Funkwellen auf Speed
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein Nobelpreisträger wie Joe Taylor gemeinsam mit Steven Franke im Jahr 2017 eine digitale Lawine lostreten würde, die das gemütliche Beisammensein auf den Kurzwellenbändern für immer verändert. Mit der Einführung von FT8 war plötzlich Schluss mit stundenlangem Rauschen und dem verzweifelten Versuch, aus dem atmosphärischen Geknister so etwas wie eine menschliche Stimme oder gar ein Telegrafie-Signal herauszufiltern. Innerhalb weniger Monate nach der Betaphase war die Funkwelt nicht mehr dieselbe, denn fast die Hälfte aller weltweiten Kontakte wurde plötzlich über dieses Protokoll abgewickelt. Bis Ende 2017 kletterte der Anteil laut Club Log sogar auf über 55 Prozent, während die klassischen Liebhaber der Morsetaste und des gepflegten Sprechfunks fassungslos zusehen mussten, wie ihre mühsam erlernten Fähigkeiten von einem Computerprogramm deklassiert wurden, das Signale noch dekodiert, wenn das menschliche Ohr nur noch gähnende Leere wahrnimmt.

Der Clou an FT8 ist nämlich seine fast schon unheimliche Empfindlichkeit. Wo man für ein halbwegs verständliches Gespräch in SSB noch ein ordentliches Signal-Rausch-Verhältnis von plus 10 Dezibel braucht und selbst hartgesottene Telegrafie-Experten bei minus 15 Dezibel das Handtuch werfen, fängt FT8 erst richtig an zu lächeln. Bis hinab zu minus 21 Dezibel gräbt das System Daten aus dem Rauschen, verpackt in winzige 50 Hertz Bandbreite und streng getaktet in 15-Sekunden-Fenstern. Da manchen Funkern aber selbst diese viertel Minute Wartezeit im Zeitalter von Instant-Messaging und Espresso-Kapseln wie eine Ewigkeit vorkam, folgte 2019 die schnellere Variante FT4. Mit 7,5 Sekunden pro Durchgang war das zwar doppelt so flink, erforderte aber schon ein bisschen mehr Signalstärke und eine breitere Gasse im Frequenzspektrum, was den Weg für den nächsten logischen Schritt ebnete.
Hier ist die Übersicht der Frequenzen für die verschiedenen Bänder:
| Band | FT8 (Standard) | FT4 (Standard) | FT2 (Testrufpunkte) |
|---|---|---|---|
| 160 m | 1,840 MHz | 1,841 MHz | 1,843 MHz |
| 80 m | 3,573 MHz | 3,575 MHz | 3,578 MHz |
| 60 m | 5,357 MHz | 5,357 MHz | 5,360 MHz |
| 40 m | 7,074 MHz | 7,0475 MHz | 7,052 MHz |
| 30 m | 10,136 MHz | 10,140 MHz | 10,144 MHz |
| 20 m | 14,074 MHz | 14,080 MHz | 14,084 MHz |
| 17 m | 18,100 MHz | 18,104 MHz | 18,108 MHz |
| 15 m | 21,074 MHz | 21,140 MHz | 21,144 MHz |
| 12 m | 24,915 MHz | 24,919 MHz | 24,923 MHz |
| 10 m | 28,074 MHz | 28,180 MHz | 28,184 MHz |
Im Februar 2026 erreichte der digitale Geschwindigkeitsrausch schließlich eine neue Dimension, als FT2 die Bühne betrat. Eine italienische Gruppe rund um Martino, IU8LMC, und das Team vom ARI Caserta hatte offenbar genug vom geduldigen Warten vor dem Monitor. Das Besondere an dieser Entwicklung ist der Beigeschmack von Science-Fiction, denn die Entwickler ließen sich beim Umschreiben des ehrwürdigen WSJT-X-Quellcodes von der künstlichen Intelligenz Claude unter die Arme greifen. Das Ergebnis ist ein Modus, der mit Sendezyklen von gerade einmal 3,8 Sekunden über die Bänder fegt. Ein komplettes Funkgespräch, für das man bei FT8 noch gemütlich einen Kaffee holen konnte, ist hier in 11 bis 22 Sekunden erledigt. Das ermöglicht theoretisch bis zu 240 Kontakte pro Stunde und lässt altgediente RTTY-Wettbewerbe fast schon wie eine Zeitlupenaufnahme wirken.
| Merkmal | FT8 | FT4 | FT2 (experimentell) |
|---|---|---|---|
| Erscheinungsdatum | Juni/Oktober 2017 | April 2019 | 16. Februar 2026 |
| Sendezyklus | 15 Sekunden | 7,5 Sekunden | ~3,8 Sekunden |
| QSO-Dauer (typ.) | ~60–90 Sek. | ~30–45 Sek. | ~11–22 Sek. |
| Empfindlichkeit (SNR) | -21 dB (bis -24 dB möglich) | -16,5 dB | -12 bis -14 dB |
| Bandbreite | 50 Hz | 83–90 Hz | ~150–170 Hz |
| Zeitsynchronisation | Toleranz ±200 ms | Erfordert präzise Uhr | Extrem strikt: ±50 ms |
| Modulation | 8-FSK / GFSK | 4-GFSK | 8-GFSK / MFSK |
| Vorteile | Höchste Empfindlichkeit ermöglicht DX mit minimaler Leistung und einfachen Antennen. Hohe Fehlerkorrektur (LDPC/CRC) sorgt für verlässliche Dekodierung. | Doppelt so schnell wie FT8. Guter Kompromiss für Wettbewerbe (Contests), um die QSO-Rate zu erhöhen. | Extreme Geschwindigkeit (bis zu 240 QSOs/h). Ideal für sehr kurze Bandöffnungen (Sporadic-E), Satellitenfunk (Doppler-Effekt) und massive Pile-ups. |
| Nachteile | Für wechselhafte Bedingungen oder kurze Öffnungen oft zu langsam. Freitexte sind auf 13 Zeichen begrenzt, was lange Rufzeichen problematisch macht. | Benötigt ca. 3 dB mehr Signalstärke als FT8. Größere Bandbreite als FT8. | Deutlich geringere Empfindlichkeit; Signale müssen stark sein. Dreifache Bandbreite von FT8; nicht für schmale Bänder empfohlen. Betrieb ist hektisch und erfordert extrem schnelle Reaktionen. |
Technisch gesehen ist dieser Geschwindigkeitsvorteil natürlich kein kostenloses Geschenk der Physik. Während FT8 der unangefochtene König für die ganz schwachen Signale bleibt, muss FT2 für sein Tempo Tribut zollen. Die Bandbreite bläht sich auf bis zu 170 Hertz auf, und die Empfindlichkeit sinkt auf etwa minus 12 bis minus 14 Dezibel. Wer hier mitspielen will, braucht nicht nur ein stärkeres Signal, sondern vor allem eine Computeruhr, die so präzise tickt wie ein Schweizer Uhrwerk. Eine Abweichung von mehr als 50 Millisekunden verzeiht das System nicht, da das Zeitfenster einfach zu winzig ist. Wer es ausprobieren möchte, findet die ersten Testrufpunkte auf den klassischen Bändern von 160 bis 20 Metern, muss sich aber auf eine Software namens Decodium 3 einlassen und mit einer deutlich hektischeren Bedienung klarkommen, die den Puls des Operators sicher schneller in die Höhe treibt als eine klassische Plauderei auf Kurzwelle.
Ob FT2 nun das altbewährte FT8 vom Thron stößt, bleibt abzuwarten, aber wahrscheinlich ist eher eine friedliche Koexistenz der beiden digitalen Spezialisten. FT8 wird weiterhin das Werkzeug für die Funk-Archäologen bleiben, die jedes letzte Dezibel aus dem fernen Australien herauskitzeln wollen, wenn die Bedingungen eigentlich gar nichts hergeben. FT2 hingegen ist der perfekte Kandidat für die schnellen Momente im Leben eines Funkers, etwa wenn sich auf 6 Metern für wenige Sekunden ein magisches Fenster öffnet oder wenn ein Satellit im Tiefflug über den Horizont rast. Auch für große Expeditionen, die Tausende von Funkern in kürzester Zeit abarbeiten müssen, ist dieser Turbo-Modus ein Segen. Kritiker mögen zwar vor einer weiteren Zersplitterung der Bänder warnen, doch am Ende zeigt FT2 vor allem eines: Der Amateurfunk ist alles andere als eingestaubt und nutzt modernste KI-Technik, um die Grenzen des Machbaren immer wieder ein Stückchen weiter zu verschieben.