch auslösen.

Nummern-Conteste wie der CQ WPX RTTY arbeiten mit laufender Nummer: 599 001, 599 010 und so weiter. Die Nummer wird immer dreistellig mit führenden Nullen gesendet, denn eine nackte 1 geht im Textfenster unter, 001 erkennt Auge und Logger sofort als Zahlengruppe. Morse-Abkürzungen haben hier nichts verloren. 5NN statt 599 oder T statt 0 ist bei CW elegant, bei RTTY ein Fehler: Es zwingt den Empfänger ins falsche Register und erhöht die Fehlerquote. Also echte Ziffern, 599 001 001.

Im WAE DX RTTY tauscht man neben normalen QSOs auch QTCs aus. Ein QTC ist ein Datenblock mit Uhrzeit, Rufzeichen und Nummer eines früheren QSOs. Zwei Stationen dürfen zusammen höchstens zehn QTCs austauschen, und das nur zwischen verschiedenen Kontinenten. Wenn zwei Contester einen Zehnerblock durch den Schwund prügeln und fehlende Zeilen nachfordern, sieht man, warum dieser Contest für mich der anspruchsvollste ist. Ausgerechnet den habe ich mir für den Anfang ausgesucht. Passt.

13.4. Contest-Makros

Contest-Logger wie N1MM Logger+, Win-Test, WriteLog oder DXLog steuern alles über die Funktionstasten. Für RUN und S&P legst du getrennte Sätze an.

Die wichtigste Regel: Jedes Contest-Makro beginnt mit {ENTER} (Zeilenvorschub). Sonst klebt der Text beim Partner direkt an dem Müll, den sein Decoder aus dem Rauschen gelesen hat, und das Rufzeichen wird nicht erkannt.

RUN-Makros (ich rufe CQ auf meiner Frequenz):

TasteFunktionMakro-CodeGesendeter Klartext
F1CQ-Ruf{ENTER}CQ TEST {MYCALL} {MYCALL} CQCQ TEST DL6LG DL6LG CQ
F2Exchange{ENTER}! 599 {EXCH} {EXCH}G6ABC 599 14 14
F3TU und neues CQ{ENTER}! TU {MYCALL} CQG6ABC TU DL6LG CQ
F4Eigenes Call{ENTER}{MYCALL}DL6LG
F5Anrufer-Call{ENTER}!G6ABC

S&P-Makros (ich suche Stationen und antworte):

TasteFunktionMakro-CodeGesendeter Klartext
F1Anruf-Einwurf{ENTER}{MYCALL} {MYCALL}DL6LG DL6LG (kein DE!)
F2Mein Exchange{ENTER}! 599 {EXCH} {EXCH}G6ABC 599 14 14
F3Dankeschön{ENTER}TU 73TU 73

Nachfrage-Makros (auf beiden Ebenen gleich):

TasteFunktionMakro-CodeZweck
F8AGN?{ENTER}AGN? AGN?Bitte alles noch einmal wiederholen
F9NR?{ENTER}NR? NR?Gezielt nur die Nummer anfordern
F10CALL?{ENTER}CALL?Gezielt nur das Rufzeichen anfordern

Ein RUN-QSO läuft dann so: F1 sendet CQ TEST DL6LG DL6LG CQ. G6ABC ruft an, du klickst das Rufzeichen im Decoderfenster an, es landet im Eingabefeld. F2 sendet G6ABC 599 14 14, das ! setzt das Rufzeichen ein. G6ABC antwortet mit 599 14. F3 quittiert mit G6ABC TU, loggt das QSO und ruft im selben Atemzug wieder CQ. Keine sechs Sekunden.

Geht ein Teil im Schwund verloren, drückst du nicht noch einmal F2 und schickst alles erneut. Fehlt nur die Nummer, gibt es F9 (NR?). Fragt der Partner nach deiner Nummer, schickst du nur diese, doppelt: {ENTER}014 014.

13.5. Cabrillo-Log und Logprüfung

Nach 48 Stunden ist der Kaffee alle und das Trommelfell summt im 170-Hz-Takt. Gewertet wird aber erst, wenn das Log die Prüfung übersteht.

Auszug einer normgerechten Cabrillo-Datei:

START-OF-LOG: 3.0
CONTEST: CQ-WW-RTTY
CALLSIGN: DL6LG
CATEGORY-OPERATOR: SINGLE-OP
CATEGORY-POWER: LOW
CATEGORY-BAND: ALL
CATEGORY-MODE: RTTY
CLAIMED-SCORE: 135000
OPERATORS: DL6LG
QSO: 14085 RY 2026-09-26 1205 DL6LG 599 14 G6ABC 599 14
QSO: 14088 RY 2026-09-26 1207 DL6LG 599 14 K1TTT 599 05 MA
END-OF-LOG:

Cabrillo ist das Standardformat für Contest-Logs. Jede QSO-Zeile enthält Frequenz, Betriebsart (RY), Datum, UTC-Zeit, eigenes Rufzeichen mit gesendetem und Gegenrufzeichen mit empfangenem Exchange. Im Kopf steht die Kategorie, etwa SINGLE-OP ALL LOW.

Eingereicht wird über die Upload-Seiten der Veranstalter, und die Fristen sind kurz: Beim CQ WW RTTY und beim CQ WPX RTTY sind es nur 48 Stunden, beim WAE sieben Tage (Stand: Oktober 2026). Wer die Frist verpasst, landet als Checklog in der Auswertung, ohne eigene Punkte.

Die Versuchung ist groß, verunglückte Rufzeichen nachträglich per Internet-Datenbank oder Cluster zu „korrigieren“. Lass es. Die Auswertesoftware gleicht alle Logs gegeneinander ab. Ein falsches Rufzeichen (Busted Call) oder ein falscher Exchange wird gestrichen und oft zusätzlich bestraft. Self-Spotting, also das eigene Rufzeichen in den Cluster zu stellen, kann zur Disqualifikation führen.

Und: Reich dein Log ein, auch wenn es nur zehn QSOs hat. Es bestätigt die Punkte deiner Funkpartner.

14. DXing und Pile-ups

Eine Gruppe Funkamateure hat ihren Jahresurlaub geopfert, um auf einem sturmumtosten Felsen im Südatlantik Zelte aufzuschlagen, und ihr Rufzeichen leuchtet im DX-Cluster auf. Der Puls steigt, der Verstand macht Pause.

Bei CW oder SSB kann man aus einem Getümmel mit dem Gehör noch Fragmente herausfischen. RTTY hat keine Fehlerkorrektur und reagiert empfindlich auf Überlagerungen (QRM). Ein ungeordneter Ansturm erzeugt auf allen Bildschirmen nur Buchstabensalat. Ohne Disziplin und Split-Betrieb geht es nicht. Wir klären Treffpunkte, Split-Betrieb und Benimmregeln für Pile-up und Cluster.

14.1. DX-Treffpunkte und Bakenfalle

Seltene Stationen findest du in den RTTY-Bereichen des Bandplans (Anhang A). Der wichtigste Treffpunkt ist 14.080 kHz auf 20 Metern, dazu 21.080 kHz auf 15 und 28.080 kHz auf 10 Metern. Ein gemütliches Klön-QSO über den Tomatenanbau ist dort bei offenen Bändern fehl am Platz.

Am oberen Rand liegt eine Falle: Zwischen 14.099,0 und 14.101,0 kHz senden die Baken des NCDXF/IARU-Bakennetzes, mit denen weltweit die Ausbreitungsbedingungen beobachtet werden. Wer dort hineinfunkt, stört dieses Messnetz.

Besonders gefährdet sind AFSK-Nutzer in USB, denn der Mark-Ton liegt 2.295 Hz über der Anzeige (Kapitel 6.3). Steht das Display auf 14.098 kHz, strahlt die Antenne Mark auf 14.100,295 kHz ab, mitten im Bakenfenster. Bei USB-AFSK darf die Anzeige deshalb nicht über 14.096,5 kHz liegen.

14.2. Warum Simplex im Pile-up scheitert

Taucht ein seltenes Rufzeichen auf, rufen innerhalb von Sekunden Hunderte Stationen an: ein Pile-up.

Rufen alle auf der Frequenz der DX-Station (Simplex), überlagern sich die Dauerträger zu einem Frequenzbrei, aus dem kein Decoder mehr eine 170-Hz-Umtastung herauslesen kann. Wer zu früh ruft, deckt außerdem die Antwort der DX-Station zu, und niemand weiß mehr, wer dran war.

14.3. Split-Betrieb

Deshalb trennt die DX-Station Sende- und Empfangsfrequenz. Sie sendet zum Beispiel auf 14.082 kHz und sagt am Ende des Durchgangs, wo sie hört. UP 2-10 oder QSX 14084-14092 heißt, sie hört 2 bis 10 kHz oberhalb, bei DWN (Down) liegt der Hörbereich unterhalb.

Die Todsünde schlechthin ist das Senden auf der DX-Frequenz bei laufendem Split. Jemand dreht übers Band, liest das Rufzeichen und feuert sein Makro ab, ohne SPLIT eingeschaltet zu haben. Mit 50 Watt bügelt er über die leise Antwort der DX-Station, alle Zuhörer lesen nur noch Gequietsche.

Vor dem ersten Tastendruck im Pile-up:

14.4. Taktik im Split-Fenster

Wer in einem 10-kHz-Fenster blind auf irgendeiner Frequenz im Sekundentakt ruft, verbraucht nur Strom und wird überhört. Erfolgreiches DXing ist angewandte Psychologie.

  1. Zuhören: zwei, drei Durchgänge lang den Rhythmus studieren. Gute DX-Operatoren arbeiten gleichmäßig.
  2. Den Glücklichen suchen: Wenn die DX-Station G6ABC 599 sendet, mit dem zweiten VFO schnell durchs Split-Fenster drehen und schauen, wo G6ABC gerufen hat.
  3. Vorausdenken: Wandert der Operator nach jedem QSO ein Stück nach oben (die Raupe), setzt du dich knapp über den zuletzt gearbeiteten Anrufer. Springt er wild hin und her (das Känguru), suchst du eine ruhige Lücke im Wasserfall und rufst genau in den Umschaltpausen.
  4. Rufzeichen einmal senden: Endloses Wiederholen blockiert die Frequenz. Manche DX-Operatoren ignorieren solche Stationen demonstrativ.

14.5. Die Frequenzpolizei

Nach spätestens fünf Minuten taucht sie auf. Jemand hat SPLIT vergessen und einmal sein Rufzeichen auf der DX-Frequenz gesendet. Prompt hämmern Dutzende Stationen UP UP UP, UP YOU IDIOT oder SPLIT YOU FOOL auf dieselbe Frequenz. Der Ablauf ist immer gleich:

  1. Fehler: DL1ABC vergisst versehentlich Split und sendet einmal sein Rufzeichen auf der DX-Frequenz.
  2. Eskalation: Fünf selbst ernannte Frequenzpolizisten senden zeitgleich UP UP UP IDIOT!.
  3. Resultat: Die Frequenz der DX-Station ist minutenlang blockiert. Die Frequenzpolizisten machen mehr QRM als der Sünder.

Die Ethikrichtlinien von IARU und DARC halten genau das fest. Die meisten Fehler passieren aus Unachtsamkeit, und wer anonym schimpft, sendet obendrein ohne Rufzeichen. Richtig verhältst du dich, indem du schweigst, die DX-Frequenz nicht anrührst und weiter zuhörst.

14.6. DX-Cluster: richtig spotten

DX-Cluster melden in Echtzeit, wer wo gehört wurde. Bei RTTY gibt es dabei drei typische Fehler.

Der erste ist die falsche Frequenz. Gespottet wird immer die echte Mark-Frequenz. Wer mit USB-AFSK einfach die Displayzahl abschreibt, liegt 2,295 kHz daneben, und Hunderte DXer suchen auf einer leeren Frequenz.

Der zweite ist das falsche Rufzeichen. Ein Decoder hat keinen Verstand, ein Knacken macht aus 3Y0J schnell 3T0J oder EY0J. Wer das ungeprüft in den Cluster stellt, schickt Tausende auf die Jagd nach einer Station, die es nicht gibt. Gespottet wird nur, was du vollständig und sicher gelesen hast.

Der dritte ist der Cluster als Chat. Ins Kommentarfeld gehören technische Angaben wie QSX UP 5, keine Grüße, QSL-Anfragen oder Wutausbrüche. Und das eigene Rufzeichen zu spotten gilt als schlechter Stil, im Contest ist es verboten.

15. RTTY außerhalb des Amateurfunks

Man könnte meinen, Funkfernschreiben sei ein reines Hobby für Leute, die dem Analogzeitalter nachtrauern. Dreht man den Empfänger aber über die Amateurbänder hinaus, stellt man fest: Bei Wetterdiensten und auf See wird noch immer maschinell ferngeschrieben. Wir schauen uns an, warum, und dann die wichtigsten Dienste.

15.1. Warum die kommerziellen Dienste dabei bleiben

Der erste Grund ist die vorhandene Technik. Auf Frachtern, Fischkuttern und Yachten arbeiten seit Jahrzehnten fest eingebaute Empfänger mit Decoder. Würde man die Dienste abschalten, stünden viele Schiffsführer ohne amtliche Sturmwarnungen da. Der zweite Grund ist die Art der Nachricht: Ein Seewetterbericht ist eine Aussendung an alle. Es gibt keinen Rückkanal und keine Quittung, und jeder mit einem Empfänger kann ohne Lizenz mitlesen.

Das drahtgebundene Telex-Netz ist abgeschaltet, Militär und Diplomatie nutzen längst moderne Verfahren. Auf den Seefunkfrequenzen lebt das Funkfernschreiben weiter.

15.2. Der Seewetterdienst des DWD

Der bekannteste Dienst in Mitteleuropa ist der Deutsche Wetterdienst (DWD). Auf 7646,0 kHz (Stand: Sendeplan des DWD, September 2023) trillert ein FSK-Signal, das Windstärken für Deutsche Bucht, Skagerrak und Ostsee verbreitet.

ParameterWert
RufzeichenDDH7 (Sender Pinneberg)
Sendefrequenz (HF-Mitte)7646,0 kHz
ModulationsverfahrenEchtes FSK (Frequenzumtastung)
Schrittgeschwindigkeit50,0 Baud (20,0 ms Bitdauer)
Shift450 Hz (Wide Shift)
ZeichensatzBaudot / ITA2

Mit den Amateurfunk-Einstellungen wirst du hier nichts lesen. Der DWD sendet mit 50 Baud statt 45,45 und mit 450 Hz Shift statt 170. Kommerzielle Dienste nutzen typisch 425, 450 oder 850 Hz Shift. Mark und Space liegen damit weit auseinander, und auch starke Störungen werfen den Empfang auf See kaum um.

In Fldigi stellst du dafür RTTY-50 ein und änderst den Shift in der RTTY-Konfiguration auf 450 Hz. Fldigi hat sogar einen SYNOP-Decoder, der die fünfstelligen Zahlengruppen der Wettermeldungen in Klartext übersetzt.

15.3. SITOR und NAVTEX

Auf hoher See war nacktes Baudot ohne Fehlerschutz zu riskant. Daraus entstand SITOR (Simplex Teleprinting Over Radio), im Amateurfunk als AMTOR bekannt.

VerfahrenDatenbitsPrüfungFolge
Baudot / ITA250 Prüfbitsreines Gottvertrauen (Fehlerquote hoch)
SITOR / AMTOR7festes Verhältnis 4 × Mark (Eins) + 3 × Space (Null)weicht die Summe ab, ist das Zeichen Schrott

Jedes Zeichen besteht aus 7 Bits, davon immer genau vier Einsen und drei Nullen. Kippt ein Bit, stimmt das Verhältnis nicht mehr, und der Empfänger erkennt den Fehler.

Für Direktverbindungen gibt es SITOR-A (ARQ). Der Sender schickt drei Zeichen im Block mit 100 Baud und wartet dann auf eine Quittung. Kommt keine, wiederholt er den Block. Für Rundsprüche taugt das nicht, denn 500 Schiffe können nicht gleichzeitig quittieren. Dafür gibt es SITOR-B (FEC), das jedes Zeichen zeitversetzt zweimal sendet. Der bekannteste Dienst damit ist NAVTEX auf 518 kHz (international, englisch) und 490 kHz (national) mit nautischen Warnungen. Fldigi kann NAVTEX und SITOR-B decodieren.

15.4. Wetterfax und Hellschreiber

Schon früh wollte die Seefahrt auch Bilder: Isobarenkarten, Eisgrenzen, Wellenhöhen. Daraus entstand das Wetterfax (Radiofax). Es ist ein analoges Zeilen-Abtastverfahren, verwandt mit SSTV aus meinem SSTV-Artikel: Helligkeitswerte werden in Tonfrequenzen umgesetzt und Zeile für Zeile übertragen, typisch mit 120 Zeilen pro Minute. Auch hier läuft der Sender während der mehrminütigen Übertragung im Dauerbetrieb.

Ebenfalls in Fldigi enthalten ist das Hellschreiben, das Rudolf Hell Ende der 1920er-Jahre erfand. Es überträgt Buchstaben als Punktmuster. Weil kein Decoder Bits deuten muss, kann das Auge den Text oft noch lesen, wenn ein Baudot-Decoder längst nur noch Salat liefert.

16. Fehlersuche

Software installiert, Kabel gelötet, Kaffee dampft. Du drückst auf Senden, und dann tanzt der Mauszeiger, aus dem Lautsprecher brummt es, der Decoder zeigt Hieroglyphen, und der Transceiver sendet entweder gar nicht oder hört nicht mehr damit auf. Keine Panik, fast jedes RTTY-Problem lässt sich systematisch finden. Die Tabelle gibt den Überblick, die Abschnitte danach die Details.

EbeneSymptomPrüfenMehr dazu
Empfang (RX)Wasserfall bleibt komplett schwarz/stummSoundkarten-Routing und Capture-Kanal16.1
Empfang (RX)Wasserfall zeigt Signal, aber nur MüllPolarität invertiert? (Taste REV)16.3
Empfang (RX)Endlose Zeichen wie #-006 ?845FIGS-Shift verpasst (Rechtsklick / UOS)16.3
Steuerung (PTT und CAT)Software meldet TX, Transceiver bleibt stummCOM-Port, RTS/DTR-Zuweisung16.2
Steuerung (PTT und CAT)Transceiver sendet dauerhaft beim EinschaltenInvert Logic aktiv oder Transistor durchlegiert16.2
Sender (TX-Audio und HF)Transceiver sendet, aber kein Ton / Wattmeter = 0Playback-Kanal, Audio-Mute, Mic-Gain–
Sender (TX-Audio und HF)ALC schlägt voll aus / Nachbarn meckernAudiopegel viel zu hoch, sofort drosseln7.3, 7.4
Sender (TX-Audio und HF)Tastatur tippt Geisterzeichen / USB stürzt abRFI: Ferrite auf alle Leitungen wickeln9.3, 16.4

Du prüfst die Kette Schritt für Schritt von der Quelle bis zum Ziel, nicht alles auf einmal.

16.1. Kein Signal im Wasserfall

  • Falsche Soundkarte: In Fldigi (Configure → Sound Card → Devices) oder MMTTY (Setup → Misc) ist das falsche Eingabegerät gewählt. Bei USB-Transceivern muss es der USB Audio CODEC sein.
  • Falscher Kanal: Manche Soundkarten liefern das Signal nur links oder rechts. In MMTTY unter Setup → Misc zwischen Left, Right und Mono umschalten.
  • Windows-Datenschutz: Windows sperrt gern den Mikrofonzugriff für Desktop-Apps. Dann bekommt keine Funksoftware Audio zu sehen.

16.2. Der Sender schaltet nicht oder hört nicht auf

Sendet der Transceiver gar nicht, prüfst du zuerst im Geräte-Manager, ob der COM-Port existiert und kein gelbes Ausrufezeichen hat. Bei Hardware-PTT muss die Software dieselbe Leitung (RTS oder DTR) nutzen, die im Interface verdrahtet ist. Bei älteren Icoms geht PTT nicht per CI-V (Kapitel 9.2).

Schaltet der Transceiver dagegen beim Einstecken oder Programmstart sofort auf Senden, arbeitet das Interface vermutlich mit invertierter Logik. In MMTTY schaltest du unter Setup → TX die Option Invert Logic um. Hat man die Transistorbasis ohne Vorwiderstand an ±12 V gehängt, ist der Transistor eventuell durchlegiert und zieht die PTT dauerhaft auf Masse.

16.3. Buchstabensalat trotz gutem Signal

Häufigste Ursache ist die verkehrte Polarität. Drück REV. Wird Klartext daraus, prüfst du, ob der Transceiver im richtigen Seitenband steht (Fldigi: USB, siehe Kapitel 6.3).

Kommen nach einer Zahl nur noch Satzzeichenfragmente wie ?-:&& !$$%, hängt die Ebene: Ein LTRS-Zeichen ist verloren gegangen. In MMTTY per Rechtsklick auf das Wort umschalten und dauerhaft UOS einschalten (Kapitel 4.4).

Und manchmal stimmen einfach die Parameter nicht. Amateure senden fast immer mit 45,45 Baud und 170 Hz, beim DWD sind es 50 Baud und 450 Hz.

16.4. Brummen und Einstreuungen

Meldet die Gegenstation ein 50-Hz-Brummen auf dem Signal, steckt eine Erdschleife im Audiokabel. Abhilfe ist ein 1:1-Trennübertrager (Anhang C). Gegen Geistertippen, USB-Abbrüche und zappelnde Wattmeter hilft das Entstör-Rezept aus Kapitel 9.3: Ferrite mit mehreren Windungen auf jede Leitung, sternförmige Erdung, Leistung auf 40 bis 50 Watt.

16.5. Gerätespezifische Stolpersteine

TransceiverProblemUrsacheAbhilfe
Icom IC-7300 / IC-705kein Sende-Audio über USBModulationseingang steht ab Werk auf MICSet → Connectors → DATA MOD auf USB
Ältere IcomsPTT per CAT geht nichtCI-V kennt keinen SendebefehlPTT über Hardware-Schaltstufe (ACC-Buchse, Pin 3)
Yaesu FT-817 / FT-857 / FT-897Signal splattert über 3 kHzMenüpunkt DIG MIC ab Werk zu hochDIG MIC deutlich senken, bis die ALC ruhig ist
Kenwood TS-590S / SGFSK kommt invertiert anFSK-Polarität im Menü falschFSK Polarity auf Reverse
Alle Geräte bei AFSKzwei Signale im Abstand mehrerer kHzSprachkompressor aktivSprachkompressor aus

Damit ist der Opa auseinandergenommen, jedenfalls auf dem Papier. Zwei Töne, fünf Bits, eine Uhr und eine Menge Regeln, die sich über ein Jahrhundert angesammelt haben. Ob ich mit ihm klarkomme, zeigt sich am 14. November im WAE DX RTTY, vermutlich mit dem IC-705, halber Leistung und dem festen Vorsatz, SPLIT nicht zu vergessen. Ob das klappt oder ob die Sache weiter eskaliert, erfährst du hier. Ich werde berichten.

73 de DL6LG

Anhang A: Bandplan

Die Schmalband-Segmente des IARU-Region-1-Bandplans (Fassung 2016) sind teils etwas breiter als die hier genannten üblichen RTTY-Bereiche, etwa ab 10.130, 21.070 und 28.070 kHz.

BandÜblicher RTTY-BereichHinweis
160 m1.838–1.840 kHzExtrem schmaler Korridor, sehr seltene Aktivität
80 m3.580–3.600 kHzEuropa-Aktivität
40 m7.040–7.050 kHzRegulärer Bereich
30 m10.140–10.150 kHzReines Digimode-Band, streng contestfrei
20 m14.080–14.099 kHzDas Epizentrum des weltweiten RTTY-Verkehrs
17 m18.095–18.105 kHzSchmales WARC-Band, keine Wettbewerbe erlaubt
15 m21.080–21.110 kHzExzellentes DX- und Contest-Band bei Sonnenflecken
12 m24.915–24.929 kHzRuhiges WARC-Segment für weltweite Verbindungen
10 m28.080–28.150 kHzRiesiges Bandsegment, explodiert bei hoher Sonnenaktivität

Bakenschutz auf 20 Metern: Zwischen 14.099,0 und 14.101,0 kHz arbeitet das NCDXF/IARU-Bakennetz. Bei USB-AFSK liegt Mark 2.295 Hz über der Anzeige, daher darf das Display nicht über 14.096,5 kHz stehen (Kapitel 14.1).

Anhang B: Die ITA2-Codetabelle

Fünf Datenbits $b_0$ bis $b_4$, gesendet mit $b_0$ zuerst. 1 ist Mark, 0 ist Space.

Bitmuster ($b_4 b_3 b_2 b_1 b_0$)Dez.LTRSFIGSHinweis
0 0 0 0 00NULLNULLLeerlauf / Streifenvorschub
0 0 0 0 11E3
0 0 0 1 02LFLFZeilenvorschub
0 0 0 1 13A–
0 0 1 0 04SPACESPACELeerzeichen (bei UOS → LTRS)
0 0 1 0 15S‚ (oder Glocke)
0 0 1 1 06I8
0 0 1 1 17U7
0 1 0 0 08CRCRWagenrücklauf
0 1 0 0 19D$ (oder WRU)
0 1 0 1 010R4RY-Prüfmuster
0 1 0 1 111JGlocke (Bell)
0 1 1 0 012N,
0 1 1 0 113F!
0 1 1 1 014C:
0 1 1 1 115K(
1 0 0 0 016T5Shift-Falle: T ↔ 5
1 0 0 0 117Z+
1 0 0 1 018L)
1 0 0 1 119W2
1 0 1 0 020H#
1 0 1 0 121Y6RY-Prüfmuster
1 0 1 1 022P0
1 0 1 1 123Q1
1 1 0 0 024O9Shift-Falle: TOO ↔ 599
1 1 0 0 125B?
1 1 0 1 026G&
1 1 0 1 127FIGSFIGSschaltet auf Ziffern
1 1 1 0 028M.
1 1 1 0 129X/
1 1 1 1 030V;
1 1 1 1 131LTRSLTRSschaltet auf Buchstaben, Diddle

Anhang C: Schaltungen und Steckerbelegungen

C.1. COM-Port (DB-9 am PC)

PinSignalFunktion
3TxD (Transmit Data)steuert die FSK-Umtastung
4DTR (Data Terminal Ready)alternative PTT-Steuerleitung
5GND (Signal Ground)gemeinsame Bezugsmasse
7RTS (Request to Send)Standard-PTT-Steuerleitung

Am alten 25-poligen Stecker sind es Pin 2 (TxD), Pin 4 (RTS), Pin 20 (DTR) und Pin 7 (GND).

C.2. Transistor-Schaltstufe für PTT und FSK

Wandelt die ±12 V des COM-Ports in ein Schaltsignal nach Masse:

C.3. Optokoppler mit galvanischer Trennung

Trennt PC und Funkgerät vollständig, sicherer gegen Erdschleifen und Einstreuungen (z. B. 4N25 oder PC817):

C.4. Audio-Trennung für AFSK

Gegen 50-Hz-Brummschleifen, je ein Übertrager für Sende- und Empfangsweg:

C.5. Die 13-polige Icom-Zubehörbuchse (ACC-1)

Gilt für ältere Icom-Transceiver wie die IC-706-Serie, IC-718, IC-746 und IC-756-Serie:

PinSignalFunktion
18.0Vgeregelter Steuerausgang, max. 10 mA
2GNDSignalmasse
3SENDPTT-Eingang: auf Masse ziehen zum Senden
4MODModulationseingang für AFSK / DATA-Audio
5AFNF-Ausgang: konstanter Empfangspegel, unabhängig vom Lautstärkeregler
6SQLSSquelch-Statusausgang
713.8VBordspannung bei eingeschaltetem Gerät, max. 1 A
8ALCEingang für externe ALC-Spannung von Endstufen
9TKEYCW-Tastleitung
10FSK / RTTYechter FSK-Tasteingang: auf Masse ziehen für Mark bzw. Space
11MOD MUTEschaltet das vordere Mikrofon stumm, wenn auf Masse gelegt
12NCnicht belegt
13GNDMasse

Vor dem Löten unbedingt mit dem Handbuch des eigenen Geräts vergleichen, die Belegung unterscheidet sich je nach Modell.

Anhang D: Checkliste vor dem ersten Senden

  1. Dummy Load: Sendekette vorher an einer künstlichen Antenne getestet?
  2. Bandgrenzen: Frequenz im Digimode-Bereich, bei USB-AFSK auf 20 Metern nicht über 14.096,5 kHz?
  3. Leistung: höchstens 40 bis 50 Watt bei einem 100-Watt-Gerät?
  4. Sprachkompressor: aus?
  5. ALC: bei AFSK auf null oder gerade eben am Zucken?
  6. Polarität: Mark auf der HF 170 Hz über Space (bei LSB-Betrieb REV passend gesetzt)?
  7. Diddles: in der Software auf LTRS?
  8. Frequenz frei: mindestens 30 Sekunden zugehört und mit QRL? DE [Call] gefragt?
  9. Makros: Contest-Makros beginnen mit {ENTER}, Rufzeichen und Zone stimmen?
  10. Split: Bei DX-Stationen SPLIT eingeschaltet?

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