VARA und XARA – ein Buchstabe Unterschied
VARA und VarAC bringen Winlink-Mails, Chat und Dateien per Soundkarte über Kurzwelle, ganz ohne teures Hardware-Modem. Dieses Kompendium erklärt Technik, Einrichtung und Betrieb von der Pegelung bis zum Notfunk und zeigt, was ein einziger Buchstabe ändert: Xara läuft unter Linux ohne Wine.

(Lesedauer: ca. 50 Minuten)
Es gibt Wörter, die bei mir sofort einen Haken auswerfen. Diesmal waren es drei, die in einer Wortwolke dicht beieinanderstanden: „Vara“, „Xara“ und „Linux“. Von VARA hatte ich schon gehört und auch mal quer darüber gelesen. Hängen geblieben war vor allem eins: Das Modem gibt es nur für Windows, und wer es unter Linux betreiben will, braucht Wine. Verstanden hatte ich das Ganze damit noch lange nicht.
Und dann dieses Xara. Ein Buchstabe Unterschied, X statt V. Beim schnellen Überfliegen las ich, dass Xara ein Softwaremodem für Linux ist, ohne Wine und ohne Windows-Laufzeitumgebung. Damit war der Universaldilettant in mir geweckt. Was ändert dieser eine Buchstabe?
Wie das bei mir so läuft, blieb es nicht bei Xara. Wer verstehen will, was Xara nachbaut, muss VARA verstehen. Wer VARA verstehen will, landet bei PACTOR, ARDOP und Packet Radio, bei VarAC und Winlink und irgendwann beim Notfunk. So ist mal wieder ein längerer Text entstanden. Damit keine falschen Erwartungen aufkommen: Ein eigenes VARA-QSO habe ich noch nicht gefahren, installiert ist bei mir bisher nichts davon. Dieser Artikel ist meine Erkundung, gegen Quellen geprüft, aber nicht am eigenen Transceiver erprobt.
Der Fahrplan: Wir klären zuerst, was VARA ist und wie es sich gegen PACTOR, ARDOP und Packet Radio schlägt. Dann sortieren wir die VARA-Familie samt Xara, installieren unter Windows und Linux und verkabeln den Transceiver. Danach geht es in die Praxis mit VarAC und Winlink und weiter zum Notfunk. Am Ende nehmen wir Xara gründlich auseinander, bevor die Fehlersuche den Schlusspunkt setzt.
- 1. Einleitung und Systemüberblick
- 2. Protokolle im Vergleich
- 3. Die VARA-Familie
- 4. Installation unter Windows und Linux
- 5. Hardware und Transceiver-Anbindung
- 6. VarAC einrichten
- 7. Praxisbetrieb mit VarAC
- 8. Winlink: E-Mail über Funk
- 9. Notfunk mit VARA, Xara und VarAC
- 10. Xara: das Open-Source-Modem für Linux
- 11. Fehlersuche und Ausblick
1. Einleitung und Systemüberblick
Wer auf Kurzwelle durch die digitalen Segmente dreht, landet fast zwangsläufig bei FT8. Rapport tauschen, „Log QSO“ klicken, nächster. Manchmal frage ich mich, ob ich gerade mit Neuseeland gefunkt habe oder ob sich zwei PCs ohne mein Zutun über das Wetter unterhalten haben. Ich darf das sagen, ich habe FT8 sogar eine eigene kleine Web-App gewidmet. Für ein echtes Gespräch taugt FT8 trotzdem nicht.

Wer dagegen ganze Texte oder E-Mails fehlerfrei über die Kurzwelle bringen wollte, kam jahrzehntelang an PACTOR nicht vorbei. Das funktionierte und war robust, hatte aber einen Haken fürs Portemonnaie: Ein PACTOR-Controller schlägt mit vierstelligen Beträgen zu Buche, dafür gibt es auch eine Woche Familienurlaub oder eine halbe Antennenanlage. Die offene Alternative ARDOP kostet nichts, ist aber langsam. Wer ARDOP im Notfunk erlebt hat, weiß, dass manchmal der Funkamateur schneller altert, als die Bits durchs Rauschen tröpfeln.
In diese Lücke stieß ab Herbst 2017 der spanische Funkamateur José Alberto Nieto Ros (EA5HVK) mit einer Software, die die Szene gründlich durcheinanderbrachte: VARA. In diesem Kapitel schauen wir uns an, was VARA ist, welche Programme darauf aufsetzen und was die Lizenz kostet.
1.1. Was ist VARA?

Früher brauchte man für schnellen, fehlerfreien Datentransfer auf Kurzwelle einen Hardware-TNC (Terminal Node Controller): einen Kasten voller Spezialchips, der das analoge Gezwitscher in saubere Computerbits verwandelte. José (EA5HVK) dachte sich: „Moderne Computer haben Mehrkernprozessoren und Soundkarten mit ordentlicher Signalverarbeitung. Warum machen wir die Signalakrobatik nicht komplett in Software?“
Gesagt, getan. VARA ist im Kern ein reines Software-Modem, auch Software-TNC genannt. Man braucht dafür lediglich:
- Einen ganz normalen PC (bevorzugt unter Windows, dazu später mehr).
- Eine Standard-Soundkarte oder den USB-Audio-Codec des Transceivers.
- Einen SSB-Transceiver für Kurzwelle oder ein FM-Gerät für UKW.
Das Modem sitzt zwischen Transceiver und Anwendungssoftware und erzeugt ein vielstimmiges Gedudel, das auf dem Wasserfall wie ein breiter, dichter Teppich aussieht.
| Schicht | Bestandteil | Verbindung nach unten |
|---|---|---|
| Anwendung | VarAC oder Winlink | TCP-Sockets (Ports 8300, 8301, 8100) |
| Modem | VARA Software-TNC (EA5HVK) | Audio über USB oder Soundkarte |
| Transceiver | z. B. IC-7300/FT | Funkweg mit OFDM und ARQ |
Beide Stationen sind gleich aufgebaut.
Hinter der Robustheit steckt eine Kombination aus zwei Verfahren. OFDM (Orthogonal Frequency Division Multiplexing) verteilt die Daten auf Dutzende gleichzeitig modulierter Träger. ARQ (Automatic Repeat reQuest) ist der sture Buchhalter dazu: „Block 14 habe ich nicht verstanden, bitte noch mal!“ Jeder Block trägt eine CRC, eine Prüfsumme, an der der Empfänger erkennt, ob er heil angekommen ist. Entweder landen die Daten fehlerfrei auf dem Bildschirm, oder gar nicht. Datenmüll, wie man ihn von RTTY kennt, gibt es hier nicht.
1.2. VarAC und Winlink
Das VARA-Modem allein ist ungefähr so unterhaltsam wie ein nackter Druckertreiber. Es öffnet ein kleines Fenster mit Rundinstrumenten, zuckenden Zeigern und einem VU-Meter, tut für sich aber erst einmal nichts. Sinnvolles entsteht erst, wenn eine Anwendung über lokale Netzwerk-Sockets andockt, standardmäßig über die TCP-Ports 8300 und 8301. Zwei Anwendungen haben sich dabei durchgesetzt.
1.2.1. VarAC: der Tastatur-Chat
Entwickelt hat VarAC Irad Deutsch (4Z1AC), dem der reine Rapport-Austausch von FT8 schlicht zu öde war. VarAC ist ein Peer-to-Peer-Chat in Echtzeit. Man sitzt wie früher bei PSK31 oder RTTY an der Tastatur und tippt mit echten Menschen rund um den Globus. Dabei sieht man sogar, wenn die Gegenstation gerade tippt („is typing…“). Dazu kommen Bakenbetrieb, automatisches Logging per ADIF, Datei- und Bildtransfer und eine eingebaute Offline-Mailbox namens VMail. Kapitel 7 beschreibt das alles im Detail. Nach Angaben des Projekts nutzen mehr als 90.000 Funkamateure in über 100 Ländern VarAC (Stand: Oktober 2026). Offenbar wollten doch einige wieder richtig reden.
1.2.2. Winlink: E-Mail über Funk
Wo VarAC zum Plaudern einlädt, ist Winlink Express der nüchterne Logistiker. Winlink verschickt und empfängt vollwertige E-Mails über Funk, vermittelt über ein weltweites Netz von Gateways. Fällt im Krisengebiet das Internet aus, bleibt eine Winlink-Station mit VARA arbeitsfähig. Wie das System aufgebaut ist, steht in Kapitel 8.
1.3. Lizenzmodell: Free und Registered
Jetzt kommt der Punkt, an dem sich im Amateurfunk traditionell die Gemüter erhitzen: VARA ist keine quelloffene Freeware, sondern proprietäre Shareware. José (EA5HVK) verlangt für die Vollversion eine einmalige Lizenzgebühr von 75 US-Dollar pro Rufzeichen (Stand: Oktober 2026). Die Lizenz gilt für VARA HF, VARA FM und VARA SAT.
Herunterladen, installieren und zeitlich unbegrenzt ausprobieren darf man VARA kostenlos. Die Gratis-Version fühlt sich allerdings an wie ein Porsche, dessen Tempomat bei 30 km/h festklemmt.
| Kriterium | Kostenlose Testversion (Free) | Registrierte Vollversion (Registered) |
|---|---|---|
| Geschwindigkeit KW (500 Hz) | Begrenzt auf rund 180 bps | Volle Bandbreite bis 1.543 bps |
| Geschwindigkeit KW (2300 Hz) | Begrenzt auf rund 180 bps | Bis 7.050 bps |
| VARA FM (VHF/UHF) | Stark limitierte Datenrate | Schmalband bis rund 12.750 bps, Breitband laut Hersteller bis 19.200 bps |
| Winlink-Gateway-Zugang | Zeitlich begrenzte Sessions | Unbegrenzte Sessions (laut Hersteller Teil der Lizenz) |
| VarAC-Eignung | Ausreichend für Standard-Text-Chat auf 500-Hz-Slots | Pflicht für zügigen Bild-/Dateitransfer und 2300-Hz-P2P |
Für den Einstieg in den VarAC-Textchat auf Kurzwelle reicht die kostenlose Variante aus. Die regulären Chat-Slots arbeiten ohnehin im schmalen 500-Hz-Raster, und kaum jemand tippt schneller, als rund 180 bps transportieren können. Wer dagegen über Winlink größere Anhänge verschicken oder in VarAC Farbbilder tauschen will, merkt ohne Registrierungsschlüssel schnell, dass ein einzelnes Bild die Geduld einer ganzen Teestunde braucht.
Für Puristen gibt es inzwischen eine unabhängige Open-Source-Alternative in Rust: Xara, der Kandidat mit dem einen Buchstaben Unterschied aus meiner Wortwolke. Mehr dazu in Kapitel 3 und 10.
2. Protokolle im Vergleich
Wenn Funkamateure über digitale Betriebsarten diskutieren, endet das im Clubheim gern im Glaubenskrieg. Für die einen ist alles nach der Morsetaste Teufelszeug, für die anderen beginnt die Moderne erst, wenn der Rechner die Antenne selbst abstimmt.

Wer aber abseits des Internets Daten von A nach B schaufeln will, ob gemütliche Plauderei oder dringende Lagemeldung, merkt schnell: Der Äther ist ein tückisches Pflaster. Fading, statische Entladungen von Gewittern und das allgegenwärtige Rauschen machen aus hübschen Bitketten in Millisekunden digitales Konfetti. Dagegen helfen nur ausgefuchste Protokolle. Wir schauen uns die Ahnenreihe an, die Konkurrenz und schließlich das Innenleben von VARA.
2.1. PACTOR (I bis IV)
Über Jahrzehnte gab es im professionellen Seefunk und im anspruchsvollen Winlink-Betrieb nur eine Antwort auf die Frage nach Robustheit: PACTOR.
Entwickelt hat es die deutsche Firma SCS, und das Verfahren läuft auf Hardware-Controllern mit eigenem Signalprozessor. PACTOR-1 (noch mit alten KAM-Plus-Modems nutzbar) erinnert eher an eine Brieftaube im Gegenwind. PACTOR-4 dagegen ist schnell: Bei einer Standard-SSB-Bandbreite von 2400 Hz erreicht es unkomprimiert bis zu 5.512 bps netto. Der Trick dabei: PACTOR-4 arbeitet in allen 10 Speed-Levels mit einem einzigen Träger, den es mit Symbolraten bis zu 1800 Baud sehr dynamisch moduliert.
Der Haken ist, dass PACTOR komplett proprietär ist. Die Spezifikationen der höheren Modi werden gehütet wie das Rezept von Coca-Cola, und die Hardware-Modems (etwa der P4 Dragon) schlagen mit vierstelligen Beträgen ab rund 1.500 US-Dollar zu Buche. Wer sich so eine Kiste ins Shack stellt, muss zu Hause sehr glaubhaft versichern, dass davon das Überleben der Zivilisation abhängt.
2.2. ARDOP
Funkamateure reagieren auf geschlossene Blackboxen allergisch. 2015 wurde deshalb auf der ARRL/TAPR Digital Communications Conference die Gegenbewegung vorgestellt: ARDOP (Amateur Radio Digital Open Protocol).
Die Idee war gut: ein quelloffenes Software-Modem für die normale Soundkarte, das WINMOR ablöst und PACTOR Paroli bietet, ohne einen Cent Lizenzgebühr. ARDOP arbeitet wahlweise mit 200, 500, 1000 oder 2000 Hz Bandbreite. Die Ernüchterung folgte allerdings auf dem Fuß. Bei 2000 Hz kriecht ARDOP mit höchstens 2.296 bps (Spezifikationswert, brutto) über die Kurzwelle. Im Simulatorvergleich der Winlink-Entwickler von 2020 war ARDOP deutlich langsamer als PACTOR und VARA, und sobald das Signal im Rauschen versinkt oder Mehrwegeausbreitung zuschlägt, gerät es spürbar ins Schleudern. Man liebt ARDOP für seinen offenen Geist, braucht für zügigen Datenaustausch aber Nerven wie Drahtseile.
2.3. Packet Radio (AX.25)
Wer in den 1980er- und 90er-Jahren mit Funk groß geworden ist, erinnert sich mit feuchten Augen an piepsende TNC2-Kisten und klackernde Relais: Packet Radio auf Basis des Protokolls AX.25.
Auf UKW war und ist Packet mit 1200 Baud (AFSK) und 9600 Baud (FSK) der Volkswagen des Datenfunks: läuft und läuft. Technisch ist AX.25 aber im letzten Jahrtausend stehen geblieben. Es kennt keine adaptive Geschwindigkeit. Wird die Verbindung schlechter, knallt das Paket gegen die Wand, und man schraubt von Hand an Parametern wie Paclen oder Maxframe. Eine echte Fehlerkorrektur gibt es nicht: Kippt ein Bit, wird der ganze Frame stumpf wiederholt.
2.4. VARA: ARQ und OFDM
Warum schlägt dieses spanische Software-Modem auf Kurzwelle und UKW so ein? Die Antwort steckt in den beiden Verfahren aus 1.1, die wir uns jetzt genauer ansehen.
2.4.1. ARQ: bitgenau oder gar nicht
VARA arbeitet als striktes ARQ-System. Nach jedem Datenblock antwortet die Empfangsstation mit einer kurzen Quittung. Wie lange Block und Quittung dauern, hängt vom gerade genutzten Speed Level ab. Stimmt die 32-Bit-CRC-Prüfsumme, kommt ein ACK (Acknowledge) und der nächste Block folgt. Hat das Rauschen zugeschlagen, kommt ein NACK (Negative ACK), und der Block wird wiederholt.
Eine Nachricht kommt also unverfälscht an oder gar nicht. Wer aus der RTTY- oder PSK31-Welt kommt, wo schlechte Bedingungen lustige Buchstabensuppen wie „Vy 73 d# %&x?“ erzeugen, muss umdenken: Bei VARA gibt es keinen Zeichensalat.

2.4.2. OFDM: viele Träger statt eines Tons
PACTOR-3 variiert die Zahl der Töne je nach Modus (2 bis 18), PACTOR-4 setzt auf einen schnellen Einzelträger. VARA geht den anderen Weg: VARA HF nutzt auf 2300 Hz Bandbreite bis zu 49 eng benachbarte Träger (bei 500 Hz sind es bis zu 11), in den schnellen Stufen moduliert mit gemächlichen 42 Baud (je nach Speed Level 23 bis 94 Baud).

Warum viele langsame Träger besser sind als ein schneller? Die Ionosphäre wirft das Signal auf mehreren Wegen zurück, und die Kopien kommen leicht zeitversetzt an (Mehrwegeausbreitung, Multipath). Bei einem langen Symbol fällt dieser Versatz kaum ins Gewicht, bei einem kurzen verschmiert er das Symbol.
Wird die Verbindung schlechter, dreht VARA an mehreren Schrauben zugleich: Modulation, Zahl der Träger und Symbolrate. Bei einem hervorragenden Signal, also deutlich positivem SNR (Signal-Rausch-Verhältnis), arbeitet VARA mit bis zu 32QAM (Amplituden- und Phasenmodulation) auf bis zu 49 Trägern und erreicht 7.050 bps netto. Bei mäßigem Signal geht es auf 16QAM, 8PSK oder 4PSK zurück (PSK steht für Phasenumtastung). Am unteren Ende stehen BPSK und FSK. Laut VarAC-Angaben dekodiert VARA im günstigsten Fall noch bei etwa -22 dB SNR, wo im Kopfhörer nur noch weißes Rauschen zu hören ist. Dann laufen allerdings nur noch Statusmeldungen und kurze Chat-Brocken durch.
2.5. Die Protokolle im Vergleich
Zur Übersicht der direkte Vergleich für die Kurzwelle im Standard-SSB-Kanal um 2,4 kHz:
| Eigenschaft | PACTOR-3 | PACTOR-4 | ARDOP (2000 Hz) | VARA HF (2300 Hz) |
|---|---|---|---|---|
| Hardware | Teurer SCS-TNC | Sehr teurer SCS-TNC | Nur PC-Soundkarte | Nur PC-Soundkarte |
| Kosten | Teuer (Hardware) | Hardware-Modem, ab rund 1.500 USD | Komplett kostenlos | Shareware (75 USD) |
| Modulation | OFDM (2–18 Töne) | 1 Träger (adaptiv) | Multicarrier (FSK/PSK) | OFDM (bis zu 49 Träger) |
| Max. Durchsatz | ~2.722 bps netto | 5.512 bps netto | 2.296 bps (brutto) | bis 7.050 bps netto |
| Winlink-Simulatortest 2020 | Hinter VARA (Mehrwegekanäle) | Klarer Spitzenreiter | Langsamer, bei schwachen Signalen unzuverlässig | Platz 2 hinter PACTOR-4 |
| Verhalten bei QSB | Sehr gut | Exzellent | Mäßig | Sehr gut (dynamisch adaptiv) |
PACTOR-4 bleibt das Arbeitspferd für Hilfsorganisationen mit großem Budget. Für den normalen Funkamateur bietet VARA beinahe PACTOR-Niveau zum Taschengeld-Tarif einer Soundkarten-Lizenz und lässt ARDOP und WINMOR im Rückspiegel weit hinter sich.
3. Die VARA-Familie
Wir wissen jetzt, warum VARA dem alten PACTOR das Leben schwer macht. Bleibt die praktische Frage: Welches VARA darf es denn sein?

Wer auf der Download-Seite von José (EA5HVK) landet, fühlt sich wie im Tapas-Restaurant: mehrere Schälchen mit ähnlichen Namen, und wehe, man greift zum falschen. Das Modem gibt es in drei offiziellen Varianten für Windows. Dazu kommt ein quelloffener Neuzugang aus der Linux-Welt, der sich nur durch einen Buchstaben unterscheidet.
3.1. VARA HF
VARA HF ist das Flaggschiff. Es wurde für die Ionosphäre gebaut, die bekanntlich alles tut, um ein sauberes Signal mit Mehrwegeausbreitung, Fading und atmosphärischem Knistern zu verunstalten. Damit man nicht mit Kanonen auf Spatzen schießt und mit zu breiten Signalen die Nachbarn verärgert, bietet VARA HF drei Bandbreiten:
- 500 Hz (Narrow): Bürgerpflicht im VarAC-Chat. Das Signal schmiegt sich mit bis zu 11 Trägern schmal ins Band und liefert in der Vollversion bis zu 1.543 bps, im kostenlosen Modus gemütliche rund 180 bps.
- 2300 Hz (Standard): Der übliche Modus für Winlink-E-Mails oder zügigen Bildtransfer in VarAC. Mit bis zu 49 Trägern erreicht das Modem bis zu 7.050 bps netto.
- 2750 Hz (Tactical): Für Notfunk-Einsätze (EmComm, von Emergency Communication) und Gateways mit breiterem Audiozweig wie DA5UDI am Mittelrhein. Der Sender muss dafür Audio bis etwa 2900 Hz durchlassen; unter den Amateurfunkgeräten nennt die VARA-Kurzanleitung dafür vor allem den IC-7300. Mit bis zu 59 Trägern kitzelt der Modus 8.489 bps aus der Kurzwelle.
Wer auf der Frequenz reinhört, vergisst das Zwitschern von RTTY. VARA HF klingt wie ein wütender Hornissenschwarm im Schleudergang: dicht, vielstimmig und unerbittlich.
3.2. VARA FM
Wer glaubt, Datenfunk auf 2 m und 70 cm müsse bei den 1200 Baud von Packet Radio stehen bleiben, erlebt mit VARA FM sein blaues Wunder. VARA FM kennt zwei Betriebsarten, und hier trennt die Hardware die Spreu vom Weizen:
| Merkmal | NARROW | WIDE |
|---|---|---|
| Anschluss | Mikrofon-/Kopfhörerbuchse reicht völlig aus | zwingend 9600-Baud-DATA-Port (rund 6 kHz Bandbreite, ungefiltert) |
| Träger | etwa 58 | bis zu 116 |
| Netto-Geschwindigkeit | bis rund 12.750 bps | laut Hersteller bis 19.200 bps, in Tests über 25 kbit/s |
| Besonderheit | funktioniert sogar über Standard-FM-Sprechfunkrelais | – |
Die typische Falle: Man klickt im Setup stolz auf „WIDE“, steckt das Handfunkgerät an die Mikrofonbuchse und wundert sich, warum die Gegenstation nur Schluckauf empfängt. Die Pre- und De-Emphasis-Filter eines normalen Mikrofoneingangs verbiegen die 116 Träger. Für WIDE braucht man den flachen, ungefilterten Diskriminator-Ausgang der 9k6-Datenbuchse. Im NARROW-Modus ist VARA FM dagegen gutmütig und läuft an praktisch jeder FM-Kiste.
Außerdem beherrscht VARA FM Digipeating, also das Weitervermitteln über bis zu zwei Zwischenstationen (siehe 9.3).
3.3. VARA SAT über QO-100
Satellitenfunk hat eine Tücke, die einem ARQ-Verfahren das Genick bricht: die Signallaufzeit. Bis das Signal die rund 36.000 Kilometer zum Transponder von QO-100 hinauf und wieder hinunter gereist ist, vergeht eine Viertelsekunde. VARA HF würde hier nervös an den Fingernägeln kauen, den Block für ertrunken halten und hektisch Wiederholungen (Retries) abfeuern.
Dafür gibt es VARA SAT. Seine Timeout- und Quittungszeiten sind an den geostationären Satelliten angepasst. Es arbeitet in reinem SSB, denn auf dem Schmalband-Transponder von QO-100 ist FM nicht erlaubt. Und es ist für QO-100 gemacht: Auf dem festgenagelten Satelliten bleibt die Frequenz stabil, während bei tief fliegenden Satelliten (LEOs wie der ISS) der Doppler-Effekt die Frequenz laufend verschiebt.
3.4. Xara
Jetzt wird es für Linux-Nutzer interessant. Jahrelang mussten Linux-Freunde und Raspberry-Pi-Bastler durch ein Tal der Tränen: Da José den Quellcode von VARA unter Verschluss hält und das Modem tief in Windows verwurzelt ist, half auf dem Pi nur ein wackeliger Turm aus 32-Bit-Wine (einer Windows-Kompatibilitätsschicht), Box86 (einem x86-Emulator für ARM) und winetricks. Wenn der Turm stand, war man glücklich. Wenn er nach einem Kernel-Update wieder kippelte, zweifelte man am Sinn des Hobbys.

Auftritt Xara, geschrieben vom Entwickler x0rro. Ein Buchstabe anders als VARA, und genau der macht den Unterschied: Xara ist eine VARA-kompatible Neuimplementierung des Modems in Rust, laut Projekt getestet gegen VARA HF 4.9.0 und VARA FM 4.4.0. Es braucht keine Windows-Laufzeitumgebung mehr. Ob Winlink über Pat (einen Winlink-Client für Linux) oder die Anbindung an den Daemon rigctld von Hamlib (Hamlib steuert Transceiver per Computer): Xara fügt sich in die Linux-Welt ein.
Installation, Parameter und Zusammenspiel mit Linux-Clients stehen in Kapitel 10, die Lizenzfrage in 10.3.3.
3.5. Die Varianten im Überblick
Aktuelle Versionen (Stand: Oktober 2026): VARA HF 4.9.0, VARA FM 4.4.0, VARA SAT 4.4.5, Xara 0.1.2.
| Merkmal | VARA HF | VARA FM | VARA SAT | Xara (Linux) |
|---|---|---|---|---|
| Primäres Einsatzgebiet | Kurzwelle (SSB) | VHF / UHF (FM) | QO-100 (SSB) | Linux (HF & FM) |
| Bandbreite | 500 / 2300 / 2750 Hz | Schmal / Breit | Schmalband | 500 / 2300 / 2750 Hz & FM |
| Max. netto (unkomprimiert) | bis 8.489 bps | bis 19.200 bps (Hersteller) | Ähnlich HF | wie VARA |
| Betriebssystem | Windows (bzw. Wine) | Windows (bzw. Wine) | Windows (bzw. Wine) | Nativ Linux |
| Lizenz | Shareware (EA5HVK) | Shareware (EA5HVK) | Shareware (EA5HVK) | Open Source (MIT) |
4. Installation unter Windows und Linux
Wer glaubt, die größte Herausforderung im Amateurfunk sei es, eine endgespeiste Halbwellenantenne bei Nieselregen sturmsicher aufzuhängen, hat noch nie 32-Bit-Windows-Software auf einem 64-Bit-ARM-Einplatinenrechner zum Laufen gebracht. Die Windows-Fraktion gleitet meist mit ein paar Klicks durchs Ziel. Den Linux-Nutzer packt dagegen sofort der sportliche Ehrgeiz. Ich habe in meinem Ortsverband erst kürzlich einen Vortrag über Linux Mint gehalten, und ausgerechnet VARA verlangt dort den Umweg über Wine. Wir installieren zuerst unter Windows, dann unter Linux mit Wine und zum Schluss mit Xara.

4.1. Installation unter Windows
Unter Windows ist die Installation von VARA und VarAC unkompliziert. Zwei kleine Stolperfallen sorgen allerdings regelmäßig für verwirrte Gesichter im Shack.
4.1.1. VARA HF / FM installieren
Das Setup für VARA HF oder FM kommt als ZIP-Archiv. Windows blockiert heruntergeladene Archive gern vorsorglich. Deshalb vor dem Entpacken: Rechtsklick auf die ZIP-Datei, Eigenschaften, ganz unten den Haken bei „Zulassen“ (Unblock) setzen, Übernehmen. Wer das vergisst, riskiert, dass Windows später heimlich benötigte Bibliotheken blockiert.
Danach startest du die Installationsdatei VARA setup (Run as Administrator).exe bzw. VARA FM setup (Run as Administrator).exe, und wie der Name schon sagt, per Rechtsklick als Administrator. Standardmäßig installiert sich VARA HF nach C:\VARA\, VARA FM nach C:\VARA FM\. Lass diese Pfade am besten so, VarAC sucht später genau dort nach der Programmdatei.
4.1.2. VarAC entpacken
VarAC von Irad Deutsch braucht keinen Installer. Du entpackst die heruntergeladene Datei VarAC.zip in ein Verzeichnis deiner Wahl, etwa C:\HAM\VarAC\. Nur nicht in geschützte Systemverzeichnisse wie C:\Program Files\: VarAC legt seine Datenbank (VarAC.db), Protokolldateien und Konfiguration (VarAC.ini) im eigenen Ordner ab und braucht dort Schreibrechte. Eine Desktop-Verknüpfung zur VarAC.exe macht das Leben bequemer.
4.2. Linux mit Wine
Jetzt wird es sportlich. VARA ist ein reines Windows-Programm und braucht unter anderem die Laufzeitbibliotheken von Visual Basic 6. Um das originale Modem unter Linux auszuführen, benötigen wir die Kompatibilitätsschicht Wine.
Auf einem normalen x86_64-Desktop reicht es meist, ein 32-Bit-Wine-Prefix anzulegen und über winetricks die VB6-Runtimes (vb6run), das Dialog-OCX (comdlg32ocx) und Schrifterweiterungen nachzurüsten. Auf einem Raspberry Pi 5 unter Raspberry Pi OS (Bookworm) beginnt dagegen der Turmbau.
4.2.1. Das Raspberry Pi 5 & Bookworm-Dilemma
Der Pi 5 bringt eine 64-Bit-Architektur mit einer Speicherseitengröße von 16 kB mit. Weder Box86, der Übersetzer für x86-Befehle, noch das 32-Bit-Windows-Subsystem kommen damit klar. Beide bestehen stur auf den klassischen 4-kB-Seiten. Das Fundament für den Turm legst du deshalb so:
- In der Boot-Konfiguration des Pi (
/boot/config.txtbzw./boot/firmware/config.txt) erzwingst du den 4k-Kernel mit dem Eintrag:
kernel=kernel8.img
- Nach dem Neustart läuft das System im kompatiblen 4k-Modus.
- Zum Bereitstellen empfiehlt sich Pi-Apps, das sich mit einem Befehl im Terminal installiert:
wget -qO- https://raw.githubusercontent.com/Botspot/pi-apps/master/install | bash
In der grafischen Oberfläche von Pi-Apps holst du unter Tools -> Emulation die Kombination aus Box86 und Wine ins System.
- Alternativ gibt es automatisierte Skripte wie Winelink, die Wine samt VARA-Modem für Winlink vorkonfiguriert bereitstellen. Winelink setzt allerdings ein 32-Bit-Raspberry-Pi-OS voraus.
4.2.2. Absturz durch pdh.dll
Startest du VARA jetzt frohgemut auf dem Pi, verabschiedet sich das Programm nach genau einer Sekunde kommentarlos.
Schuld ist ein unscheinbares Detail: Unten im VARA-Fenster sitzt ein rundes Zeigerinstrument für die Prozessorlast (CPU Usage). Um die Auslastung zu berechnen, fragt das Programm die Windows-Systembibliothek pdh.dll (Performance Data Helper) ab. Unter Wine auf einem ARM-Prozessor schlägt dieser Aufruf fehl und reißt das ganze Modem mit. Die Rettung: Du klemmst diesen Sensor in der Wine-Registry ab.
WINEARCH=win32 wine reg add "HKCU\Software\Wine\DllOverrides" /v pdh /t REG_SZ /d "" /f
Die CPU-Anzeige im VARA-Fenster bleibt danach stumm auf „CPU not available“, aber das Modem läuft stabil, sendet und empfängt. Ein Stockwerk Turm mehr, aber er steht.
4.2.3. VarAC im Linux-Kompatibilitätsmodus
Startet VarAC unter Wine (env WINEDEBUG=-all wine VarAC.exe), muss man dem Programm sagen, dass es nicht auf einem echten Windows-Rechner läuft. Unter Settings -> RIG and VARA Configurations -> Misc. gibt es dafür die Option „Linux compatible mode“. Mit dem Häkchen schaltet VarAC Funktionen ab, die unter Wine gern für Instabilität sorgen, etwa die Windows-Sprachausgabe (Narrations) und die eingebaute Rechtschreibprüfung.
4.3. Linux mit Xara
Wem bei Wine, Prefix, Winetricks und DLL-Overrides die Haare zu Berge stehen, der nimmt den kurzen Weg: Xara. Es ist in Rust geschrieben, braucht keine Windows-Emulation und läuft als nativer Prozess direkt unter Linux. Installation, Start und Konfiguration stehen in Kapitel 10, Winlink unter Linux mit Pat in 8.5.
5. Hardware und Transceiver-Anbindung
Die Software liegt auf der Platte, jetzt geht es an den Schreibtisch. Dort thront der Transceiver, der PC summt vor sich hin, und dazwischen gähnt eine Schlucht aus Kabeln, Steckern und virtuellen Schnittstellen. Bei FT8 kommt man selbst mit verpegelten Signalen irgendwie durch. VARA dagegen ist eine Diva: Wer hier schludert, erntet blockierte Kanäle, genervte Nachbarstationen und eine Endstufe, die um Gnade fleht. Wir verkabeln zuerst Rechner und Transceiver, kümmern uns dann um PTT und Frequenz und pegeln am Ende sauber ein.

5.1. Transceiver anschließen
VARA braucht von unserem Transceiver zwei Dinge. Erstens Audio in beide Richtungen, um den Datenstrom zu hören und zu senden. Zweitens Steuerung über PTT (Push to Talk, auf Sendung tasten) und CAT (Computer Aided Transceiver, die Frequenz einstellen). Wie komfortabel das wird, hängt stark vom Baujahr des Transceivers ab.
| Gerätetyp | Beispiele | Anbindung |
|---|---|---|
| Moderner Transceiver | IC-7300, FT-991A, TS-590SG, FlexRadio | ein einziges USB-Kabel (interner USB-Audio-Codec und virtueller COM-Port) |
| Klassischer Transceiver | FT-857, FT-897, TS-2000, K2/K3 | USB zum Digital-Interface (Digirig, microHAM usw.), von dort Audio und CAT über Mini-DIN/ACC zum TRX |
5.1.1. Moderne Rigs mit integriertem USB-Audio-Codec
Wer ein modernes Gerät besitzt, etwa den allgegenwärtigen Icom IC-7300, einen Yaesu FT-991A, einen Kenwood TS-590SG oder ein FlexRadio, kann sich zurücklehnen. Ein einziges USB-Kabel transportiert über den internen USB-Audio-Codec das Audio in beide Richtungen und stellt gleichzeitig virtuelle COM-Ports für die CAT-Steuerung bereit.
Wichtig ist das Menü am Transceiver. Der Modus muss auf DATA bzw. USB-D stehen (beim IC-7300: USB-D, bei Yaesu: DATA-U), und die Modulationsquelle für Daten muss auf USB zeigen. Bei Yaesu liegen diese Einstellungen im DATA-Bereich des Menüs; die Menünummern unterscheiden sich je Modell und stehen im Handbuch deines Geräts. Wer das vergisst, sendet die Raumakustik seines Shacks samt Kaffeetassengeklapper über das Mikrofon in die Welt, während das VARA-Modem stumm bleibt.
5.1.2. Ältere Transceiver mit externem Interface
Ältere Schätzchen haben keine USB-Soundkarte an Bord. Hier helfen externe Interfaces:
- Digirig Mobile / Lite: Der Liebling der Portabel- und Notfunk-Szene. Winzig, galvanisch getrennt, Soundkarte und PTT/CAT in einem Gehäuse.
- microHAM USB Interface III / micro KEYER II: Die Luxusklasse fürs Stations-Shack, mit eigener Router-Software für virtuelle COM-Ports und aufwendigem Audio-Switching.
- SignaLink USB: Der betagte Veteran, für Schmalband-VARA (500 Hz) problemlos. Bei VARA FM WIDE ist Vorsicht geboten: Die roten Standard-Übertrager beschneiden das Audiospektrum oberhalb von 3 kHz. Für die volle Wide-Datenrate (laut Hersteller bis 19,2 kbit/s) brauchst du andere Übertrager („Black Transformers“) oder ein breitbandiges Interface wie das DRA- bzw. RA-Board.
5.2. PTT- und Frequenzsteuerung
VARA und VarAC müssen den Sender im richtigen Augenblick tasten und wieder abfallen lassen. Dafür gibt es mehrere Wege:

- CAT-Steuerung: Der eleganteste Weg. VarAC schickt Steuerbefehle über die serielle Schnittstelle an den Transceiver, stellt die Frequenz passend zum gewählten Chat-Slot ein und schaltet die PTT.
- Hardware-Steuerleitungen (RTS / DTR): Ein klassischer Kniff bei virtuellen oder echten COM-Ports. Das Programm setzt den RTS- oder DTR-Pin des USB-Seriell-Wandlers auf High, und das löst die Sendertastung aus.
- C-Media RA-Board (DRA-Serien): Bei VARA FM beliebt. Ein GPIO-Pin des C-Media-Soundchips schaltet direkt die PTT.
- VOX (Voice Operated eXchange): Bitte nur als Notbehelf. Die sprachgesteuerte Tastung reagiert auf den Audioton. Weil VARA im Millisekundenbereich zwischen Senden und Empfangen wechselt, hinkt die VOX oft hinterher oder schneidet die ersten Töne ab, und das kostet Wiederholungen (Retries).
5.3. ALC und Crest-Faktor
Wer vom SSB-Sprechfunk kommt, hat gelernt: Ordentlich Mikrofonverstärkung, die Nadel der ALC (automatische Pegelbegrenzung) muss tanzen, sonst hört einen keiner. Diesen Satz vergisst du bei VARA sofort. Wer die ALC auf Anschlag treibt, erzeugt keinen lauten Datenstrom, sondern digitalen Sondermüll.

5.3.1. Der physikalische Hintergrund
VARA sendet bis zu 49 (2300 Hz) bzw. 59 (2750 Hz) Töne gleichzeitig. Die meiste Zeit liegt die Summe dieser Wellen auf moderatem Pegel. In manchen Momenten addieren sich die Träger aber zu hohen Spannungsspitzen. Das Verhältnis von Spitze zu Mittelwert heißt Crest-Faktor, und bei OFDM ist er hoch.
Daraus folgt eine Kette: Der 100-Watt-Transceiver will die Spitzen linear abstrahlen, die Endstufe erreicht ihre Grenze, die ALC greift hart ein und kappt die Spitzen ab (Clipping). Damit sind die feinen Phasen- und Amplitudenbeziehungen der QAM-Signale zerstört, und es entstehen Intermodulation und Nebenwellen über das halbe Band. Die Gegenstation sieht ein Mördersignal auf dem Wasserfall, kann aber keinen einzigen Frame dekodieren, weil die Signalpunkte im Konstellationsdiagramm zu Brei gequetscht sind.
5.4. VARA einpegeln
Für Standard-Transceiver von Icom, Yaesu und Kenwood gilt eine eiserne Faustregel: ALC auf etwa ein Drittel der Skala, keinesfalls mehr als die Hälfte. Weniger ist hier mehr.
| Einstellung | ALC-Anzeige | Folge |
|---|---|---|
| Falsch | bis in den roten Bereich | Übersteuerung und Splatter, Datenmüll garantiert |
| Richtig | etwa 1/3, höchstens 1/2 der Anzeige | sauberes OFDM-Signal |
5.4.1. Schritt-für-Schritt-Abgleich bei VARA HF
- Dummyload anschließen oder eine garantiert freie Frequenz wählen.
- Im Menü des Transceivers die Anzeige auf das ALC-Meter stellen.
- Im VARA-Setup unter
Settings -> Soundcardden Lautstärkeregler (Drive Level) aufrufen. - Den roten Button TUNE anklicken. Das Modem sendet jetzt einen Testton.
- Den Drive-Level-Schieberegler in der Software (oder die Windows-Lautstärke des USB-Codecs) so einstellen, dass die ALC-Anzeige am Transceiver etwa 1/3 des Skalenbereichs erreicht (höchstens die Hälfte) bzw. gerade eben sichtbar ausschlägt.
- Erneut auf TUNE klicken, um den Sendevorgang zu beenden.
Sonderfall Elecraft (K3, KX3, KX2): Elecraft nutzt eine geschlossene Leistungsregelung. Hier wird die NF so eingepegelt, dass im Display 4 Balken ALC dauerhaft leuchten und der 5. Balken leicht flackert (nicht verifiziert). Bei Elecraft beginnt die echte ALC-Regelung erst ab dem 5. Balken, die ersten vier sind nur eine optische Einstellhilfe für den Audiopegel. Die Sendeleistung bestimmt allein der POWER-Drehknopf.
5.4.2. Kalibrierung bei VARA FM (Auto-Tune)
Auf UKW entfällt das ALC-Problem des Einseitenbands, dafür lauert der Frequenzhub. Zu leise moduliert heißt schlechtes SNR, zu laut moduliert lässt den Empfänger-Limiter der Gegenstation anschlagen. VARA FM bringt dafür ein eigenes Werkzeug mit: Auto Tune. In den Soundkarten-Einstellungen trägst du das Rufzeichen eines lokalen Gateways oder einer Relaisstation ein und klickst auf Auto Tune. Die Software sendet kurze Testsignale aus und meldet zurück, ob der Hub passt.
6. VarAC einrichten
Wenn du bis hierher durchgehalten hast, liegen die Programme auf der Platte und der Transceiver hängt am Rechner. Jetzt kommt der Moment, vor dem selbst gestandene DX-Veteranen kurz innehalten: das Konfigurationsmenü. VarAC beißt nicht, es will nur sehr genau umsorgt werden. Wer hier fünf Minuten sorgfältig investiert, funkt später mit der Kaffeetasse in der Hand, während das Programm Frequenzwechsel und Logbuch selbst erledigt. Wir gehen die Einstellungen in der Reihenfolge durch, in der VarAC sie abfragt.

6.1. Basiseinstellungen
Beim ersten Start von VarAC.exe öffnet sich das Fenster „My Information“. Hier legst du deine digitale Visitenkarte an:
- Callsign: dein Amateurfunk-Rufzeichen. Präfixe oder Suffixe wie
/Poder/QRPkommen in die eigenen Zusatzfelder. - QTH & Locator: dein Standort und dein Maidenhead-Locator, z. B.
JO60. VarAC prüft den Locator pingelig, bevor er in die Datenbank wandert. - Setup-Angaben: Transceiver, Sendeleistung und Antenne.
- Ice-Breaker-Feld: Eine nette Idee von Irad (4Z1AC). Hier kannst du Alter, Beruf oder andere Hobbys eintragen, als Gesprächsstoff für das erste QSO.
Wozu das Ganze? VarAC arbeitet mit Informations-Tags. Im QSO musst du Namen oder Locator nicht eintippen. Ein Klick auf ein vorgefertigtes Makro (Canned Message) schickt Tags wie <CALL>, <NAME>, <QTH> oder <LOC> an die Gegenstation. Deren VarAC liest die Tags aus und füllt die Logbuchzeile für dich gleich mit aus.
6.2. Rig-Steuerung
Unter Settings -> RIG and VARA Configurations im Reiter RIG sitzt die Automatik. Hier legst du fest, wer dem Transceiver sagt, wann er senden soll (PTT) und auf welche Frequenz er springen muss (Frequency Control). Beides lässt sich getrennt einstellen:
- Direktes CAT: VarAC bringt für viele Transceiver (z. B. Icom IC-7300, Yaesu FT-991A/FTDX10, Kenwood, FlexRadio) fertige Befehlssätze mit. Gerätetyp auswählen, Baudrate und virtuellen COM-Port eintragen, TEST drücken.
- OmniRig: Unter Windows sehr beliebt. Wer OmniRig ohnehin installiert hat, wählt OmniRig (Rig 1) und vermeidet damit COM-Port-Kollisionen mit anderen Shack-Programmen. VarAC verlangt allerdings OmniRig V1.x, mit V2.0 gibt es Ärger.
- Hamlib (
rigctld): Die Lösung für Linux. VarAC verbindet sich per TCP mit Hostlocalhostund Port4532. - DTR / RTS: Für Interfaces wie microHAM oder einfache USB-Wandler, die die PTT über eine eigene Schaltleitung tasten.
Die wichtigste Option versteckt sich darunter: Aktiviere „Read Freq. every xx sec“ und trage einen kurzen Abstand ein, etwa 2 Sekunden. Dann weiß VarAC jederzeit, auf welchem Band du stehst. Ohne diese Einstellung zeigt VarAC bei gehörten Stationen in der Band-Spalte nur ein trauriges NA (Not Available).
6.3. Kopplung mit dem Modem
VarAC und das Modem, ob originales VARA oder Xara, sind zwei getrennte Programme, die über TCP/IP miteinander plaudern. Unter Settings -> RIG and VARA Configurations -> Reiter: Vara stellst du die Verbindung her:
- VARA Modem Type: VaraHF, VaraFM oder VaraSAT.
- IP / Host: Läuft das Modem auf demselben Rechner, bleibt es bei
127.0.0.1(localhost). - Ports: Der Befehlsport ist standardmäßig 8300, der KISS-Port 8100. KISS ist ein einfaches Rahmenprotokoll für Paketdaten.
- VARA File Path: der Weg zur Datei
VARA.exebzw.VARAFM.exe. - Start modem upon startup: Hier unbedingt den Haken setzen. Dann startet VarAC das Modem künftig im Hintergrund gleich mit.
6.4. Logging und Schnittstellen
Wer nach dem QSO noch Logbucheinträge abtippt, hat eindeutig zu viel Freizeit. VarAC loggt selbst, und zwar auf mehreren Wegen.
Ist unten rechts Auto log QSO aktiv, wandert jedes QSO automatisch in die Datei VarAC_qso_log.adi im Programmverzeichnis. Das offizielle ADIF-Komitee führt VARA als Submode unter der Betriebsart DYNAMIC, und so schreibt VarAC es auch ins Log: Mode: DYNAMIC und Submode: VARA HF (bzw. VARA FM oder VARA SATELLITE).
Im Reiter Logging wählst du dein Logprogramm. Ob Log4OM, N3FJP, DXKeeper, Ham Radio Deluxe (HRD) oder N1MM: VarAC schickt die QSO-Daten per UDP oder TCP sofort an den eingestellten Port (z. B. Port 2333 für HRD). Log4OM2 kann die Datei VarAC_qso_log.adi außerdem direkt überwachen (Realtime ADIF File Monitoring). Der Vorteil: War das Logprogramm beim QSO versehentlich geschlossen, liest es die QSOs beim nächsten Start nach.
Setzt du zusätzlich den Haken bei Upload to PSKReporter, erscheinen deine empfangenen Baken und Signale auf der PSKReporter-Weltkarte. Das hilft allen beim Einschätzen der Ausbreitungsbedingungen.
6.5. Profile und Mehrinstanzen-Cluster
Du hast zwei Transceiver, etwa ein KW-Gerät und eines für UKW? Oder ein SDR wie ein FlexRadio, das mehrere Bänder gleichzeitig empfängt? Dafür gibt es in VarAC Profile. Du kopierst die Datei VarAC.ini im Programmordner und benennst sie um, etwa in VarAC_IC7300.ini und VarAC_FT991A.ini. Über Settings -> Switch profile oder eine eigene Desktop-Verknüpfung (Aufruf: VarAC.exe VarAC_IC7300.ini) startet VarAC mit den Einstellungen für das jeweilige Gerät.
Für Mehrband-Betrieb gibt es den VarAC-Cluster-Modus. Mehrere VarAC-Instanzen laufen parallel auf verschiedenen Bändern und greifen auf dieselbe SQLite-Datenbank (VarAC.db) zu. Eine VMail, die jemand auf 40 Metern in deiner Mailbox ablegt, kannst du so gleich auf 20 Metern weiterleiten. Damit zwei Instanzen an einer gemeinsamen Antenne oder einem Transceiver nicht gleichzeitig senden und sich gegenseitig grillen, sperrt die sendende Instanz über die PTT-Sperre (PTT lock) die PTT aller anderen.
7. Praxisbetrieb mit VarAC
Wir kennen ihn alle, diesen Moment im Shack: Die Software ist eingerichtet, der Transceiver blinkt nicht mehr wie ein Weihnachtsbaum, und der Mauszeiger kreist nervös über dem Senden-Knopf. „Was passiert, wenn ich jetzt klicke? Antworte ich versehentlich einer Antarktis-Expedition oder blamiere ich mich vor der halben Welt?“ Keine Sorge. Anders als beim FT8-Klickmarathon ist VarAC ein echter Treffpunkt mit Hausordnung. Wir schauen uns die Anruffrequenz und das Slot-System an, spielen ein QSO von vorn bis hinten durch und landen bei Baken, Tags, VMail und den ungeschriebenen Regeln.

7.1. Die Anruffrequenz (CF)
VarAC funktioniert wie ein Marktplatz: Man trifft sich an einem festen Ort, begrüßt sich kurz und zieht dann gemeinsam in eine ruhige Seitengasse, um ungestört zu plaudern. Der Marktplatz heißt Anruffrequenz (Calling Frequency, CF). Jedes Band hat genau eine, angegeben als USB-Dial-Frequenz:
- 20 m: 14.105.000 Hz, das Zentrum des Geschehens
- 40 m: 7.105.000 Hz, der europäische Abendtreff
- 15 m: 21.105.000 Hz / 10 m: 28.105.000 Hz, wenn die Sonne mitspielt
- 80 m: 3.595.000 Hz, für die gemütliche Runde nach Sonnenuntergang
- UKW: 144.950 MHz (2 m FM) und 439.600 MHz (70 cm FM)
Die Anruffrequenz ist wie eine Bushaltestelle: Man steigt ein, man steigt aus, aber man baut dort kein Zelt auf.
Erlaubt: kurze Baken, CQ-Rufe, schnelle Pings.
Verboten: ausführliche Chats oder Bildübertragungen. Laut Handbuch dient die CF nur der Partnersuche und kurzen QSOs von höchstens sechs Minuten.
Wer länger als nötig auf der CF herumlungert, blockiert den Einstieg für alle anderen. Irad (4Z1AC) hat deshalb einen technischen Riegel vorgeschoben: Die breite 2300-Hz-Bandbreite ist auf der Anruffrequenz gesperrt.
7.2. Das Slot-System
Wenn sich Hunderte Stationen um eine einzige Frequenz drängen, bricht ohne System binnen Sekunden das Chaos aus. Früher wich man von Hand nach oben oder unten aus und landete prompt auf der nächsten plaudernden Station. VarAC löst das mit Slots: einem festen Frequenzraster um die Mittenfrequenz im Abstand von 750 Hz.

Ein VarAC-Chat belegt im Standardbetrieb nur 500 Hz. Im 750-Hz-Raster passen deshalb bis zu 10 unabhängige QSOs direkt neben die Anruffrequenz, ohne dass sich die Stationen ins Gehege kommen.
7.3. Ein QSO von A bis Z
Wie läuft ein VarAC-QSO wie aus dem Bilderbuch ab? Hier zuerst der Überblick, danach die Schritte einzeln.

7.3.1. CQ rufen
Du klickst auf CALL CQ, und der CQ Slot Selector öffnet sich. Dort wählst du einen freien Slot, sagen wir Slot 12. Jetzt kommt das wichtigste Werkzeug: Du hältst den Button SLOT SNIFFER gedrückt. VarAC dreht deinen Transceiver für ein paar Sekunden auf die Slot-Frequenz, und du hörst mit eigenen Ohren, ob der Kanal wirklich frei ist. Ist alles ruhig, lässt du los und klickst auf CALL CQ.
Dein Transceiver sendet den CQ-Ruf auf der Anruffrequenz. In dieses kurze Signal kodiert VarAC die Information „Ich bin DL6LG und warte auf Slot 12“. Direkt nach dem Senden schaltet VarAC deinen Transceiver auf Slot 12 um.
7.3.2. Anbeißen
Bei allen Stationen, die auf der CF lauschen, ertönt ein Gong, eine Sprachausgabe liest dein Rufzeichen vor, und dein Call erscheint im CQ-Fenster. Klickt nun Station B, sagen wir ON2AD, auf deinen Eintrag, schaltet VarAC auch ihren Transceiver auf Slot 12 und sendet die Verbindungsanforderung.
7.3.3. Der Chat
Die Modems synchronisieren sich, tauschen automatisch die Signal-Rausch-Rapporte aus (z. B. <R-08>), und das Chat-Fenster wird aktiv. Du tippst los. Antwortet dein Gegenüber, siehst du wie bei einem Messenger eine lilafarbene Statusmeldung: „ON2AD is typing…“ Du weißt also immer, dass der Partner noch da ist und nicht gerade den Lötkolben sucht.
7.3.4. Beenden
Geht das Gespräch zu Ende, tippst du höflich 73 und klickst auf DISCONNECT. VarAC trennt die Verbindung, trägt das QSO mit Datum, Uhrzeit, Band, Frequenz und SNR in VarAC_qso_log.adi ein und dreht deinen Transceiver per CAT zurück auf die Anruffrequenz.
7.4. Monitor, Baken und Pings
Man muss nicht selbst CQ rufen, um Aktivität zu finden. Das Hauptfenster von VarAC zeigt laufend, wer gerade zu hören ist.
7.4.1. Die Farblogik der Monitor-Listen
In den Listen Beacons und CQ calls siehst du alle Stationen, die dein Empfänger aufschnappt. VarAC hebt farbig hervor, ob es sich um ein neues Rufzeichen handelt, um eine bekannte Station auf einem neuen Band oder um einen alten Bekannten, den du auf diesem Band schon im Log hast. Notfunk-Baken fallen besonders auf. Welche Farbe was bedeutet, zeigt die Farblegende in den Einstellungen.
7.4.2. Baken (Beacons)
Wer im Shack bastelt und keine Lust hat, aktiv CQ zu rufen, setzt den Haken bei SEND BEACONS. VarAC sendet dann in festen Abständen ein kurzes Lebenszeichen aus; der kürzeste einstellbare Abstand beträgt 15 Minuten (im EmComm-Modus 5 Minuten). Andere Stationen sehen dich in ihrer Bakenliste und können dich per Doppelklick anrufen.
VarAC hat dabei Manieren. Ist das Band belegt, sendet es die Bake nicht sofort, sondern wartet, bis die Frequenz mindestens 60 Sekunden lang frei war. Und nach 24 Stunden schaltet sich der Bakenbetrieb von selbst ab, falls der Operator vor dem Transceiver eingeschlafen ist.
7.4.3. Der Ping
Du siehst eine Station in Australien in der Liste und zweifelst, ob deine 50 Watt an der Drahtantenne bis dorthin reichen? Dafür gibt es den PING-Button. VarAC schickt eine kurze Anfrage an das Zielrufzeichen. Steht die Verbindung, antwortet die Gegenstation automatisch mit einem SNR-Rapport, und das Modem trennt sofort wieder.
7.5. Tags, Gesten und Emojis
Wer keine Romane tippen möchte, nutzt das Tag-System. Schickst du <QTH>, <NAME> oder <LOC>, liest VarAC deine Profildaten aus und sendet sie an den Partner. Dessen Software erkennt die Angaben und trägt sie in seine Eingabefelder ein. Dazu kommen kurze Schlüsselwörter, die beim Partner als Symbol oder Klang ankommen. Die aktuelle Liste steht im Handbuch unter Tags & Gestures.
7.6. VMail
Was passiert mit Nachrichten an dich, wenn deine Station läuft, während du einkaufen bist? Dafür gibt es VMail (Virtual Mailbox).

Im einfachsten Fall verbindet sich eine Station mit deinem unbesetzten Rechner und legt eine Textnachricht direkt in deiner Datenbank ab. Kommst du zurück ins Shack, blinkt unten rechts „1 NEW VMAIL“.
Interessanter wird es, wenn keine direkte Verbindung zustande kommt. Du willst deinem Funkfreund in Japan schreiben, aber die Bedingungen sind miserabel? Dann parkst du die Nachricht bei einer gut hörbaren Zwischenstation, etwa in Schweden oder Österreich, und der Empfänger holt sie dort ab.
Wo parkt man am besten? Das beantwortet der Path Finder. Im erweiterten Menü tippst du das Zielrufzeichen ein und klickst auf FIND PATH. VarAC fragt das Band: „Wer hat die Zielstation kürzlich gehört?“ Die Zwischenstationen melden sich mit Zeit und SNR, und du weißt, wo du die Nachricht am besten zwischenlagerst.
7.7. Betriebsetikette
Digitalfunk ist herrlich anonym und verleitet deshalb manchmal zu Unarten. Vier Regeln machen dich auf den Bändern zum gern gesehenen Gast:
- Slot Sniffer zur Gewohnheit machen: Nur weil der Wasserfall auf der Anruffrequenz sauber aussieht, ist Slot 13 noch lange nicht frei. Halte vor jedem CQ-Ruf kurz den Button SLOT SNIFFER gedrückt und hör auf der Zielfrequenz rein (siehe 7.3.1).
- Die Anruffrequenz respektieren: Wer dort Romane tippt oder Dateien überträgt, erntet zu Recht Unmut. Sie dient nur dem Erstkontakt und dem Aushandeln des Slots (siehe 7.1).
- Baken-Disziplin: Wenn 50 Stationen in kurzen Abständen Baken auf die Anruffrequenz hämmern, kollidieren die Signale pausenlos. VarAC lässt deshalb keinen kürzeren Abstand als 15 Minuten zu, und das reicht völlig, um auf PSKReporter sichtbar zu sein (siehe 7.4.2).
- ALC im Zaum halten: Etwa ein Drittel der Skala, höchstens die Hälfte. Das schont deine Nachbarn (siehe 5.4.1).
8. Winlink: E-Mail über Funk
Nach dem Plaudern kommt die Logistik. Stell dir vor: Ein Unwetter fegt übers Land, das Glasfaserkabel liegt zerrissen im Schlamm, die Mobilfunkmasten schweigen, und der Leiter der örtlichen Hilfsorganisation fragt mit leichter Panik im Blick: „Und wie schicken wir jetzt die Lageberichte ans Lagezentrum?“

Das ist der Moment für Winlink. Hier wird nicht gechattet. Winlink ist ein weltweites Funk-E-Mail-System: Es nimmt deine Nachricht über Kurzwelle oder UKW entgegen, reicht sie durch ein Netz von Gateways weiter und liefert sie am Ende als ganz normale E-Mail in einem beliebigen Postfach ab. Wir schauen uns die Bausteine an, wählen ein Gateway, fahren eine Session und richten Winlink zum Schluss unter Linux ein.

8.1. RMS-Gateways, CMS und P2P
Um das System zu verstehen, muss man die drei Beteiligten kennen:
- Der Client: Das bist du mit einer Software wie Winlink Express (unter Windows) oder Pat (unter Linux).
- Die RMS-Gateways (Radio Message Server): Rund um die Uhr betriebene Gateway-Stationen von Funkamateuren und Verbänden, wie DA5UDI am Mittelrhein oder HB9AK in der Schweiz. Sie lauschen auf Kurzwelle und UKW und haben einen stabilen Internetzugang.
- Die CMS (Common Message Server): Redundante Server im Internet, die die Postfächer aller registrierten Funkamateure verwalten.
8.1.1. Gateway-Session vs. Peer-to-Peer (P2P)
Der Normalfall ist die Gateway-Session: Du verbindest dich per Funk mit einem RMS-Gateway. Es nimmt deine ausgehenden Mails entgegen, gibt sie ins Internet weiter und liefert dir im Gegenzug die Mails aus, die jemand an DEINCALL@winlink.org geschickt hat.
Ist das Internet wirklich überall weg, bleibt die Peer-to-Peer-Session (P2P). Zwei Funkstationen verabreden sich auf einer festen Frequenz, z. B. auf 80 m mit NVIS, also Steilstrahlung für den Nahbereich. Die Verbindung läuft direkt von Transceiver zu Transceiver, ohne Gateway und ohne Server.
8.2. Kanalauswahl und Ausbreitungsvorhersage
Wer bei Winlink blind auf die erstbeste Frequenz hämmert, erntet Frust, denn die Ionosphäre ändert sich stündlich. Winlink Express nimmt einem das Rätselraten ab und zeigt eine Liste der Gateways mit Prognose:
| Callsign | Freq (Dial) | Bndw | Dist | Quality | Forecast |
|---|---|---|---|---|---|
| OE5XAR | 7056.5 kHz | 2300 | 230 km | 46 | grün |
| DB0EDQ | 7049.5 kHz | 2300 | 426 km | 48 | grün |
| LA1J | 5353.0 kHz | 2300 | 1348 km | 47 | gelb |
Faustregel: Wähle immer die grün hinterlegten Pfade. So kommst du dahin:
- Im Hauptfenster von Winlink Express wählst du im Dropdown „Vara HF Winlink“ (oder Vara FM Winlink) und klickst auf Open Session.
- Im Session-Fenster klickst du auf Channel Selection.
- Mit Update via Internet lädt Winlink die aktuelle Liste aller aktiven RMS-Stationen herunter.
- Das Programm berechnet aus deinem Maidenhead-Locator und den aktuellen Sonnen- und Ionosphärendaten (SFI) für jedes Gateway eine Ausbreitungsprognose (Path Reliability / Quality Estimate).
- Ein Doppelklick auf einen grün markierten Eintrag übernimmt Frequenz, Mittenversatz und Rufzeichen und stellt den Transceiver passend ein.
Eine Falle lauert bei Dial- und Center-Frequenz. VARA HF legt seine Träger in die Mitte des Durchlassbereichs. Verlangt das Gateway eine Center-Frequenz von 7058.000 kHz, stellt die CAT-Steuerung den Transceiver im USB-Dial automatisch 1,5 kHz tiefer auf 7056.500 kHz. Bitte nicht von Hand „korrigieren“, das gehört genau so.
8.3. Ablauf einer Session mit VARA
Ist die Mail geschrieben und mit Post to Outbox in den Postausgang gelegt, kann es losgehen:

Du klickst im Session-Fenster auf Start. VARA horcht zuerst auf die Frequenz. Steht oben links Channel Free, schaltet das Modem den Sender ein; ist der Kanal belegt, wartet VARA. Die Modems finden sich, synchronisieren die OFDM-Träger und handeln die höchstmögliche Geschwindigkeit aus. Winlink meldet *** Connected to CMS via OE5XAR. Dann gleicht das System die Nachrichtennummern ab: Zuerst gehen deine ausgehenden Mails raus, danach holt der Client wartende Nachrichten vom Gateway. Zum Schluss trennt Winlink sauber (*** Disconnected) und zeigt stolz den Durchsatz in Bytes per Minute. Die Outbox ist leer, der Posteingang gefüllt.
8.4. Formulare und Anhänge
Im Büro hängt man gern mal eine 15-Megabyte-Präsentation an eine E-Mail. Wer das bei Winlink über Kurzwelle versucht, wird von den Gateway-Betreibern mit Schimpf und Schande davongejagt. Auch mit VARA ist Kurzwelle kein Breitbandanschluss, deshalb gelten feste Spielregeln.
8.4.1. Die Notfunk-Formulare (ICS-Templates)
Winlink Express bringt eine große Sammlung an Standardvorlagen (Templates) mit, besonders für den Katastrophenschutz: ICS-213, Wetterberichte, Statusmeldungen von Krankenhäusern. Der Trick dahinter: Füllst du ein solches Formular aus, geht nicht die grafische HTML-Maske über Funk, sondern nur die reinen Textdaten. Das Winlink des Empfängers gießt sie vor Ort wieder in dasselbe HTML-Template. So schrumpft ein zweiseitiges Formular auf wenige Hundert Bytes.
8.4.2. Bildkomprimierung
Muss unbedingt ein Foto mit, etwa von einem Schaden an einer Brücke? Winlink Express hat einen eingebauten Bildkonverter, der Fotos kräftig herunterskaliert. Meine Daumenregel: Kein Mailanhang sollte auf Kurzwelle größer als 5 bis 10 Kilobyte sein. Wer ein hochauflösendes 4K-Foto unkomprimiert durch ein 500-Hz-VARA-Modem quetscht, blockiert den Notfunk-Kanal für Stunden.
8.5. Winlink unter Linux
Wer Windows meidet, muss auf Winlink nicht verzichten. Unter Linux übernimmt der Open-Source-Mailclient Pat die Regie, zusammen mit Hamlib (rigctld) und dem Modem, also VARA über Wine oder Xara nativ (siehe Kapitel 10).

Die Arbeitsteilung ist klar geregelt. rigctld von Hamlib verwaltet allein die serielle Schnittstelle zum Transceiver, horcht auf Port 4532 und schaltet PTT und Frequenz. VARA oder Xara wandelt Audio in Datenbits und horcht auf Port 8300. Pat ist der Winlink-Client: Er zeigt dir im Browser eine Webmail-Oberfläche (localhost:8080), weist rigctld an, den Transceiver auf die Gateway-Frequenz zu drehen, und schickt die Mail-Daten ans Modem.
In der Konfigurationsdatei von Pat (pat configure) laufen die Fäden zusammen:
"hamlib_rigs": {
"my_radio": {
"address": "localhost:4532",
"network": "tcp"
}
},
"varahf": {
"addr": "localhost:8300",
"bandwidth": 2300,
"rig": "my_radio",
"ptt_ctrl": true
}
Gestartet wird in dieser Reihenfolge: erst rigctld, dann das Modem (VARA oder Xara), zuletzt pat http.
# Tab 1: Hamlib-Daemon für die Transceiver-Steuerung
# (-m 1049 ist der Yaesu FT-710; die Nummer deines Geräts zeigt "rigctl -l")
rigctld -m 1049 -r /dev/ttyUSB1 -s 38400 &
# Tab 2: Modem (hier Xara)
xara --call DL6LG --hf 2300 ...
# Tab 3: Pat
pat http
Danach öffnest du im Browser http://localhost:8080 und steuerst Winlink über die Webmail-Oberfläche. Eine Verbindung baust du mit dem gewünschten Übertragungsweg auf:
pat connect varahf:///OE5XAR
Pat lässt rigctld den Transceiver auf die Zielfrequenz drehen, übergibt die Daten ans Modem und wickelt die Session im Browser ab.
9. Notfunk mit VARA, Xara und VarAC
Wir Funkamateure sonnen uns gern im Ruf der unverzichtbaren Retter in der Not. In Sonntagsreden halten wir bei der nächsten Sintflut die Kommunikation der Welt aufrecht, während alle anderen auf schwarze Smartphone-Bildschirme starren.

Tritt der Ernstfall dann ein, folgt oft die Ernüchterung. Mit „Vy 73 es 59 gd dx de DL6LG“ koordiniert man keinen THW-Einsatzzug, und ein im Rauschen erstickter Sprachfunkspruch auf 80 Metern sorgt im Krisenstab eher für Sorgenfalten als für Erkenntnis. Behörden und Hilfsorganisationen wollen keine Signalberichte, sie wollen lesbare Schadenslisten, saubere Formulare, Koordinaten und genaue Bedarfsanforderungen. Genau dafür taugen VARA, Xara und VarAC. Wir ordnen zuerst die Werkzeuge in drei Ebenen ein, schauen dann auf den EmComm-Modus, Digipeater und autarke Infrastruktur und schließen mit den Regeln für den Notbetrieb.
| Ebene | Inhalt | Werkzeuge |
|---|---|---|
| 1 | Strukturierter Datenaustausch | Winlink Express / Pat mit VARA und Xara, Formulare (ICS-213), P2P und Gateways |
| 2 | Ad-hoc-Text und lokale Relais | VarAC VMail (auch bei sehr schwachen Signalen), VARA FM Digipeating (VHF/UHF) |
| 3 | Live-Warnungen und Triage | VarAC Broadcasts (ALL / BCAST), EmComm-Modus, Alarm-Schlüsselwörter [ALERT] |
9.1. Warum VARA im Krisenfall
Warum setzt man bei Stromausfall, Flut oder Blackout nicht einfach auf Packet Radio oder Sprachfunk? Drei Gründe sprechen für VARA.
Erstens das Rauschen. Wenn Notstromaggregate knattern, Schaltnetzteile Störungen spucken und die Ionosphäre zickt, bricht Sprachfunk als Erstes zusammen. VARA HF arbeitet dank OFDM laut VarAC-Angaben noch bei etwa -22 dB SNR (siehe 2.4.2).
Zweitens die Fehlerfreiheit. Eine verschluckte Ziffer in einer Telefonnummer ist ärgerlich, eine verschluckte Ziffer in den GPS-Koordinaten eines Deichbruchs ist fatal. ARQ liefert jeden Block fehlerfrei oder wiederholt ihn (siehe 2.4.1).
Drittens die Plattform. Im Katastrophenfall schleppt niemand einen 25-Kilo-Gaming-PC samt Monitor durchs Unterholz. Der Notfunkkoffer der Zukunft besteht aus einem 12-Volt-Transceiver, einem Raspberry Pi oder einem alten Linux-Laptop, einer LiFePO4-Batterie und einem Solarpanel. Dank Xara läuft das Modem nativ unter Linux, ganz ohne Windows-Emulation.
9.2. Der EmComm-Modus in VarAC
Irad (4Z1AC) hat VarAC von Beginn an mit Werkzeugen für Notfunkgruppen wie ARES, EmComm Deutschland oder das Rote Kreuz ausgestattet.
9.2.1. Optische und akustische Triage
Ein Klick schaltet VarAC in den EmComm-Modus, und das Verhalten der Software ändert sich:
- Notfunk-Baken werden in der Monitor-Liste deutlich hervorgehoben.
- Die eigene Bake geht alle fünf Minuten raus.
- Alle VMails gelten als dringend, eingehende Dateitransfers werden automatisch angenommen.
- Die Oberfläche schrumpft auf das Nötigste, ICS-Formulare stehen als reine Textvorlagen bereit.
- Rufzeichenkennung und SNR-Austausch entfallen, das spart Zeit und Strom.
- Nachrichten mit den Schlüsselwörtern
[EMCOMM]oder[ALERT]meldet VarAC als Alarm.
9.2.2. Broadcasts: Warnungen an alle (ohne Handshake)
Normalerweise arbeitet VarAC strikt von Punkt zu Punkt. Was aber, wenn eine Leitstation eine Unwetterwarnung an alle im Tal verteilten Posten gleichzeitig absetzen muss? Dafür gibt es den Broadcast-Modus (BCAST). Die Nachricht geht an die Sammeladresse ALL oder an eine feste Notfunkgruppe. Eine Quittung gibt es dabei nicht, denn fünfzig Empfänger können schlecht gleichzeitig antworten. VarAC passt die Geschwindigkeit der Aussendung deshalb selbst an (Adaptive Broadcast speed).
9.3. Digipeater auf VARA FM
Im regionalen Katastrophenschutz spielt sich viel auf UKW ab, auf 2 m und 70 cm. Das Problem: UKW breitet sich quasioptisch aus. Liegt zwischen dem Lagezentrum im Tal und der abgesetzten Einsatzzentrale ein 800 Meter hoher Bergkamm, herrscht Funkstille.
VARA FM löst das mit eingebautem Digipeating, also einer digitalen Relaisfunktion. Ohne zusätzliche Serversoftware oder TNC-Befehle trägst du im Verbindungsfenster bis zu zwei Zwischenstationen ein, etwa als Aufruf DB0FMT via DB0WAS. Das Modem der Bergstation nimmt den Datenblock entgegen, quittiert ihn und gibt ihn auf derselben Frequenz ins Nachbartal weiter. Im Narrow-Modus schafft VARA FM bis rund 12 kbit/s. Jeder Zwischenschritt kostet zwar Durchsatz, umfangreiche Evakuierungslisten laufen trotzdem zügig über die Kette.
9.4. Autarke Infrastruktur
Was nützt das schönste Winlink-Gateway, wenn es im Ernstfall selbst am toten DSL-Kabel hängt? In Deutschland, Österreich und der Schweiz, beispielsweise bei der PRGM e.V. am Mittelrhein oder im ÖVSV, setzt man deshalb auf autarke Gateway-Knoten wie die Station DA5UDI. Drei Ansätze greifen dabei ineinander:
- Lokale P2P-Hubs: Funkstationen tauschen über Kurzwelle direkt E-Mails aus, ohne je einen Internet-Server zu berühren, bevorzugt auf 80 m oder 40 m im steilen NVIS-Winkel für eine Nahabdeckung bis 400 km.
- Hybrid-Gateways: Fällt das lokale Glasfasernetz aus, kann ein Gateway über eine zweite Anbindung oder per Kurzwellen-VARA weiterleiten.
- VMail-Relay-Spreading: Im VarAC-Netz verteilen Stationen wichtige Statusmeldungen über das Parken aus 7.6. Selbst wenn zwei Krisenregionen keine direkte Funkverbindung haben, dient eine unbeteiligte Station im Ausland als Zwischenspeicher: Station A parkt den Lagebericht, Station B holt ihn fünf Minuten später ab.
9.5. Regeln für den Notbetrieb
Wenn die Nerven blank liegen, passieren die meisten Bedienfehler. Notfunk-Erfahrene predigen deshalb immer wieder dieselben Regeln:
| Fehler im Normalbetrieb | Tödliche Folge im Notfunk | Die EmComm-Regel |
|---|---|---|
| Zu viel Sendeleistung | Autobatterie nach 30 Min. leer, PA überhitzt | Leistung runter! 20–30 Watt genügen bei VARA völlig. |
| Riesen-Anhänge | Blockiert den Notfunk-Kanal für Stunden | Strikte Text-Diät: Nur ICS-Formulare und stark komprimierte Daten. |
| ALC-Übersteuerung | Datenmüll, Nachbarkanäle werden zugesplattert | ALC auf etwa 1/3! Saubere Signale retten Leben, nicht laute Signale. |
| Dauer-Baken senden | Verstopft die Anruffrequenz für echte Notrufe | Baken aus! Im Katastrophengebiet wird nur gezielt gerufen. |
10. Xara: das Open-Source-Modem für Linux
Als Linux-Nutzer im Amateurfunk ist man Kummer gewohnt. Jahrelang sah der Versuch, VARA auf einem Raspberry Pi oder Linux-Laptop zum Laufen zu bringen, nach Voodoo aus: 32-Bit-Wine-Prefixes anlegen, Speicherseiten von 16k auf 4k umbiegen, Windows-Bibliotheken per Registry abklemmen und hoffen, dass der Turm nicht beim ersten CQ-Ruf einstürzt (Kapitel 4 kann ein Lied davon singen). Der Grund für das Ganze: Das originale Modem von José (EA5HVK) funktioniert prima, ist aber eine proprietäre Windows-Binärdatei.

Dann trat der Entwickler x0rro auf und rief der Pinguin-Gemeinde zu: „Haltet mal kurz mein Bier.“ Das Ergebnis heißt Xara und ist das Wort aus meiner Wortwolke, das diesen ganzen Artikel ausgelöst hat. Ein Buchstabe Unterschied zu VARA, und dieser Buchstabe reißt den Turm ab. In diesem Kapitel bauen wir Xara aus den Quellen, gehen die Startparameter durch und schauen uns Web-Oberfläche, Monitor und das Zusammenspiel mit Linux-Clients an.
10.1. Was ist Xara?
Xara ist eine vollständig unabhängige, native Neuimplementierung des VARA-Modems in Rust. Es braucht weder Wine noch Emulatoren noch Windows-Laufzeitbibliotheken. Die Eckdaten:
- Lizenz: veröffentlicht unter der sehr freizügigen MIT-Lizenz.
- Sprache: Rust, schnell, speichersicher und ressourcenschonend.
- Kompatibilität: laut Projekt getestet gegen VARA HF 4.9.0 und VARA FM 4.4.0. Aktuell ist Xara 0.1.2 (Stand: Oktober 2026).
- Betriebsarten: alle drei VARA-HF-Bandbreiten (500 Hz, 2300 Hz, 2750 Hz) sowie VARA FM in den Modi Narrow und Wide.
- Plattform: Das Projekt beschreibt sich als Modem für Linux.
10.2. Systemvoraussetzungen & Vorbereitung
Bevor wir den Compiler anwerfen, braucht das System ein paar Zutaten.
10.2.1. Systempakete (Dependencies)
Xara braucht Zugriff auf das Soundsystem, wahlweise direkt über ALSA oder über PulseAudio bzw. PipeWire, dazu die üblichen C-Bibliotheken.
- Debian / Ubuntu / Raspberry Pi OS:
sudo apt update
sudo apt install -y build-essential git libpulse-dev libasound2-dev pkgconf
- Arch Linux / Manjaro:
sudo pacman -S --needed base-devel git alsa-lib libpulse pkgconf rust
10.2.2. Rust-Toolchain
Weil Xara in Rust geschrieben ist, empfiehlt sich die offizielle Rust-Toolchain über rustup, sofern du sie nicht über die Distribution beziehst:
curl --proto '=https' --tlsv1.2 -sSf https://sh.rustup.rs | sh
source "$HOME/.cargo/env"
10.3. Installation: Vom Code zum Binary
Es gibt zwei Wege, Xara auf deine Maschine zu bringen.
10.3.1. Weg 1: Der Arch-Komfort (AUR)
Wer Arch Linux oder Manjaro nutzt, hat es unverschämt leicht:
yay -S xara
10.3.2. Weg 2: Kompilieren aus den Quellen (Ubuntu, Debian, Raspberry Pi)
Auf allen anderen Systemen baust du das Binary mit Cargo, dem Paketmanager von Rust:
- Repository klonen und bauen:
git clone https://github.com/x0rro/xara
cd xara
cargo build --release
cargo test
- Binary systemweit bereitstellen: Das fertige Programm liegt in
target/release/xaraund kann nach/usr/local/bin/kopiert werden:
sudo cp target/release/xara /usr/local/bin/
- Alternativ als Einzeiler über Cargo:
cargo install --locked --git https://github.com/x0rro/xara xara
10.3.3. Die Sache mit dem Registered-Mode
Der Registered-Modus ist laut Projekt nur für Besitzer einer offiziellen VARA-Lizenz gedacht. Ohne ihn arbeitet Xara gedrosselt wie die freie Version von VARA. Wer eine Lizenz besitzt, übersetzt Xara mit dem Cargo-Feature registered (cargo build --release --features registered) und startet das Modem mit dem Parameter --registered. Dann laufen Verbindungen zu anderen registrierten Stationen mit voller Geschwindigkeit.
10.4. Startparameter & Konfiguration im Detail
Xara wird über Kommandozeilen-Parameter gesteuert. Du kannst sie beim Start übergeben oder in einer Konfigurationsdatei ablegen:
xara --config /etc/xara.conf
Die wichtigsten Schalter für den Funkalltag:
| Parameter | Werte / Standard | Beschreibung |
|---|---|---|
--call | z. B. DL6LG | Pflichtfeld! Dein Amateurfunk-Rufzeichen. |
--hf | 500 | 2300 | 2750 | Bandbreite im HF-Modus in Hz. |
--fm | narrow | wide | FM-Modus. |
--audio | alsa oder pulse | Wählt das Audio-Subsystem. |
--capture | Hardware-ID / Sink | Audio-Eingang (Mikrofon / Transceiver-Output). |
--playback | Hardware-ID / Source | Audio-Ausgang (Lautsprecher / Modulationszweig). |
--drive-db | ≤ 0 dB (Default -5) | Sendelautstärke feinfühlig absenken (wichtig für saubere ALC!). |
--tx-buffer-ms | 30-500 (Default 40) | Puffergröße; bei Pufferunterläufen (Underruns) erhöhen. |
--port | < 65535 (Default 8300) | TCP-Command-Port für Client-Applikationen. |
--kiss-port | Default 8100 (oder off) | Integrierter TCP-KISS-Port für Paket- und Notfunkdaten. |
--radio | Flag | Aktiviert den echten Funkbetrieb mit Sende-Tastung. |
--ptt | diverse Optionen | Konfiguriert die Hardware-Tastung (CAT, RTS/DTR, GPIO). |
--digi | z. B. N1CALL | Aktiviert automatisches FM-Digipeating für dieses Rufzeichen. |
--record | Pfad (.flac / .wav) | Zeichnet RX, TX und PTT-Zustände lückenlos zur Audioanalyse auf! |
10.5. Die Web-Oberfläche
Wer jetzt denkt, Xara sei nur eine dröge Terminalzeile, hat die Web-Oberfläche noch nicht gesehen. Xara bringt einen eigenen Webserver mit, den der Parameter --ui-port einschaltet:
xara --call DL6LG --hf 2300 --audio alsa \
--capture plughw:CARD=CODEC,DEV=0 --playback plughw:CARD=CODEC,DEV=0 \
--ui-port 8085 --ui-addr 0.0.0.0
Im Browser siehst du das Spektrum, den Verbindungsstatus, Signal-Rausch-Werte und Pufferzustände. Auf einem abgesetzten Raspberry Pi im Notfunkkoffer oder auf dem Dachboden brauchst du damit keinen VNC-Desktop mehr, du bedienst das Modem vom Tablet oder Laptop aus.
Zwei Parameter verdienen dabei Aufmerksamkeit. Ohne --ui-addr lauscht die Oberfläche nur auf dem eigenen Rechner (127.0.0.1). Mit 0.0.0.0 wie im Beispiel ist sie im ganzen Heimnetz erreichbar. Geschützt ist sie standardmäßig durch ein zufällig erzeugtes Token (--ui-token). Der Parameter --ui-control erlaubt Web-Benutzern sogar, den Sender von Hand zu tasten. Das solltest du auch im Heimnetz nur mit Bedacht einschalten.
10.6. xara-monitor: der stille Spion
Neben dem eigentlichen Modem liefert das Projekt ein zweites Werkzeug mit: xara-monitor. Das ist ein rein passiver Empfänger für VARA-HF-Verkehr. Er sendet unter keinen Umständen, lauscht auf der Frequenz und dekodiert laufende Übertragungen zwischen fremden Stationen.
xara-monitor --audio alsa --capture plughw:CARD=CODEC,DEV=0 \
--hf 2300 --ui-port 8086 --dump --json
Der Monitor gibt die Daten als JSON-Strom aus (--json), schreibt die Nutzdaten mit (--dump) und hat eine eigene Web-Oberfläche. Das ist nützlich für Bandbeobachtung, Signalanalyse oder Monitoring-Stationen im Notfunknetz. Der Haken: Weil xara-monitor ständig versucht, alle Träger blind zu korrelieren und zu dekodieren, braucht er deutlich mehr Rechenleistung als das normale Modem und stößt auf kleinen Raspberry Pis an Grenzen.
10.7. Zusammenspiel mit Linux-Clients
Für Clients wie Pat verhält sich Xara wie ein VARA-Modem an den üblichen Ports, 8300 für Kommandos und 8100 für KISS. Start und Konfiguration zusammen mit Hamlib (rigctld) und Pat stehen in 8.5. Das Video von The Tech Prepper zeigt Xara außerdem zusammen mit dem Notfunk-Tool Partyline.
10.8. Was der eine Buchstabe ändert
Mit Xara zeigt die Amateurfunk-Gemeinde, wie man ein geschlossenes System mit eigenen Mitteln nachbaut. Keine Emulationsschichten mehr, keine Abstürze durch Windows-Systemdateien auf dem Raspberry Pi und kein Bangen, ob das nächste Kernel-Update die Station lahmlegt. Xara ist schlank, quelloffen und bringt den Datenfunk unter Linux dorthin, wo er hingehört: ohne Turm auf festen Boden.
11. Fehlersuche und Ausblick
Wenn im Amateurfunk auf Anhieb alles funktionieren würde, wäre das Hobby nur halb so spannend, und wir müssten uns sonntags tatsächlich um den Garten kümmern.

Wer mit digitalen Betriebsarten hantiert, kennt das Gefühl: Die Software meldet stolz „Connected“, der Transceiver klickt, der Wasserfall flackert, und trotzdem kommt kein einziges Byte durch. Bevor du den Lötkolben in die Ecke wirfst oder den Transceiver zum Briefbeschwerer erklärst: Durchatmen. Die meisten Stolpersteine bei VARA, VarAC und Linux sind alte Bekannte. Wir gehen die typischen Fehler durch und schauen danach, wohin die Reise geht.
11.1. Typische Fehler und Abhilfe
Wenn Datenpakete im Nirwana versickern, liegt der Hund meist in einem von vier Bereichen begraben:
| Symptom | Ursache | Lösung |
|---|---|---|
| Transceiver sendet Dauerton (Klingeln/YouTube) | Windows-Sounds auf USB-Codec | Standardgerät umstellen |
| Verbindung bricht bei hoher Leistung ab | HF-Einstrahlung in USB-Kabel | Klappferrite anbringen, PA drosseln |
| Gegenstation antwortet, aber kein Connect | Sampleraten-Konflikt | 48 kHz erzwingen |
| Linux-Modem stürzt beim Start sofort ab | pdh.dll-Crash unter Wine | DLL-Override setzen |
11.1.1. Die Windows-Sound-Falle
Ein Klassiker: Du steckst das USB-Kabel des IC-7300 oder FT-991A ein, Windows erkennt freudig ein „USB Audio CODEC“ und beschließt eigenmächtig: „Prima, ab sofort spiele ich alle Fehlertöne, Mail-Pings und Spotify-Songs über den Transceiver ab.“ Sobald dann ein Windows-Warnton erklingt, tastet die VOX bzw. PTT deinen Transceiver, und du sendest die Systemklänge mit 100 Watt über das 20-Meter-Band.
Die Abhilfe: Rechtsklick auf das Lautsprechersymbol in der Taskleiste, Sound-Einstellungen öffnen und deine normalen PC-Lautsprecher als Standard-Wiedergabegerät festlegen. Den USB-Audio-Codec des Transceivers wählst du ausschließlich direkt in VARA und VarAC aus.
11.1.2. HF im USB-Kabel
Du testest mit 10 Watt, alles läuft. Du drehst mutig auf 80 Watt hoch, klickst auf Verbinden, und plötzlich friert der Bildschirm ein, die PTT bleibt hängen, und Windows meldet gut gelaunt: „USB-Gerät wurde getrennt“.
Die Ursache: Dein USB-Kabel arbeitet als Empfangsantenne für die Hochfrequenz deiner eigenen Antenne (HF-Einstrahlung, Masseschleifen bzw. Ground Loops). Der USB-Controller des Rechners kapituliert und schaltet den Port ab. Dagegen helfen drei Dinge, am besten zusammen:
- Hochwertige, doppelt geschirmte USB-Kabel statt des dünnen Billigkabels vom Discounter.
- Klappferrite an beiden Kabelenden, gern mit 2–3 Windungen durch den Kern.
- Vor allem: Sendeleistung drosseln. VARA HF braucht dank OFDM selten mehr als 25 bis 30 Watt. Wer die Endstufe bei digitalen Dauerton-Betriebsarten permanent mit 100 Watt quält, riskiert ohnehin einen Hitzschlag der Leistungstransistoren.
11.1.3. Das Sampleraten-Missverständnis
Manche Soundkarten laufen mit 44,1 kHz (CD-Qualität), andere bestehen auf 48 kHz (DVD- und Studiostandard). Will VARA 44,1 kHz in einen auf 48 kHz festgenagelten Windows-Treiber stopfen, entstehen Jitter und verlorene Audio-Samples.
Die Abhilfe: In den Windows-Soundeinstellungen (Eigenschaften des USB-Audio-Codecs, Reiter Erweitert) für Aufnahme und Wiedergabe fest „2-Kanal, 16 Bit, 48000 Hz (DVD-Qualität)“ einstellen. Danach schnurrt das Modem wie eine Katze.
11.1.4. Absturz unter Linux
Für alle, die VARA über Wine auf dem Raspberry Pi oder einem Linux-Laptop betreiben: Blitzt das Modemfenster nur kurz auf und schließt sich sofort wieder, hat die Abfrage der Prozessorlast zugeschlagen. Die Abhilfe ist der Wine-Registry-Eintrag für pdh.dll aus 4.2.2.
11.2. Ausblick
Wohin steuert der digitale Datenfunk auf Kurzwelle und UKW? Gegenübergestellt sieht das so aus:
| VARA (EA5HVK), proprietär | Xara (x0rro), Open Source |
|---|---|
| Weiterhin Referenz | Native Rust-Architektur |
| Perfekt optimiert | Plattform-Unabhängigkeit |
| Bei Winlink weit verbreitet | Keine Windows-Altlasten |
| Bleibt geschlossene Blackbox | Community-getriebene Zukunft |
José Nieto Ros (EA5HVK) hat mit VARA ein Stück Funkgeschichte geschrieben. Er hat gezeigt, dass ein PC mit Soundkarte und Mehrton-OFDM teuren Hardware-Modems wie PACTOR das Fürchten lehren kann. Für viele Funkamateure ist VARA heute der Standard für schnellen Datentransfer im Notfunk, bei Winlink und im VarAC-Chat.
Gleichzeitig zeigt Xara, wohin die Reise gehen kann. Die Abhängigkeit von einer einzigen, geschlossenen Windows-Binärdatei war vielen Funkamateuren schon lange ein Dorn im Auge. Dass ein Entwickler das Protokoll analysiert und in Rust für Linux neu gebaut hat, beweist einmal mehr, wie lebendig unsere Gemeinschaft ist: Wir warten nicht darauf, dass uns jemand eine Lösung verkauft, wir bauen sie selbst.
11.3. Epilog
Am Anfang stand bei mir eine Wortwolke und die Frage, was der eine Buchstabe ändert. Die Antwort habe ich jetzt: X statt V heißt unter Linux, dass der Turm aus Wine, Box86 und Registry-Tricks wegfallen kann. Und auf dem Weg dahin haben wir die Physik der bis zu 49 Träger verstanden, die Klippen von Wine und ALC umschifft, das Slot-System von VarAC sortiert und gesehen, wie Winlink im Ernstfall eine Rettungsleine spannt.
Mein erstes eigenes VARA-QSO steht noch aus. Wenn es so weit ist, weiß ich zumindest, wo ich die ALC hinstellen muss. Und wenn dir dann aus Tausenden Kilometern Entfernung das erste fehlerfreie „Vy 73 es gd QSO OM!“ über den Bildschirm läuft, ist da das breite Grinsen, das unser Hobby seit über hundert Jahren ausmacht.
73 de DL6LG